Attentat in Sydney

»Was würden die Opfer nun von uns erwarten?«

Rabbiner Yehuda Teichtal bei seiner Ansprache am Brandenburger Tor. Foto: Chris Hartung

Rabbiner Teichtal, wenige Stunden nach dem Attentat in Sydney haben Sie in Berlin die Chanukkia entzündet. Was waren Ihre Gedanken?
Natürlich war ich noch ganz unter dem Schock dieser Nachrichten. Das hat uns alle schwer getroffen und in tiefen Schmerz gestürzt. Mein Schwiegervater ist ein angesehener Rabbiner in Sydney, wir haben direkt telefoniert. Ich habe mich gefragt: Was würden die Opfer nun von uns erwarten? Dass wir uns zurückziehen und alles herunterschrauben? Oder hätten sie sich gewünscht, dass wir jetzt erst recht öffentlich zusammenstehen? Also haben wir gemeinsam die erste Kerze am Brandenburger Tor gezündet. Chanukka steht für mich als Fest für jüdische Stärke, für Offenheit und Toleranz. Das ist die Botschaft, die ich angesichts dieses Angriffs den Berlinern vermitteln wollte: Licht besiegt am Ende immer die Dunkelheit.

Sie haben bei dem Terrorangriff auch einen Freund verloren.
Sie sprechen von Rabbi Eli Schlanger. Sein Bruder war mein Klassenkamerad. Erst vor Kurzem haben wir uns bei einer Rabbinerkonferenz ausgetauscht. Jetzt wurde er von den Kugeln der Terroristen getroffen, es ist schrecklich. Er war ein guter Mensch, er wollte jedem nur Freude bringen und Liebe verteilen. Er war aber auch nicht naiv, er hat sich große Sorgen über die politische Lage in Australien gemacht, und sich sogar in einem offenen Brief an den Premierminister gewandt. Er forderte die Politik auf, mehr gegen Antisemitismus zu tun. Leider ist das nicht passiert.

Tut auch bei uns die Politik zu wenig, um Juden zu schützen?
Im Gegensatz zu Australien nehmen unsere deutschen Sicherheitsbehörden die Bedrohung der jüdischen Gemeinschaft sehr ernst und dafür sind wir zutiefst dankbar. Da spreche ich aus persönlicher Erfahrung. Auch wenn es öffentliche Drohungen gegen mich gibt: Ich habe keine Angst, ich habe nur Furcht vor Gott. Ich lasse mich nicht einschüchtern. Das wäre genau das, was die Terroristen wollen. Der Terror, egal ob am 14. Dezember oder 7. Oktober, soll uns Angst einjagen und uns verzweifeln lassen. Dagegen müssen wir stark sein.

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Was raten Sie denjenigen, die sich nun fragen, ob sie noch zum öffentlichen Lichterzünden gehen und ihre Chanukkia ins Fenster stellen sollen?
Unbedingt! Lassen Sie sich auf keinen Fall entmutigen. Natürlich fordern wir von anderen Respekt ein. Aber zuallererst müssen wir uns selbst respektieren: Das Lichterzünden gehört zu unserer Tradition. An Chanukka erzählen wir unsere Geschichte und das lassen wir uns nicht wegnehmen.

Woher nehmen Sie diese Stärke?
Meine Oma, die den Holocaust überlebte, hat mir eine wichtige Botschaft mitgegeben: Die Dunkelheit bekommst du nicht mit einem Besen weg. Die bekommst du nur mit Licht weg.

Mit dem Rabbiner der Berliner Chabad-Gemeinde sprach Mascha Malburg.

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