Großbritannien

»Wir wussten, dass dieser Tag kommen würde«

Wie in Halle 2019 kam der Terror an Jom Kippur. Am 2. Oktober, kurz nach 9.30 Uhr britischer Zeit, fuhr in Crumpsall, einem nördlichen Vorort von Manchester, ein Mann mit einem Auto in eine Gruppe jüdischer Menschen, die sich vor der Heaton-Park-Synagoge versammelt hatten. Dann sprang er heraus und ging mit einem Messer auf sie los. Im Anschluss versuchte er, ins Innere des Gotteshauses vorzudringen. Um das zu verhindern, stemmten sich Rabbiner Daniel Walker und andere Gemeindemitglieder mit aller Kraft gegen die Eingangstür, woraufhin der Angreifer versuchte, das Fenster neben dem Eingang einzuschlagen, was ihm nicht gelang. Als die Einsatzkräfte der Polizei binnen weniger Minuten eintrafen, fanden sie auf dem Bürgersteig vor der Synagoge zwei leblose Menschen.

»Wir dachten zunächst, es handle sich um einen Autounfall«, schilderte ein Augenzeuge, der zufällig am Tatort vorbeigekommen war, als der Angriff begann, das schreckliche Geschehen. »Aber dann sahen wir eine blutende Person am Boden, bewusstlos, vermutlich tot. Auch vor einem Auto lag ein Mann. Dann rief jemand: ›Er ist in der Synagoge.‹ Als wir hinschauten, hatte er ein Messer und versuchte, das Fenster aufzubrechen, um hineinzukommen. Die Polizisten warnten ihn zweimal. Er hörte nicht auf, also schossen sie auf ihn. Er ging zu Boden und stand wieder auf. Also schossen sie noch einmal.«

Zu diesem Zeitpunkt war unklar, ob der Angreifer einen Sprengstoffgürtel trug. Erst nachdem Sprengstoffexperten herbeigeeilt waren und festgestellt hatten, dass es sich um eine Attrappe handelte, konnten die Beamten den Angreifer identifizieren. Es handelte sich um den in Syrien geborenen Jihad Al-Shamie. Er war als kleines Kind mit seinen Eltern nach England gekommen; 2006 hatte er die britische Staatsbürgerschaft erhalten.

Die Bluttat wurde umgehend als Terrorakt eingestuft

»Der 35-Jährige war der Polizei zwar bekannt, aber nicht wegen islamistischer Aktivitäten. Wenige Wochen vor dem Anschlag war er in Zusammenhang mit der Vergewaltigung einer Frau festgenommen und erst nach Zahlung einer Kaution auf freien Fuß gesetzt worden. Die Bluttat vor der Synagoge wurde umgehend als Terrorakt eingestuft. Die Ermittler gehen davon aus, dass Al-Shamie bei seiner Tat von einer extremistischen islamistischen Ideologie beeinflusst war. Noch am selben Tag nahm die Polizei mehrere Personen fest. Sie wurden später aber wieder auf freien Fuß gesetzt.«

Zwei Angehörige der Hebrew Congregation – der 66-jährige Melvin Cravitz und der 53-jährige Adrian Daulby – kamen bei dem Anschlag ums Leben. Besonders bitter: Daulby wurde offenbar von einer Polizeikugel getroffen, wie die Obduktion seines Leichnams ergab. Er war einer jener Männer, die durch ihren mutigen Einsatz Al-Shamies Eindringen in die Synagoge hatten verhindern können. »Derzeit wird davon ausgegangen, dass Adrians Verletzung eine tragische und unvorhergesehene Folge der dringend erforderlichen Maßnahmen unserer Beamten war, um den brutalen Angriff zu beenden«, erklärte die Polizei von Greater Manchester am Tag nach dem Anschlag.

Abdul Rahimi, ein Nachbar von Adrian Daulby, sagte dem Sender »Sky News«: »Er war einer der besten Menschen, denen ich je begegnet bin. Ein großartiger Nachbar. Er spielte immer mit den Kindern, kaufte ihnen Spielzeug und Bücher.« Daulby lebte seit dem Krebstod seines Vaters allein und war selbst krebskrank. Einen weiteren Nachbarn zitierte die Zeitung »Daily Mail« mit den Worten, dass er zuletzt viel Zeit damit verbracht habe, in seinem Garten die Natur zu genießen. »In letzter Zeit ging es ihm nicht so gut«, so der Nachbar weiter. »Als ich am Dienstag mit ihm sprach, sagte er, dass er diesmal an Jom Kippur nicht fasten werde. Deshalb überlegte er, ob er überhaupt in die Synagoge gehen sollte. Er war mehr als ein Nachbar. Er war ein Freund.«

»Wir sind entschlossen, ein erfülltes jüdisches Leben zu führen.«

Bob Kanter

In tiefer Trauer sind auch die Angehörigen und Freunde von Melvin Cravitz. Rund 300 Menschen kamen zur Beisetzung des 66-Jährigen auf dem Friedhof Pendlebury, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Cravitz hatte in der Gruppe der Beter gestanden, die der Attentäter mit seinem Auto rammte. Rob Kanter vom Vorstand der Hebrew Congregation beschrieb ihn als »liebevollen, charismatischen, humorvollen Mann, der immer Gutes im Sinn hatte und seine Gemeinde und seine Familie liebte«. Kanter sagte weiter: »Wir sind alle entschlossen, mit Würde weiterzumachen und als stolze Mitglieder der britischen Gesellschaft ein erfülltes jüdisches Leben zu führen.« Cravitz hatte in einem Lebensmittelgeschäft gearbeitet. »Er war immer da, immer geduldig mit allen, hatte immer ein freundliches Wort«, sagte ein Nachbar über ihn.

Neben Adrian Daulby wurde im Inneren der Synagoge noch ein zweiter Beter von einer Polizeikugel getroffen. Auch Yoni Finlay hatte dabei geholfen, das Eindringen des Attentäters zu verhindern. Finlay erlitt Verletzungen an Lunge, Zwerchfell und Magen und wurde sieben Stunden lang notoperiert, wie seine Frau Naomi gegenüber der BBC sagte. Insgesamt vier Personen wurden mit zum Teil schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht.

Er hat Juden angegriffen, weil sie Juden sind

Premierminister Keir Starmer und seine Frau Victoria, die Jüdin ist, besuchten tags darauf den Tatort. Als die Nachricht aus Manchester ihn erreichte, verließ der Regierungschef umgehend ein europäisches Gipfeltreffen in Dänemark und kehrte nach Großbritannien zurück. Noch am Flughafen versprach er mehr Sicherheit für jüdische Einrichtungen und verstärkte Anstrengungen im Kampf gegen Antisemitismus. »Ein abscheulicher Mensch« habe »Juden angegriffen, weil sie Juden sind, und Großbritannien angegriffen, weil wir bestimmte Werte vertreten«, so Starmer in einer Videobotschaft an die Nation. Sein Land müsse immer ein Land sein, das sich gegen Hass zur Wehr setze. Und es müsse Menschen »nicht nur Zuflucht bieten, sondern auch ein Zuhause«.

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Die landesweiten Proteste gegen Israel und den Krieg in Gaza flauten trotz des Attentats von Manchester und trotz des Appells der Politik, der jüdischen Gemeinschaft die Möglichkeit zum Trauern zu geben, nicht ab. Noch am Donnerstag, dem Tag des Anschlags, bei dem zwei Menschen getötet wurden, protestierten zahlreiche »propalästinensische« Demonstranten vor Starmers Amtssitz lautstark gegen Israel. Im Londoner Bahnhof Liverpool Street bedrängten Protestierende Fahrgäste und brüllten »Free Palestine«. Mehr als 40 von ihnen wurden festgenommen.

Innenministerin Shabana Mahmood nannte die Gaza-Proteste zwar »unbritisch und unehrenhaft«, ausrichten konnte sie dagegen jedoch nichts. Ihr Kabinettskollege, Starmers Stellvertreter David Lammy, sah sich bei der Gedenkveranstaltung vor der Synagoge in Manchester Pfiffen und Buhrufen ausgesetzt. Als Außenminister hatte Lammy die Anerkennung eines Palästinenserstaates durch die Labour-Regierung vorangetrieben. Viele in der jüdischen Gemeinschaft Großbritanniens sahen den Schritt der Starmer-Regierung als eine Belohnung des Hamas-Terrors vom 7. Oktober und als ein Einknicken vor den Protesten im eigenen Land an.

Großbritanniens Oberrabbiner Ephraim Mirvis fasste unmittelbar nach Ende von Jom Kippur die Gedanken vieler britischer Juden in Worte, als er sagte: »Unsere Herzen sind gebrochen. Dies ist der Tag, von dem wir hofften, ihn niemals erleben zu müssen, von dem wir aber tief in unserem Inneren wussten, dass er kommen würde.«

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