Bachmannpreis

250 Mal A und ein Abgang

Die Schriftstellerin Slata Roschal vor ihrer Lesung Foto: Johannes Puch

Noch die letzten drei Wörter, ein »Vielen Dank« – und dann stand sie auf, nahm ihren Klemmblock mit dem Text und ging einfach raus. Fast genau so nonchalant wie sie in den Saal gekommen war, lief Slata Roschal nach ihrer Lesung am Donnerstag bei den 50. Tagen der deutschen Literatur in Klagenfurt aus dem Saal. Es war kurz nach drei, und sowohl das Publikum als auch die Jury waren für einen Moment etwas verdutzt.

Eine Überraschung war es vielleicht nur für die, die diese Stelle in einem Interview, das wenige Tage zuvor in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht wurde, überlesen hatten. Denn in diesem Gespräch kündigte Roschal ihren Move an. »Ich werde halt meinen Text lesen und dann aufstehen und gehen«, sagte sie. »Nicht aus Protest. Es ist nicht mein Job, einer Jury zuzuhören. Wissen Sie, Kritik ist nicht das Problem in Klagenfurt.«

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Und dann war sie weg, aber ihr Text hallte nach: »Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet« heißt er und ist der Auszug aus einem Roman, der im Sommer 2026 im Ullstein-Verlag erscheinen wird. Erzählt wird die Geschichte von Lea Stein, einer jungen Mutter, die zu einem Vorstellungsgespräch bei einem bekannten Literaturagenten in ein Hotel reist.

»Während Lea durch die Welt der Wohlhabenden laviert – unsicher, beobachtend, rechnend –, putzen Migrantinnen die Zimmer und halten die luxuriöse Fassade aufrecht. Erwin Groß schläft schlecht, trotz Erfolg, und sucht jemanden für die unangenehmen Aufgaben – günstig, versteht sich«, heißt es in der Beschreibung auf der Verlagseite. Und dann stirbt ein Autor. Der Autor ist tot.

Diese Stelle las Roschal etwas anders vor als sie im Text online nachzulesen ist. Denn das, was bei ihrer Lesung ganz still war, liest sich im Text eben so »Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaderaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaautoristtot.« 250 Mal das A und dann der Rest.

Biografisches Gepäck

Warum der Autor tot ist, dieser große literarische Gedanke, darüber diskutierte die Jury nach der Lesung intensiv, noch intensiver allerdings wurde über Roschals Entschluss, der Diskussion nicht beizuwohnen, gesprochen. Einige Jurymitgleider nahmen es – so schien es – schon fast persönlich, dass ihren Ausführungen nicht zugehört werden wollte.

Zwischendurch ging es dann auch wieder um den Text, bei dem Jurymitglied Laura de Weck vor allem »einzelnen Sätze, vielleicht sogar Zitate (...) aus denen man auf ein großes biografisches Gepäck schließen könnte.« Und ihre Kollegin Mithu Sanyal sah Abschnitte dieses Textes wie einen Mikrokosmos mit originellen Ideen. Als ein Ganzes funktionierte der bei Sanyal nicht.

Eingeladen wurde Roschal übrigens von Klaus Kastberger, der von dem schlichten Aufbau des Textes angetan war und mit leicht süffisantem Ton kommentierte, welche Auswirkungen der Abgang der Autorin auf die Diskussion der Jury hatte.

Wer rausgeht, muss auch wieder hereinkommen, und vielleicht ist ja Slata Roschals Text unter denen, die am Sonntag einen Preis erhalten werden. Zu wünschen wäre es der Autorin.

Lesen Sie einen ausführlichen Bericht in der kommenden Printausgabe der Jüdischen Allgemeinen.

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