Großbritannien

Stephen Fry: »Seien Sie stolz darauf, jüdisch zu sein«

Der jüdische britische Schauspieler Stephen Fry Foto: IMAGO/Future Image

Großbritannien

Stephen Fry: »Seien Sie stolz darauf, jüdisch zu sein«

Der Autor hält eine Weihnachtsansprache gegen Antisemitismus und wird dafür angefeindet

 27.12.2023 15:37 Uhr

Viele Menschen lieben ihn für seine ultimative Britishness: Stephen Fry - Autor, Talkmaster und gefeierter Schauspieler genauso am Theater wie in Kinoblockbustern, darunter »Der Hobbit«, »Harry Potter« und »Sandman«. In Großbritannien ist der bärige Londoner wohl beliebter als der König selbst. Zumindest war er das bis zum 25. Dezember. Da hat sich Fry für die sogenannte alternative Weihnachtsansprache, das Gegenstück zur offiziellen des Königs, den Kameras von Channel 4 ausgesetzt und knapp sechseinhalb Minuten lang die Wahrheit gesagt.

Vorm Kaminfeuer und mit Tannenbaum und Teekanne an der Seite saß Fry im dezenten Weihnachtspulli im Lehnsessel und teilte aus gegen den auch in Großbritannien grassierenden Antisemitismus. Und er eröffnete die Ansprache mit einer »Wahrheit über mich selbst, von der ich nie gedacht hätte, dass sie jemals ein Thema sein könnte, über das ich mir in diesem Land Sorgen machen müsste, ist, dass ich Jude bin. Ja, Sie haben richtig gehört, ich bin ein Jude. Das mag einige Leute überraschen.«

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Mit gewohnter Nonchalance und spitzer Zunge servierte der 66-Jährige seine Gedanken über das, was sich in seinem Land gerade abspielt. Der irische Denker und Schriftsteller Conor Cruise O’Brien habe einmal gesagt, dass »Antisemitismus ein leichter Schläfer« sei. »Nun, er scheint in letzter Zeit aufgewacht zu sein. Die schrecklichen Ereignisse vom 7. Oktober und die israelische Reaktion darauf scheinen diesen uralten Hass wieder aufgewühlt zu haben.«

Großeltern vor Nazis nach Großbritannien geflohen

Dann kam er zu dem Fakten: Gemäß Statistiken der Metropolitan Police habe es seit dem 7. Oktober allein in London täglich 50 antisemitische Vorfälle gegeben, was einem Anstieg von 1350 Prozent entspreche. »Schaufenster wurden eingeschlagen, Davidsterne und Hakenkreuze an die Wände von jüdischem Eigentum, Synagogen und Friedhöfen geschmiert. Jüdische Schulen wurden zur Schließung gezwungen«. Jüdische Menschen hätten zunehmend Angst, sich zu zeigen. »In Großbritannien. Im Jahr 2023«, so Fry ungläubig.

Er sei froh, dass seine jüdischen Großeltern, die in den 30er-Jahren vor den Nazis nach Großbritannien fliehen konnten, das nicht miterleben müssen. Denn »sie glaubten, dass Britisch-Sein bedeutet, fair und anständig zu sein, aber was kann unfairer oder unanständiger sein als Rassenhass, ob als Antisemitismus, Islamophobie oder in irgendeiner anderen Form?«

Über den Krieg in Israel sagte er: »Es ist quälend, all die Gewalt und Zerstörung zu sehen, die sich da abspielt, und der schreckliche Verlust von Menschenleben auf beiden Seiten erfüllt mich mit großer Traurigkeit und Herzschmerz. Aber unabhängig davon, wie wir zu den Ereignissen stehen, kann es keine Entschuldigung für das Verhalten einiger unserer Bürger geben.«

»Seien Sie stolz darauf, Jude oder Jüdin zu sein«

Er wisse schon lange, dass sein Name auf Listen britischer Juden stehe, die einige rechtsextreme Zeitungen und Websites im Laufe der Jahre veröffentlicht haben. Aber er werde »verdammt noch mal« nicht zulassen, »dass Antisemiten mich definieren und das Wort Jude für sich beanspruchen, indem sie es mit ihrem eigenen gehässigen Gift versetzen. Ich akzeptiere und beanspruche die Identität.«

Und er endete mit den Worten:

»In dieser Zeit, in der der antijüdische Rassismus am stärksten seit Beginn der Aufzeichnungen zunimmt, sollten Juden aufrecht und stolz auf das stehen, was sie sind. Und das sollten Sie auch, unabhängig von Ihrer genetischen Veranlagung. Aufrecht zu stehen bedeutet, seine Stimme zu erheben und giftige Verleumdungen und hasserfüllte Beschimpfungen zu verurteilen, wo immer man ihnen begegnet.

So wie ich dieses Land kenne und liebe, glaube ich nicht, dass es für die meisten Briten in Ordnung ist, in einer Gesellschaft zu leben, die den Hass auf Juden als einzige akzeptable Form des Rassismus betrachtet. Also erheben Sie Ihre Stimme, stehen Sie zu uns, seien Sie stolz darauf, Jude oder Jüdin zu sein - oder, wenn Sie gar kein Jude sind, stolz darauf, dass wir genauso ein Teil dieser großartigen Nation sind wie jede andere Minderheit, wie jeder von Ihnen.«

Natürlich ließ der Backlash nicht auf sich warten. In Social Media fiel der antisemitische Mob sofort über Stephen Fry her. Denn, wie es der Mob so an sich hat, hat er sich die Ansprache anscheinend nicht wirklich angehört. Schlüsselworte reichten offenbar völlig, um Fry vorzuwerfen, das Leid in Gaza zu ignorieren oder sich selbst zum Opfer zu machen. Einer der ältesten antisemitischen Vorwürfe der Welt. sal

Österreich

Bericht: Wien wird zur Anlaufstelle für deutsche Juden

Wien als sicherer Hafen für Juden? Immer mehr jüdische Familien zieht es dem Vernehmen nach aus Deutschland in die österreichische Hauptstadt. Antisemitismus nimmt aber auch hier zu

 20.09.2026

Weimar

Gedenkstätte Buchenwald bittet um Spenden für Kyryl Romantschenko

Die Familie Romantschenko ist der Gedenkstätte Buchenwald seit Jahrzehnten eng verbunden. Nun benötigt der 18-jährige Kyryl Romantschenko Unterstützung

 19.09.2026

Ranking

Das sind die 50 einflussreichsten Juden weltweit

von Michael Thaidigsmann  19.09.2026

Großbritannien

Burnham will Beschränkungen für katholische und jüdische Premiers abschaffen

Die Regierung in London legt einen Gesetzentwurf zur Aufhebung religiöser Beschränkungen vor, die aus dem 19. Jahrhundert stammen

 18.09.2026

Synagoge in Mailand (Archiv)

Mailand

»Niemand wird mich hier erniedrigen«

Nach antisemitischer Attacke durch arabische Männer: Jetzt spricht der angegriffene Rabbiner

 17.09.2026 Aktualisiert

Nachruf

Peter Max: Der Künstler hinter den bunten Bildern der Hippie-Ära

Peter Max Finkelstein ist tot. Er wurde in Berlin geboren. Seine Familie und er flohen vor den Nazis nach Shanghai und kamen später über Israel nach Amerika.

 17.09.2026

München

Rabbiner: Plan gegen islamistischen Terror ist Vorbild für Europa

Mit einem Zehn-Punkte-Plan sollen in Deutschland Radikalisierung und islamistischer Terror bekämpft werden. Zustimmung kommt von Rabbinern, die über die Landesgrenzen hinaus denken

von Leticia Witte  17.09.2026

Hilfe in Zeiten des Krieges

Wie geht es Juden in der umkämpften Ukraine und im angrenzenden Rumänien? Unser Autor begleitete eine ZWST-Delegation auf ihrer Reise nach Czernowitz und Suceava

von Michael Thaidigsmann  17.09.2026

Der jüdische Kardinal

Den einen zu jüdisch, den anderen zu katholisch: Heute vor 100 Jahren wurde Aron Jean-Marie Lustiger geboren

von Andrea Krogmann  16.09.2026