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TV-Premiere: So entstand Claude Lanzmanns epochaler Film »Shoah«

Dieser Films war ein Paukenschlag. Denn bis dahin war die Erinnerung an den Holocaust durch das Medium des bewegten Bildes etwas überwiegend Museales. Man schaute auf Archivmaterialien, vorwiegend in Schwarzweiß, und wohl die allermeisten Menschen nahmen die fabrikmäßige Ermordung von sechs Millionen Juden distanziert als etwas Vergangenes wahr.

Claude Lanzmanns Film veränderte die Perspektive. Mit jenen Zeitzeugen, die bis dahin ignoriert worden waren, wurde Geschichte zu etwas gegenwärtigem, nicht vergangenem. Insbesondere die Schilderungen des Friseurs Abraham Bomba, der entkleideten Frauen vor ihrer Vergasung die Haare schneiden musste, erschüttert Kinogänger noch heute.

Der französische Regisseur und Fotograf Guillaume Ribot macht nun die zwölfjährige Entstehungsgeschichte dieses Mammutprojekts transparent. Dabei stützt er sich auf 220 Stunden unveröffentlichtes Filmmaterial zu »Shoah«, das im United States Holocaust Museum in Washington aufbewahrt wird, sowie auf Lanzmanns eigene Worte aus seiner Autobiografie »Der patagonische Hase: Erinnerungen« (2010).

In Stil eines Roadmovies ist zu sehen, wie der Regisseur und sein Team im Kleinbus wie rastlose Detektive zwischen Israel, Deutschland und den USA umherirren, um Zeitzeugen zu finden. Wie im Fall Abraham Bomba erstreckte sich diese Suche über einen langen Zeitraum.

Doch was genau suchte Lanzmann, als er mit seinem Projekt begann? Was genau trieb ihn an? Aus heutiger Sicht sprechen diese Fragen etwas Selbstverständliches an. Die Botschaft von »Shoah« ist klar. Doch 1973, als der Regisseur das Projekt startete, hatte er lediglich eine Ahnung, eine Intuition. Denn etwas entscheidendes fehlte bislang in den Darstellungen des Holocaust: der Tod in den Gaskammern, aus denen niemand zurückkam. »Was bedeutet es, nackt bei minus zwanzig Grad zu warten, bis man vergast wurde?«

Bruchstückhafte Erinnerungen

Ein Zeuge, der dies miterlebt hatte, ist Simon Srebnik. Er zählt zu den wenigen, die das KZ Chelmno in Polen überlebt hatten, in dem 400.000 Juden vergast wurden. Srebnik musste die Leichen in Gräben werfen, wo sie verbrannt wurden. Lanzmann berichtet, wie er versuchte mit ihm zu sprechen: »Wir redeten, oder vielmehr - wir versuchten es. Denn ich verstand fast nichts von dem, was er mir sagte.« Diese Sprachlosigkeit, die sich in »bruchstückhaften Erinnerungen an den Schrecken« ausdrückte, erstreckt sich ebenso auf das Drehen des Films selbst, wie dieser in eindringlichen Szenen verdeutlicht.

Da ein so aufwendiges Projekt wie »Shoah« nur mittels Finanzierungen möglich werden konnte, sprach Lanzmann seinerzeit auch bei der Fundraising-Abteilung des Jewish Comitee in den USA vor. Am Ende eines Vortrags, den er dort hielt, wurde er gefragt: »Mr. Lanzmann, what is your message?« Der Filmemacher musste eingestehen: »Ich wusste nicht, was die Botschaft von ‚Shoah‘ ist«. Blitzartig verdeutlichen diese Frage und die Antwort Lanzmanns, dass sein Projekt so umfassend war, dass nicht einmal er selbst es damals in Worte fassen konnte. Deshalb gibt es im Budget des Films »keinen einzigen amerikanischen Dollar«.

Das Thema Sprache zieht sich wie ein roter Faden durch Guillaume Ribots Dokumentarfilm. So vermochte Abraham Bomba seine Erinnerungen erst dann in Worte zu kleiden, als er vor der Kamera Haare schnitt. Indem er also jene Bewegungen und Gesten wiederholte, die er seinerzeit vor der Gaskammer vollführte.

Gleiches gilt für den Lokomotivführer Henryk Garkowski, der als damals 21-Jähriger am Bahnhof Treblinka 18.000 Juden ins Vernichtungslager transportierte. Lanzmann mietete »für viel Geld von der polnischen Eisenbahn« eine Lokomotive, um »eine Ankunft in Treblinka« zu inszenieren. Ähnlich wie Bomba im Friseursalon erlebt Garkowski daraufhin »eine wahre Halluzination«, als er hinter sich »die imaginären 60 Waggons sieht, die er in den Tod fährt«. Als wäre es hier und jetzt, hört er die Schreie der Menschen hinten in den Waggons.

»Treblinka gibt es wirklich«

Ribots Dokumentation hebt auch ein Alleinstellungsmerkmal des Films hervor. So betont Lanzmann, dass er sich im Zuge des Entstehungsprozesses des Films seiner Sache zunächst so sicher war, dass er nicht dorthin reisen wollte, wo die meisten Vernichtungslager waren - nach Polen.

»Ich war überzeugt davon, dass ich diese Reise nur unternahm, um mich zu vergewissern, dass ich gut darauf verzichten konnte«. Dieses Gefühl wurde zunächst bestätigt, denn das, was der Regisseur angesichts der Überreste des Lagers Treblinka zu sehen bekam, war »anders als das, was ich von Bomba erfahren hatte«. Lanzmann erklärt: »Ich fühlte nichts«.

Doch dann geschah es: »So wenig ich beim Anblick der Erinnerungsstätte empfand, so sehr erschütterte mich das Ortsschild: Treblinka gibt es wirklich!«

Diese Erschütterung, die seinerzeit das Ortsschild »Treblinka« in Lanzmann erzeugte, steht pars pro toto für jene Wirkung, die sein Film für die Erinnerungskultur haben sollte. »Shoah« wurde zu einem »Ortsschild« für den Holocaust. Die Menschen, die vor der Kamera Zeugnis ablegen, geben dem Zivilisationsbruch einen Realitätsstempel, den es zuvor so nicht gab.

Schlitzohr und Getriebener

Guillaume Ribots Dokumentation ist keine Hagiographie. Besonders jene Szenen, in denen Lanzmann mit versteckter Kamera und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Nazis zum Reden bringt, zeigen den Regisseur als Schlitzohr und als Getriebenen. Zugleich wird aber auch deutlich, dass diese Obsession notwendig war, um dieses gigantische Projekt überhaupt zu stemmen. Das Thema der Schoa, so Lanzmann, ist der Tod an sich. Mehrmals sei er nahe dran gewesen aufzugeben, denn: »Ich hatte nur das Nichts«.

»Dennoch habe ich zwölf Jahre lang ohne Ausflüchte versucht, in die schwarze Sonne der Shoah zu schauen«. Diese Formulierung lässt aufhorchen, weil Lanzmann fiktionale Annäherungen an den Holocaust - wozu solche metaphorischen und poetischen Umschreibungen zählen - ja eigentlich zurückwies. Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist gemäß Adorno »barbarisch«.

Die Metapher der »schwarzen Sonne« stammt aber unter anderem aus Gedichten von Gerard de Nerval und Heinrich Heine. Die Philosophin Julia Kristeva reflektierte ausführlich über das Symbol für Melancholie. Auch Nazis haben dieses Symbol für sich entdeckt. Aus dem Mund von Claude Lanzmann kann die »schwarze Sonne der Shoah« möglicherweise lesbar gemacht werden als etwas, das nicht einfach nur ein Redeschmuck ist. Sondern ein Sprachbild für etwas, wofür es kein reales Bild gibt. Das Nichts der Gaskammern. So könnte man auch die Wirkung von Guillaume Ribots Rückblick auf die Arbeit von Lanzmann zusammenfassen.

»Ich hatte nur das Nichts« - Doku zur Entstehungsgeschichte von Claude Lanzmanns epochalem Holocaust-Film »Shoah«, Mittwoch, 26. November, 21.50 -23.20 Uhr, Arte (TV-Erstausstrahlung).

Vereinte Nationen

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