Frankreich

Stunde des Populisten?

Provoziert: Jean-Luc Mélenchon Foto: IMAGO/IP3press

Alain Finkielkraut nimmt kein Blatt vor den Mund. »La France Insoumise« (»Das unbeugsame Frankreich«, LFI) von Jean-Luc Mélenchon sei die Partei jener, die sich »dem Islamismus unterworfen« hätten, wetterte der 72 Jahre alte jüdische Philosoph, Sohn eines Auschwitz-Überlebenden, vergangene Woche in einem Interview mit der Tageszeitung »Le Figaro«.

Finkielkraut wirft Sozialisten und Grünen vor, sich aus Opportunismus dem Linkspopulisten Mélenchon angedient zu haben. Vor Kurzem hatten die Sozialistische Partei sowie die französischen Grünen erstmals einem Wahlbündnis unter Führung Mélenchons zugestimmt. Es tritt nun bei der Parlamentswahl am kommenden Sonntag (12. Juni) als »Neue ökologische und soziale Volksunion« (Nupes) an.

Umfragen Mélenchons erklärtes Ziel ist es, das Amt des Premierministers zu erobern. Letzten Umfragen zufolge liegt Nupes mit 30 Prozent der Stimmen knapp vor »La République en Marche«, der Partei des im April wiedergewählten Staatspräsidenten Emmanuel Macron. Verfügte dieser bislang über eine komfortable Mehrheit in der Nationalversammlung, könnte das Regieren in den nächsten fünf Jahren deutlich schwieriger werden. Obwohl wegen des Mehrheitswahlrechts eine Entscheidung über die Sitzverteilung erst im zweiten Wahlgang am 19. Juni fallen dürfte, könnte es nach 20 Jahren wieder zu einer »Cohabitation« zwischen einem liberalen Präsidenten und einem linken Premierminister kommen.

Ein Nupes-Wahlsieg könnte auch für Zündstoff zwischen Mélenchon und der jüdischen Gemeinschaft sorgen. Deren Verhältnis ist seit Langem ziemlich angespannt. Regelmäßig gießt Mélenchon neues Öl ins Feuer. 2019 behauptete er, die Wahlniederlage des damaligen Labour-Chefs Jeremy Corbyn in Großbritannien sei darauf zurückzuführen, dass man Corbyn gezwungen habe, sich für den »grotesken Vorwurf« des Antisemitismus zu entschuldigen. Es sei wichtig, so Mélenchon damals, angesichts »der Arroganz und der Anweisungen kommunitaristischer Organisationen wie dem CRIF« nicht einfach zu kapitulieren. Am vergangenen Wochenende lud der LFI-Chef den mittlerweile aus der Labour-Fraktion im Unterhaus ausgeschlossenen Corbyn nach Paris ein, um für ihn Wahlkampf zu machen.

Das CRIF ist der Dachverband der jüdischen Organisationen in Frankreich. Immer wieder hat Mélenchon in den vergangenen Jahren gezielt den Konflikt mit den Vertretern der jüdischen Gemeinschaft gesucht. Das sei nicht nur Kalkül, sondern ein Stück weit auch seiner Ideologie geschuldet, glaubt Haïm Musicant. Der Publizist ist ein Kenner der politischen Szene Frankreichs, er war fast 20 Jahre lang Geschäftsführer des CRIF.

Mélenchon sehe sich in der Tradition revolutionärer linker Führer wie Fidel Castro und Hugo Chávez, befindet Musicant. Zudem habe die extreme Rechte längst nicht mehr das Monopol auf antisemitische und anti-israelische Ressentiments. Die seien mittlerweile auch bei einem Großteil der politischen Linken verbreitet. »Viele Juden erkennen ihr geliebtes Frankreich einfach nicht wieder«, so Musicant.

Antisemitismus Auch der islamische Antisemitismus sei zuletzt stark angewachsen. Mélenchon umwerbe genau dieses Wählerreservoir gezielt. Musicant verweist zur Untermauerung seiner These auf Zahlen des Umfrageinstituts Ifop. Es hatte herausgefunden, dass sieben von zehn muslimischen Wählern in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl im April Mélenchon ihre Stimme gegeben hatten. Hinzu komme die zunehmende Polarisierung des politischen Systems, die Populisten und Vereinfachern wie Marine Le Pen, Jean-Luc U und Éric Zemmour Stimmen einbringe. Der rechtsextreme jüdische Publizist Zemmour war bei der Präsidentschaftswahl im April zwar krachend gescheitert, tritt bei der Parlamentswahl mit seiner Formation »Reconquête!« aber ebenfalls an.

Zemmours revisionistische Thesen zum Holocaust wurden von jüdischen Offiziellen scharf verurteilt. Dennoch gelang es dem Rechtsaußen offenbar, mit seinem Versprechen einer harschen Haltung gegenüber arabischen Einwanderern auch bei einigen jüdischen Wählern zu punkten. Haïm Musicant glaubt, dass der jüdische Flirt mit Zemmour» auch darin begründet sei, dass viele französische Juden über die jüngere Geschichte nicht mehr Bescheid wüssten. Und: «Einem Teil der Gemeinschaft fehlt da schlicht und einfach die politische Reife», so Musicant.

Universität Gent

»So weit ist es also gekommen«

Israelfeindliche Aktivisten haben erneut ein Fakultätsgebäude besetzt - obwohl die belgische Uni bereits vor zwei Jahren die Kooperation mit drei israelischen Hochschulen beendet hatte

von Michael Thaidigsmann  27.04.2026

Kirgistan

Hotel verbietet »Juden und Tieren« den Zutritt

Eine erst vor wenigen Wochen eröffnete Unterkunft in der kirgisischen Stadt Osch musste nach Intervention der israelischen Botschaft ein Schild wieder abhängen

 27.04.2026

Nachruf

Dirigent Michael Tilson Thomas mit 81 Jahren gestorben

Als Chefdirigent der San Francisco Symphony wurde er berühmt. Doch er arbeitete mit Orchestern in aller Welt. Nun ist der Musiker mit 81 Jahren gestorben

 24.04.2026

Österreich

Der geneigte Antisemit

In Wien soll das Denkmal des einstigen Bürgermeisters Karl Lueger um 3,5 Grad gekippt werden. Die jüdische Gemeinde sähe die Bronzestatue lieber im Museum. Ein Ortsbesuch

von Tobias Kühn  24.04.2026

Tschernobyl

Damals in Tschernobyl

Im März 1987 arbeitete unser Autor zwei Wochen lang im havarierten Atomkraftwerk Tschernobyl. Eine persönlicher Bericht über die Zeit in der Sperrzone und wie es danach weitergeht

von Vitalii Miasnikov  24.04.2026

Sowjetunion

Der Schatten von Tschernobyl

Auch 40 Jahre nach der Katastrophe beschäftigt das Reaktorunglück die Menschen. Unseren Autor begleitet sie seit der Kindheit. Persönliche Erinnerungen und ein politischer Blick zurück

von Alexander Friedman  24.04.2026

USA

Recht auf Restitution

Ende April sollte der Anspruch auf Rückerlangung von in der Nazizeit gestohlener Kunst auslaufen. Per Gesetz wurde er nun entfristet

von Sophie Albers Ben Chamo  23.04.2026

Vereinte Nationen

Welche Chancen hat Rebeca Grynspan?

Erstmals könnte eine Frau neue UN-Generalsekretärin werden. Mit im Rennen ist Rebeca Grynspan aus Costa Rica. Sollte sie gewählt werden, wäre sie auch die erste jüdische Person im Amt

von Michael Thaidigsmann  22.04.2026

London

Weitere Festnahmen nach Anschlägen auf jüdische Gemeinde

Binnen weniger Wochen werden mehrere jüdische Einrichtungen in London zum Ziel von Brandanschlägen. Nun meldet die Anti-Terror-Einheit der Polizei erneut Festnahmen

 21.04.2026