Kalifornien

»Tehrangeles« jubelt

Iranische, amerikanische und israelische Fahnen wehen gemeinsam auf Demonstrationen. Viele Menschen mit einer iranischen Familiengeschichte feiern den Tod von Ali Chamenei und hoffen auf ein baldiges Ende des Mullah-Regimes. Foto: picture alliance / Sipa USA

Wie kann man so etwas nennen? Verkehrte Welt? Denn während in San Francisco Demonstranten »Keine Juden – keine Kriege« brüllen, ziehen die meisten Menschen, deren Angehörige und Freunde im Iran direkt von Bombenangriffen bedroht sind, voller Freude und jubelnd durch die Straßen von Los Angeles – Muslime, Christen und natürlich viele Juden. Schließlich lebt in der südkalifornischen Metropole die größte iranische Diaspora-Gemeinschaft der Vereinigten Staaten, und zwar rund 140.000 Menschen. Juden machen mindestens ein Drittel davon aus. »Tehrangeles« nennen viele die Stadt, ein Kofferwort aus Teheran und Los Angeles. Allein in Beverly Hills hat ein Fünftel der Bevölkerung persische Wurzeln.

Gemeinsam feiern sie an diesem Sonntag am zweiten Tag in Folge die amerikanischen und israelischen Angriffe auf den Iran und den Tod von Ajatollah Ali Chamenei, der ihr einstiges Heimatland seit 37 Jahren fest im Griff hatte. Vor dem Frühlingshimmel wehen amerikanische, iranische und israelische Fahnen. »Ich würde nun nicht unbedingt feiern und tanzen«, sagt Baryohay Davidoff, der das Geschehen beobachtet. »Das sollte man als Jude eigentlich nicht tun, wenn ein anderer Mensch gestorben ist.« Dann stockt er für einen Moment und fügt hinzu: »Obgleich ich sagen muss, dass mein Herz voller Freude ist.«

Tief verwurzelte Liebe zu ihrer Heimat

Der heute 77-jährige Agraringenieur wuchs im Grenzgebiet zum Irak und zur heutigen Türkei auf, in einer Region, in der Juden seit der babylonischen Herrschaft vor 2700 Jahren lebten. Seine Muttersprache ist, wie die von unzähligen Generationen vor ihm, Aramäisch. Diese lange Geschichte, im TikTok-Zeitalter kaum noch zu fassen, vermittelt den iranischen Juden eine tief verwurzelte Liebe zu ihrer Heimat, »einen stark empfundenen Patriotismus, das Gefühl, voll und ganz zu einem Land zu gehören«, wie die jüdisch-iranische Menschenrechtsaktivistin Marjan Keypour Greenblatt es beschreibt.

Auf der anderen Seite muss der Schock umso größer gewesen sein, als nach dem Siegeszug des schiitischen Islams immer wieder Dynastien an die Macht kamen, für die Juden nicht nur »Dhimmi« waren, Schutzbefohlene, denen wie Christen und anderen monotheistischen Minderheiten ein halbwegs gesichertes, durch Einschränkungen und Sondersteuern erkauftes Aufenthaltsrecht zusteht, sondern sie verfolgten oder zwangskonvertierten.

Allein in Beverly Hills hat ein Fünftel der Bevölkerung persische Wurzeln.

Das ist bis heute so. Nur dass sich Hass und Brutalität nicht ausschließlich gegen Juden und Israel, sondern gegen alle richten, die einen anderen Lebensstil wollen. Noch in seinen letzten Monaten verantwortete Chamenei den Tod mehrerer Zehntausend iranischer Demonstranten.

Ärzte und anderes medizinisches Personal haben in der »New York Times« Details der Verletzungen beschrieben. Zahlreiche ausgestochene Augen, gespaltene Schädel, Hunderte Teenager und Kinder, denen die Regierungsschergen, manchmal vor den Augen der Eltern, direkt in den Kopf schossen. Das war in den ersten Januarwochen; das Regime sperrte das Internet »und richtete seine Maschinengewehre gegen jeden auf der Straße, selbst Passanten«, schreibt die jüdische Exiliranerin Roya Hakakian im amerikanischen Online-Magazin »The Free Press«.

Doch während nach den ersten Bomben der Amerikaner und Israelis am vergangenen Wochenende bald Textnachrichten auf Handys aufgepoppt seien, um diesen »illegalen Angriff auf den Iran« zu verurteilen, habe es, so Hakakian, im Januar nur den Willen des Westens gegeben, einen Frieden aufrechtzuerhalten, »unter dessen Fassade die Hoffnung einer Nation jeden Tag tausend Tode stirbt«. Ein Frieden, der die »globale Antikriegsbewegung« befriedige und dafür »das Leiden eines Volkes« hinnehme.

»Linke Politiker spiegeln eins zu eins iranische Propaganda wider«

Keypour Greenblatt teilt Hakakians Frustration über die Denkfaulheit und moralische Gleichgültigkeit. Die Slogans und Vorwürfe, vor allem die von linken westlichen Medien und Politikern, spiegelten eins zu eins iranische Propaganda wider, so die Aktivistin, die den Iran 1985 verlassen hat. »Es ist, als habe Irans Außenminister es ihnen diktiert.« Es sei nicht ohne Ironie, fügt sie hinzu, dass der Westen den Worten der Mullahs und der Regierung in Teheran vertraue, während sich im Land selbst immer mehr Bürger »von der Gehirnwäsche« der Ajatollahs befreien. »Heute umarmen sie ihre israelischen Brüder und Schwestern.«

Schon während des Gazakrieges hat sich das Umdenken vieler Iraner gezeigt. Immer wieder schickten sie Sympathiebekundungen und unterstützende Worte. »Wir lieben euch«, hieß es in den sozialen Medien. »Das iranische Volk steht hinter euch.« Es gebe keinen Grund, warum die beiden Völker nicht befreundet sein sollten und zusammenarbeiten könnten, sagt Davidoff. »Die Iraner sind vor zehn, 15 Jahren endgültig aufgewacht. Irgendwann haben sie sich gefragt, warum ihre Wirtschaft am Boden liegt. Warum ihre Steuergelder und andere Staatseinnahmen an Terrorgruppen gehen. Und warum um alles in der Welt man ein Land bekämpft und es vernichten will, mit dem man nicht einmal eine gemeinsame Grenze hat.«

Die iranischen Juden brauchten ein solches Aha-Erlebnis nicht, nachdem sie über Jahrhunderte hinweg die Erfahrung mit dem extremistischen Islam gemacht hatten. Ihnen ist die Enttäuschung über gebrochene Versprechen oder vergebliche Hoffnungen seit jeher vertraut. Es gibt ein tiefes Misstrauen gegenüber religiös motivierten Regierungen, insbesondere gegenüber den Schiiten, unter denen Juden so oft gelitten haben. »Viele Verfolgungen und Demütigungen haben sich ins genetische Gedächtnis eingebrannt«, sagt Davidoff. Das letzte Mitglied seiner Familie hat die Heimat 1981 verlassen. »Als der Schah 1979 ging und ein schiitischer Kleriker die Macht übernahm, konnten wir absehen, dass unsere gute Zeit vorbei war.«

Aramäisch ist seit Generationen die Muttersprache vieler Juden aus dem Iran.

Vieles hat sich seit den ersten großen Protesten im Iran verändert, und zwar schon nach der Grünen Revolution im Jahr 2009. Das hat auch die Diaspora beeinflusst. Israelische Fahnen neben iranischen? Heute kein Problem mehr. Ebenso wenig wie das Gefühl der Dankbarkeit gegenüber einem republikanischen Präsidenten, der nicht selten polarisiert.

An diesem Sonntag kreist ein Kleinflugzeug über den Menschen mit dem Banner »Thank you, Trump«. Allen hier sei klar gewesen, dass etwas passieren musste. Und endlich habe nun ein Politiker gehandelt, sagt Davidoff. Für ihn persönlich sei am wichtigsten, dass Trump auf Israels Seite stehe, betont der pensionierte Wissenschaftler. »Das ist der Hauptgrund, warum ich für ihn gestimmt habe, auch wenn ich in vielen sozialen Fragen nicht mit ihm übereinstimme.«

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Natürlich spielt die Sympathie, die der Sohn des letzten Schahs, Reza Pahlavi, für den jüdischen Staat zeigt, auch eine Rolle, wenn Davidoff sagt, dass er diesen unterstütze. Vor allem aber vertraue er ihm. »Seit mehr als einem Jahrzehnt sagt er dasselbe: Er will kein König werden, sondern helfen, den Iran zu einem demokratischen Staat zu machen, eine Verfassung zu schreiben und den Menschen Raum zu geben, um Parteien zu gründen.«

Endlich Kaddisch am Grab des Vater

Der Iran brauche dringend jemanden, um den sich alle scharen können, sagt auch Keypour Greenblatt. Sie hat in den Vereinigten Staaten die Alliance for Rights of All Minorities (ARAM) gegründet und kämpft vor allem für die Rechte von Frauen und Minderheiten im Iran.

Auch in einem neuen Iran sei das wichtig. Pahlavi stehe dafür. »Und er meint es. Er hat nie sein Narrativ geändert. Er ist durch und durch authentisch.«

Das alles klingt nach viel Hoffnung, auch für Juden. Und wenn die sich wirklich erfüllt? Viele amerikanisch-persische Juden wollen ihre erste Heimat besuchen. Doch kann die Realität nach fast 50 Jahren noch einhalten, was Kindheitserinnerungen versprechen?

In seinen Geburtsort zurückkehren werde er sicherlich nicht, sagt Davidoff. »Doch Kaddisch am Grab meines Vaters würde ich gern sagen.« Und wenn das Land ihn als den Experten für effiziente Wassernutzung riefe, als der er sich in Kalifornien einen Namen gemacht hat – »dann bin ich auch bereit«.

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