Meinung

Großbritannien: Juden im Visier

Um das Vereinigte Königreich aufzuschrecken, bedarf es schon wirklich besorgniserregender Meldungen. Etwa dieser: Im Jahr 2014 haben sich die gemeldeten antisemitischen Vorfälle gegenüber 2013 mehr als verdoppelt: von 535 auf 1168 – mit einem Rekord schon vor Beginn des Gazakrieges, der doch so gerne verharmlosend als mildernder Umstand herbeizitiert wird.

terrorerfahrung Wie bedeutend diese Zahlen sind, wird klar, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Großbritannien kein Land ist, dem Terror unbekannt ist. Jahrzehntelang bombte die IRA, und der Staat wehrte sich mit einer Unmenge an Sicherheitstechnologie. Wer in den 90er-Jahren in die Londoner City fahren wollte, musste erst Checkpoints passieren. Mit dem nordirischen Friedensprozess endeten die Angriffe der IRA. Aber an ihre Stelle trat anderes: 1999 ließ ein Rechtsradikaler Bomben in London hochgehen; seine Opfer waren Muslime, Schwule, das multikulturelle London.

Dann, im Juli 2005, jagten vier britische islamistische Selbstmordattentäter sich selbst und 52 Londoner im Nahverkehr in die Luft. Mit der Präsenz britischer Truppen im Irak und Afghanistan blieb die Situation angespannt. Jedes Jahr wurden Terrorzellen ausgehoben, die Anschläge vorbereiteten. 2014 gab es hierzu 327 Festnahmen, ein Anstieg von 32 Prozent zum Vorjahr.

pseudobegründung Obwohl es also ein Klima allgemeiner Bedrohung ist, setzt sich hierzulande erst langsam die traurige Erkenntnis durch, dass es gerade Juden sind, die als Zielscheibe ausgeguckt werden – bei beachtlich vielen Briten mit der Pseudobegründung, dies seien Proteste gegen Maßnahmen der israelischen Regierung. Obwohl diese Erkenntnis nicht neu ist, war die Sicherheit jüdischer Einrichtungen und von Bezirken mit starkem jüdischen Bevölkerungsanteil immer mangelhaft. Zwei eigene jüdische Sicherheitsdienste mussten für Selbsthilfe sorgen.

Erst die Anschläge in Frankreich haben auch in Großbritannien die Augen für die besondere Dimension des antisemitischen Terrors geöffnet. Vielleicht hat man vorher den Juden nicht geglaubt, wenn sie auf den wachsenden Judenhass hinwiesen.

Großbritannien mit London als Global City versteht sich als plural und tolerant. Das soll weiterhin so bleiben, aber es ist nicht mehr selbstverständlich, sondern Sicherheitsmaßnahmen müssen sein. Dass der antisemitische Terror einmal so befriedet werden wird wie der der IRA, kann man freilich nur hoffen.

Der Autor ist freier Journalist in London.

Extremismus

»Eindeutig antisemitische Inhalte« 

Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang äußert sich zu seinem Vorgänger Hans-Georg Maaßen - und schließt sich der Einschätzung von Felix Klein an

 29.01.2023

Diplomatie

Botschafter: Israel hilft Ukraine deutlich mehr als öffentlich bekannt

Bislang lehnt der jüdische Staat Waffenlieferungen an Kiew ab

 29.01.2023

Polen

Holocaustüberlebende: Russische Befreier führen nun Krieg in der Ukraine

In der heutigen Gedenkstätte in Auschwitz ging es heute auch um den russischen Eroberungskrieg in der Ukraine

 27.01.2023

Gedenken

Selenskyj bei Gedenkfeier in Babyn Jar

Trotz des Krieges wurde in der Ukraine an die Opfer des Holocaust erinnert

von Imanuel Marcus  27.01.2023

Mecklenburg-Vorpommern

Neonazi-Demo darf nicht am Holocaust-Gedenktag stattfinden

Landkreis: Die Kundgebung kann morgen oder später erfolgen

 27.01.2023

Berlin

»Vokabular in nationalsozialistischer Tradition«

Der Zentralrat der Juden äußert sich zu den umstrittenen Aussagen von Hans-Georg Maaßen

 27.01.2023

Rozette Kats

»Alles war viel zu schrecklich für ein Kind«

Die Schoa-Überlebende sprach im Deutschen Bundestag in bewegenden Worten von ihrem Schicksal

 27.01.2023 Aktualisiert

Erinnerung

»Buch der Namen«: UN würdigen 4,8 Millionen Holocaust-Opfer

Die Gedenkinitiative ist in Zusammenarbeit mit der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem entstanden

 27.01.2023

Geschichte

Scholz erinnert an historische deutsche Verantwortung für Holocaust

»Unvergessen ist das Leid von sechs Millionen unschuldig ermordeten Jüdinnen und Juden - genauso wie das Leid der Überlebenden«, betont der Bundeskanzler

 27.01.2023