Rechtsstreit

Wem gehören Schindlers Listen?

Hinter Glas: Schindlers Listen in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem Foto: Yad Vashem

Besucher der Gedenkstätte Yad Vashem bleiben oft lange vor den Namen der Juden auf Schindlers Listen stehen. Die vergilbten mit Schreibmaschine geschriebenen Kopien hängen in einem Glaskasten, seit 1999. Ob sie dort rechtens hängen, wird demnächst vor Gericht geklärt.

Um die Problematik des Falls zu verstehen, muss weit in die Vergangenheit zurückgeblickt werden: 40 Jahre lang lagerten die berühmten Listen zusammen mit rund 4000 Unterlagen in einem Samsonite-Koffer auf dem Dachboden der Familie Staehr in Hildesheim. Nach dem Tod der Eltern fanden Staehrs Söhne den Koffer und beschlossen, ihn an die Gedenkstätte Yad Vashem zu schicken.

»Erst wurden die Papiere im Bundesarchiv in Koblenz in säurefreie Mappen gesteckt und geordnet, dann für eine Veröffentlichung zur Stuttgarter Zeitung gebracht und vom Frankfurter Flughafen aus per Sonderfracht zu mir nach Israel geschickt«, erinnert sich der Journalist Ulrich Sahm. Er war damals Korrespondent der Stuttgarter Zeitung.

Sahm holte den Koffer und die Kiste vom Flughafen ab und brachte sie mit einem Fernsehteam in die Gedenkstätte, wo sie seitdem ausgestellt werden. »Damit endete meine Aufgabe«, sagte Sahm der Jüdischen Allgemeinen.

Nachlass Für die argentinische Publizistin Erika Rosenberg ist der Fall hingegen alles andere als abgeschlossen. Sie wickelt ihn gerade neu auf: Rosenberg ist die Nachlassverwalterin und Erbin von Emilie Schindler, die nach dem Zweiten Weltkrieg von ihrem Mann Oskar getrennt in Argentinien lebte und 2001 in Berlin starb.

Nun will Rosenberg, die vor Kurzem das Bundesverdienstkreuz erhielt, die Herausgabe von Schindlers Listen einklagen. »Ich weiß, dass meine Chancen nicht gut stehen, aber es geht um Gerechtigkeit«, sagt sie. Aus ihrer Sicht sei der Koffer mit den Unterlagen widerrechtlich bei den Staehrs gewesen und zu Unrecht in Yad Vashem ausgestellt. »Emilie bat mich, um die Dokumentation zu kämpfen, und hat mir alle Rechte daran übertragen«, sagt Rosenberg. Im Zweifel werde sie dafür bis nach Den Haag gehen.

Die Frage ist also, was genau im Jahr 1974 nach dem Tod von Oskar Schindler passiert ist. Nach Rosenbergs Ansicht hat Annemarie Staehr mit ihrem Wohnungsschlüssel die Schindlersche Tür geöffnet und den Koffer mit den Unterlagen aus der Frankfurter Wohnung entnommen. Zu diesem Zeitpunkt lebte Emilie Schindler noch und war die Erbin von Schindlers Besitz, einschließlich des Koffers. Yad Vashem hingegen ist der Meinung, dass Schindler die Unterlagen noch vor seinem Tod Annemarie Staehr zur Verwahrung gegeben hat. »Yad Vashem hat die Papiere rechtens erhalten«, so das offizielle Statement der Gedenkstätte.

»Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass eine Institution wie Yad Vashem die Rechte der Besitzerin nicht anerkennen will«, sagt Rosenbergs Anwalt Naor Yair Maman. Aus seiner Sicht ist es alles andere als geklärt, dass Yad Vashem das Recht hat, diese Listen zu besitzen.

Witwe Doch was hat Emilie Schindler gewollt? Ihre Rolle wird unterschiedlich beschrieben: Laut Yad Vashem habe Emilie Schindler gewusst, dass die Unterlagen in der Gedenkstätte sind, und habe zu Lebzeiten nie danach gefragt. Laut Rosenberg habe Schindler hingegen mehrfach um die Herausgabe gebeten. »Erst nach Emilies Tod hat sich Erika Rosenberg, die bereits viele Prozesse geführt hat, an uns gewandt«, so Yad Vashem. Weiter hört man aus der Gedenkstätte: Man werde »sich vor Gericht dafür einsetzen, dass die Unterlagen nicht in unrechtmäßige Hände kommen«.

Was Erika Rosenberg mit den Dokumenten machen will, weiß sie noch nicht. »Ich würde sie nicht verkaufen, sondern einem Museum zur Verfügung stellen«, sagt sie.

Die Jerusalemer Justiz hat Yad Vashems Bitte abgelehnt, die Angelegenheit außergerichtlich zu klären. Die erste Anhörung findet am 15. April statt.

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