USA

Überfliegerin und Spätberufene

Bei einer Podiumsdiskussion Anfang 2016 an der University of Pennsylvania: Amy Gutmann mit dem damaligen US-Vizepräsidenten Joe Biden Foto: imago images/ZUMA Wire

Erstmals soll eine Frau die Interessen der Regierung der Vereinigten Staaten in Deutschland vertreten: Vergangene Woche nominierte US-Präsident Joe Biden die Hochschulrektorin Amy Gutmann als neue amerikanische Botschafterin in Berlin.

Die 71-Jährige hat deutsch-jüdische Wurzeln. Amy Gutmanns Vater Kurt (1910–1964) war Sohn eines Textilhändlers aus dem fränkischen Feuchtwangen. Schon als junger Mann unternahm er Reisen nach Asien. 1934 floh er vor den Nazis aus Deutschland und ließ sich in der Hafenmetropole Bombay, dem heutigen Mumbai, nieder. Aus der geplanten Ausreise in die USA wurde nichts, Kurt Gutmann erhielt dort kein Visum.

übersiedlung 1937 gelang es ihm, seine vier Geschwister sowie deren Ehegatten nach Indien nachzuholen. Bis 1948 lebte Kurt Gutmann in Indien und betrieb dort ein Metallwarengeschäft. Dann klappte es unverhofft doch noch mit der Übersiedlung in die USA.

Bei einem Aufenthalt in New York lernte er seine spätere Frau Beatrice kennen. Nur wenige Wochen danach heirateten die beiden, und ein Jahr später, am 19. November 1949, kam Tochter Amy zur Welt. Die Familie ließ sich in der Kleinstadt Monroe rund 50 Kilometer nordwestlich von New York nieder. Dort eröffnete Gutmann einen Altmetallhandel.

Gutmanns Vorfahren stammen aus der fränkischen Stadt Feuchtwangen.

Amy Gutmann hat sich wiederholt stolz über ihren Vater geäußert. Ohne seinen Weitblick, als Jude Nazideutschland frühzeitig zu verlassen, würde es sie nicht geben, sagte sie 2011 der »New York Times«. »Er sah, was mit Hitler kommen würde, und er holte seine ganze Familie nach Indien. Das erforderte eine Menge Mut. Das ist etwas, was ich immer im Hinterkopf habe.«

HOCHSCHULPOLITIK Schon in der Schule zeigte Amy herausragende Leistungen. Als Erste in ihrer Familie schlug sie eine Hochschullaufbahn ein. Nach dem Bachelor-Studium am Radcliffe College in Cambridge, Massachusetts, und einem Master an der London School of Economics and Political Science promovierte sie 1976 an der Harvard University.

Von 1976 bis 2004 lehrte und forschte sie in Princeton, unter anderem zu demokratietheoretischen und philosophischen Themen. Auch in der Bildungs- und Hochschulpolitik lieferte sie wichtige Impulse. Von 2001 an war Gutmann drei Jahre lang Provost, eine Art Prorektorin, in Princeton. 2004 wurde sie zur Präsidentin der University of Pennsylvania ernannt. Die »UPenn« ist eine der ältesten und prestigeträchtigsten Bildungs- und Forschungseinrichtungen Amerikas und hat ein Jahresbudget von mehr als sieben Milliarden Dollar.

Über die Grenzen der Hochschule und des Bundesstaates hinaus erwarb sich Gutmann dort in den vergangenen 17 Jahren einen Ruf als Macherin. Zuletzt landete die in Philadelphia angesiedelte Universität regelmäßig auf vorderen Plätzen bei Rankings und Evaluierungen. In dieser Zeit wurde Gutmann vielfach geehrt. Die Liste ihrer Auszeichnungen und Ehrendoktortitel ist mittlerweile so lang, dass sie in ihrem offiziellen Lebenslauf nicht mehr auf eine Seite passt.

Vor drei Jahren wurde Gutmann vom Magazin »Fortune« als eine der 50 weltweit wichtigsten Führungspersönlichkeiten benannt.

Gutmanns Vertrag als Uni-Rektorin sollte ursprünglich 2019 auslaufen, wurde aber bis 2022 verlängert. »Wir glauben, dass Amy die beste Universitätspräsidentin des Landes ist«, gab der Vorsitzende des Stiftungskuratoriums der Hochschule, David L. Cohen, stolz zu Protokoll.

Vor drei Jahren wurde Gutmann vom Magazin »Fortune« als eine der 50 weltweit wichtigsten Führungspersönlichkeiten benannt. Landesweit ist Gutmann als engagierte Streiterin für bezahlbare Bildung bekannt – und das ausgerechnet an einer amerikanischen Elite-Uni.

FRAUEN Während ihrer Amtszeit gelang es ihr nicht nur, die Studiengebühren um rund 20 Prozent zu senken, während anderswo der Trend eher in die umgekehrte Richtung ging. Sie sorgte auch dafür, dass deutlich mehr Studienplätze an Angehörige von Minderheiten und an Frauen vergeben wurden. Heute sind rund 53 Prozent der Studierenden an der UPenn weiblich.

Mit 71 Jahren soll die Akademikerin nun als im wahrsten Sinne des Wortes Spätberufene noch als Diplomatin Karriere machen. Der Politik in Washington steht sie keineswegs fern: Bereits in der Vergangenheit hat die Demokratin gemeinsame Auftritte mit Joe Biden absolviert. Mit dem amtierenden Präsidenten ist sie befreundet, und schon in der Amtszeit Barack Obamas stand Gutmann der nationalen Kommission für Bioethikfragen vor. Nach Bidens Wahlsieg im November 2020 wurde die UPenn-Chefin als neue US-Bildungsministerin gehandelt.

Gutmann ist mit dem Politologen Michael W. Doyle verheiratet. Er lehrt an der New Yorker Columbia University. Das Paar hat eine Tochter, die wie ihre Eltern Hochschullehrerin geworden ist, wenngleich in einem anderen Fachbereich: Abigail Gutmann Doyle wurde in Harvard in Chemie promoviert und ist derzeit Professorin in Princeton.

Es steht zu erwarten, dass Amy Gutmann auch in Berlin neue und weniger konfrontative Akzente setzen wird. Der Stil ihres Amtsvorgängers war dort bei vielen sauer aufgestoßen. Trump-Gefolgsmann Richard Grenell war als Botschafter von 2018 bis Ende Mai 2020 mehr Sprachrohr seines Präsidenten denn zurückhaltender Diplomat und mischte sich auch unverhohlen in die deutsche Innenpolitik ein.

Als Chefin der University of Pennsylvania erwarb sie sich den Ruf einer Macherin.

Amy Gutmann tickt anders. Sie sei Joe Biden »über alle Maßen dankbar für das Vertrauen«, das er in sie gesetzt hat, »um Amerikas Werte und Interessen bei einem unserer engsten und wichtigsten europäischen Verbündeten zu vertreten«, erklärte sie am vergangenen Freitag.

PUBLIKATIONEN Gutmann hat zahlreiche Publikationen verfasst, unter anderem zur Rolle von Ethik in der Politik. Regierbarkeit setze voraus, schrieb sie in dem gemeinsam mit Dennis Thompson verfassten Buch The Spirit of Compromise: Why Governing Demands It and Campaigning Undermines It, dass man kompromissbereit bleibe.

Gerade an der Zusammenarbeit über die Parteigrenzen hinweg mangele es in der amerikanischen Politik. Gutmanns Buch erschien bereits 2012 – also lange bevor Donald Trump das Weiße Haus eroberte und die US-Politik umwälzte wie kein anderer Präsident vor ihm.

Amy Gutmanns Bestätigung durch den US-Senat gilt trotz der polarisierten politischen Verhältnisse in Washington als sicher.

USA

Die innere Sicherheit

Wie jüdische Gemeinden ihren Alltag gegen wachsenden Antisemitismus verteidigen – und sich zunehmend selbst schützen müssen. Ein Ortsbesuch in Washington, D.C. und Miami

von Katrin Richter  02.11.2026

Sprachen

Neues Spanisch-Wörterbuch: »Jüdisch« bleibt ein Synonym für »geizig«

Die Real Academia Española weigert sich, einen argentinischen Richterspruch umzusetzen - auch in der Neuausgabe ihres Kompendiums der spanischen Sprache findet sich ein Beispiel für Alltagsantisemitismus

von Michael Thaidigsmann  02.11.2026

Polizisten und Demonstranten vor der US-Botschaft in London

Proteste

Erneut Hunderte Festnahmen bei Gaza-Demo in London

Seit dem Verbot von Palestine Action sind in Großbritannien Tausende Menschen festgenommen worden. Auch bei einer Kundgebung in London griff die Polizei ein

 01.11.2026

Italien

Mann in Mailand wegen Anschlagsplänen auf Synagoge festgenommen

Im Großraum Mailand stellt die Polizei einen 22 Jahre alten Mann, der Anschläge auf eine Synagoge und eine islamische Einrichtung geplant haben soll. Die Hintergründe sind noch unklar

 29.10.2026

»A young woman in a dress and a man in a plaid shirt sit at a small outdoor restaurant table at night, smiling and talking, with food and drinks on the table and city lights in the background.«

Hollywood

Nach dem Happy End ist davor

In der dritten Staffel der Erfolgsserie »Nobody Wants This« machen Joanne und ihr »Hot Rabbi« den Neben-Romanzen Platz. Und dann wird auch noch konvertiert. Spoiler Alert

von Sophie Albers Ben Chamo  29.10.2026

Frankreich

»Freiheit ist leicht zu verteidigen«

Der Philosoph und Fernsehmoderator Raphaël Enthoven über Verantwortung, Spinozas Erbe und das Einzige, was uns wahrhaft zu erfüllen vermag

von Ute Cohen  28.10.2026

USA

Mike Tyson will seine Flagge zurück

Der Ex-Boxweltmeister legt sich mit einer Streetwear-Marke an, die ein altes Design in seinem Namen politisiert hat. Dabei geht es auch um Israel

von Hanna Persson  28.10.2026

Showbiz

Noah Wyle ist der »Sexiest Man Alive«, meint das »People«-Magazin

Der »The Pitt«-Star darf sich über den Titel freuen, der einst auch Harrison Ford schmückte. Seine Kinder sticheln schon, sagt Wyle

 28.10.2026

Medien

BBC zahlt 480.000 Euro Entschädigung nach Antisemitismus-Vorwurf

Die entlassene Produzentin Lucie Kon erhält fast 500.000 Euro von der BBC nach Antisemitismus-Vorwürfen. Nach dem 7. Oktober 2023 wurde ihre Arbeit beim öffentlich-rechtlichen Sender unerträglich

von Jamie Shapiro  27.10.2026