Literatur

Vitaler Verteidiger der Freiheit

Neugieriger Jahrhundertzeuge: Paul Lendvai Foto: picture alliance / ROBERT JAEGER / APA / picturedesk.com

Was für ein Leben! Am 24. August wird Paul Lendvai 96 Jahre alt. Der österreichische Publizist und Historiker, jahrzehntelanger Leiter des ORF-Europastudios, Korrespondent unter anderem der »Financial Times« und Kolumnist des »Standard«, ist einer der renommiertesten Osteuropa-Experten. Gleichzeitig der älteste seiner Gilde und gewiss auch der agilste. Zwar hat Lendvai seine Autobiografie Auf schwarzen Listen bereits vor 30 Jahren vorgelegt, doch ist seither weltpolitisch derart viel geschehen. Auch war er nie lediglich ein Archivar der eigenen Erinnerungen. Somit höchste Zeit für ein neues Buch, das nun unter dem Titel Wer bin ich? vorliegt.

Doch geht es in diesem präzisen Essay nicht um Selbstbespiegelung, sondern um eine übergeordnete Frage. Wie situiert sich ein 1929 in Budapest geborener säkularer Jude, der nur knapp dem Holocaust entronnen ist, 1953 von den ungarischen Stalinisten verhaftet wurde und 1957 nach Österreich fliehen konnte, in der heutigen Zeit? Mit der Erkenntnis »Die Zerbrechlichkeit der Freiheit ist die einfachste und zugleich tiefste Lehre aus meinem langen Leben, aus meinen vier Identitäten als Österreicher und Ungar, Jude und Europäer« endet Lendvais Buch. Davor erfolgt eine messerscharfe Analyse jener burschikos-gleisnerischen Gestalten von Sebastian Kurz bis Viktor Orbán, die (welch Schönheit der Sprache!) mit »frevelhaftem Übermut« den Freiheitsbegriff kapern und ins Autoritäre, Halbseidene drehen.

Der schwierige Weg vom Konflikt zum Kompromiss

Lendvais Plädoyer gilt einmal mehr dem wehrbereiten liberalen Rechtsstaat und einem argumentativen Sprechen in Zimmerlautstärke, »auf dem schwierigen Weg vom Konflikt zum Kompromiss«. Was hier angemahnt wird – Anstand, Faktentreue und dazu die Fähigkeit, diese Werte auch effizient zu verteidigen –, entspringt nicht altersmilder Allerweltsweisheit. Im Gegenteil. Lendvai lesen bedeutet, anhand der Biografie eines wachsamen Jahrhundertzeugen die Grundlagen zwischenmenschlichen und politischen Miteinanders neu wertschätzen zu lernen.

Was Schärfe nicht ausschließt. So sehr er geprägt bleibt von der positiven Erfahrung, 1957 in Österreich als Flüchtling berührend gastfreundlich aufgenommen worden zu sein, ist er präsent, wann immer es vor zerstörerischer Korruption, Verschmiertheit und autoritären Verhaltensmustern zu warnen gilt. Wobei für ihn, der im Unterschied zu vielen seiner Verwandten die Nazi-deutsche Mordmaschinerie und die bestialische Grausamkeit der ungarischen Pfeilkreuzler überlebte, ohnehin kein blindes Vertrauen möglich ist: »Die Lehre für mich und für die Juden meiner Generation war jedenfalls, dass von einem Tag auf den anderen alles versinken kann. Diese Erkenntnis zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Obwohl seither rund 80 Jahre vergangen sind, besitze ich im Unterbewusstsein kein wirkliches Sicherheitsgefühl mehr.«

Lesen Sie auch

Umso ernster sollten wir nehmen, was Lendvai über den seit dem 7. Oktober 2023 weltweit explodierenden Judenhass und dessen Verharmloser schreibt – und über den Putin-nahen ungarischen Premiers Orbán, der danach trachtet, die EU von innen zu zerstören. Bei alldem aber ist dieser steinalte, doch noch immer jubeljung neugierige Zeitgenosse keineswegs ein resignierter Griesgram, sondern ein über Generationsgrenzen hinweg ungebrochen vitaler Ermutiger, Freiheit zu verteidigen. Wer das immense Glück hat, Paul Lendvai auch persönlich zu begegnen, wird seinen Charme und seine feine, humane Ironie nie vergessen. In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch und Mazal Tow!

Paul Lendvai: »Wer bin ich?«. Zsolnay, Wien 2025, 130 S., 24 €

New York

Jüdischer Vertreter kritisiert Bürgermeister Mamdani für Stadtkarte

Anlässlich der Fußballweltmeisterschaft in den USA hat New York eine Karte zu unterschiedlichen migrantischen Prägungen seiner Stadtteile herausgegeben. Juden wurden dabei offenbar nicht berücksichtigt

 12.07.2026

Argentinien

Der jüdische Teil von Messi

Während im Internet Gerüchte über Lionel Messis Herkunft und Sympathien rumoren, erzählt der Sohn eines verstorbenen argentinischen Fußballfans eine besonders schöne Geschichte

von Sophie Albers Ben Chamo  12.07.2026

Maccabia

Zwischen Medaillen und Menschlichkeit

Für die Schweizer Delegation ist klar, das Spiel ist wichtig, aber neue Freundschaften sind wichtiger

von Nicole Dreyfus  10.07.2026

Niederlande

»Juden ins Gas«-Rufe nach Marokkos WM-Niederlage

In Den Haag kam es in der Nacht zu Ausschreitungen und antisemitischen Sprechchören

 10.07.2026

Einzelbild, Single image: Erling Haaland Norway, 9 FIFA World Cup, WM, Weltmeisterschaft, Fussball 2026: Brazil v Norway 05 July 2026, FIFA World Cup 2026: Brazil v Norway Round of 16 at New York New Jersey Stadium in East Rutherford, New Jersey, USA. *** Single image: Erling Haaland, Norway FIFA World Cup 2026: Brazil vs. Norway, July 5, 2026 FIFA World Cup 2026: Brazil vs. Norway, Round of 16, at New York New Jersey Stadium in East Rutherford, New Jersey, USA Copyright: HMBxMedia/xMarcoxBader

Verschwörungsmythen

Norwegens WM-Star Erling Haaland im Visier von Antisemiten

Samstagabend spielt der Angreifer von Manchester City mit Norwegen gegen England. Die ehemalige Hamas-Geisel Omer Shem Tov wird ihm dabei die Daumen drücken. Israelfeinden gefällt das nicht.

von Elke Wittich  10.07.2026

Brüssel

Autorinnen canceln Auftritt wegen geplantem Konzert von Lahav Shani

Die Kontroverse um den Auftritt der Münchner Philharmoniker unter Leitung ihres israelischen Chefdirigenten hält an: Zwei Französinnen verkündeten nun, dass sie nicht wie geplant im Brüsseler Bozar auftreten wollen

 09.07.2026

USA

Aus dem »Deep Shtetl« zur »New York Times«

Yair Rosenberg soll es richten. Der Journalist schreibt fortan über jüdisches Leben und Antisemitismus in den Vereinigten Staaten

von Sophie Albers Ben Chamo  09.07.2026

Nachruf

Louise Lasser, die Frau, die Mary Hartman erfand, ist tot

Die Schauspielerin vertrat Barbra Streisand auf dem Broadway und war mit Woody Allen verheiratet. Sie wurde 87 Jahre alt

 08.07.2026

50 Jahre in Deutschland

»Die Deutschen haben aus ihrer Geschichte gelernt«

Was ist typisch deutsch, was typisch amerikanisch? Holly-Jane Rahlens kennt sich mit beiden Nationen aus. Die Autorin lebt seit mehr als 50 Jahren in Berlin

von Nina Schmedding  08.07.2026