Großbritannien

Orthodox, lesbisch und unbeugsam

»Ich bin charedi, ich bin hier aufgewachsen«: Yehudis Fletcher (37) Foto: privat

Großbritannien

Orthodox, lesbisch und unbeugsam

Wie Yehudis Fletcher der charedischen Autorität ihrer Gemeinde trotzt

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  20.07.2025 10:16 Uhr

In den kleinen Straßen von Prestwich, dem orthodoxen Stadtteil Manchesters, parken vor den Vorgärten große Familienautos. Ein orthodoxer Junge fährt auf dem Fahrrad vorbei, die Zizit seines Gebetsschals flattern unter dem Hemd hervor. Eine orthodoxe Mutter schiebt einen Kinderwagen. An einer der Haustüren mit Mesusa an der rechten Strebe liegt eine Fußmatte in Regenbogenfarben. Yehudis Fletchers Lebenspartnerin öffnet.

Als Fletcher, die in einem ultraorthodoxen Umfeld aufgewachsen ist, sich vor einigen Jahren als lesbisch outete, beschloss sie, dass ihre Sexualität keinesfalls bedeuten dürfe, dass sie der charedischen Gemeinschaft den Rücken kehren würde. Ihr Coming-out sowie ihre Erfahrungen aus zwei traditionell arrangierten Ehen sind Gegenstand ihrer Autobiografie, die sie nun im Alter von gerade einmal 37 Jahren veröffentlicht hat. Und sie schreibt auch darüber, dass sie als Kind mehrfach Opfer eines Pädophilen wurde.

»(K)eine von euch: Mein Leben als Rebellin in der orthodoxen Welt« heißt das Buch, der englische Originaltitel ist deutlich griffiger: einfach »Chutzpah!«.

»Wenn wir Leute einladen, reicht der Tisch vom einen Ende des Raums bis zum anderen.«

Die Autorin sitzt an diesem Tag vor ihrem Laptop an einem Tisch im Wohnzimmer. Der ist geflutet mit Unterlagen und Notizen. Ihr Haar trägt Fletcher offen, dazu eine Hose und ein T-Shirt mit der Aufschrift »licentious«, was man Deutsch mit »unkeusch« übersetzen könnte.

Beim Gespräch über ihre Lebensentscheidung verweist sie auf Maimonides. Er, der Rambam, habe einst argumentiert, dass ein Vers im »Wajikra« (3. Buch Mose) über »bestimmte ägyptische Praktiken« als eine gegen Lesben gerichtete Aussage zu verstehen sei. Doch unter all den 613 Mizwot nur diese hervorzuheben und so zu tun, als würden alle anderen immer eingehalten werden, hält Fletcher für scheinheilig. »Wer sind diese Leute, die über das nachdenken, was ich angeblich mit meiner Partnerin mache. Es ist ihnen doch sogar verboten, das auszusprechen, was ein Ehepaar in der Hochzeitsnacht tut.«

»Man behandelt mich da schlecht.«

In ihrem Wohnzimmer, unweit vom Tisch, steht Tiefkühltruhe Nummer 33, die sie sich vor Purim bei einem ultra­orthodoxen Geräteverleih besorgt hatte, weil sie so viele Gäste erwartete. Und weil die Feste danach weitergehen, stehe sie immer noch hier, sagt Fletcher. »Wenn wir Leute einladen, reicht der Tisch vom einen Ende des Raums bis zum anderen.« Eben wie in vielen anderen charedischen Haushalten. Auch große Schabbatfeiern stellt sie regelmäßig auf die Beine. Dann schauen ihre Freundinnen und Freunde aus der Community vorbei, die entweder noch im selben Stadtteil leben oder sich gezwungen sahen, woanders hinzuziehen, weil sie lesbisch, schwul oder trans sind, so Fletcher.

Sie selbst gehe nicht mehr in die nahe orthodoxe Synagoge. »Man behandelt mich da schlecht.« Es habe nach ihrem Outing begonnen. Als die Mutter von drei Kindern die Barmizwa ihres ersten Sohnes feiern wollte, erlaubte man ihr zwar, es in der Synagoge zu tun, doch blieben alle Beterinnen und Beter an diesem Tag dem Gottesdienst fern. »Zufällig«, fügt sie ironisch hinzu. Die Leute würden sie meiden, trotzdem sei sie entschlossen zu bleiben: »Ich bin charedi, ich bin hier aufgewachsen«, sagt Fletcher. »Und zwar in ärmlichen Verhältnissen, mit unzureichender schulischer Bildung.« Doch sie hänge an ihrer Nachbarschaft. »Die Art und Weise, wie wir uns hier auf die Hohen Feiertage oder den Schabbat vorbereiten, die koscheren Geschäfte, die Schulen meiner Kinder und natürlich unsere Freunde in der Nachbarschaft – all das gehört für mich dazu.« Charedi leite sich vom hebräischen Verb lechared ab, es bedeute wörtlich »›jemand, der (vor G’tt*) zittert‹. Ich beziehe diesen Begriff immer noch auf mich.«

Lesen Sie auch

Fletcher sah erst nach dem dritten Kind eine Universität von innen. Nach dem dritten Studienjahr wurde die alleinstehende Mutter aufgrund ihrer Scheidung sogar obdachlos. Heute macht sie ihren Master und leitet die von ihr vor einigen Jahren mitgegründete Organisation Nahamu, die sich gegen religiösen Extremismus, Missbrauch und für mehr Selbstbestimmung starkmacht. »Niemand darf durch die Religion, die er ausübt, Schaden erleiden. Diejenigen, die Schaden erlitten haben, müssen getröstet werden. Und diejenigen, die Religion missbrauchen, um anderen Schaden zuzufügen, müssen zur Rechenschaft gezogen werden«, heißt es auf der Website. »Nahamu kämpft für das Recht jedes Juden und jeder Jüdin, ein Leben zu führen, das von ihrer Religion geleitet ist, ohne ihre persönliche Autonomie oder ihr Wohlergehen zu opfern.«

Die charedische Gemeinschaft sei besonders extrem

Ultraorthodoxe Gemeinden müssten die fundamentalen Menschenrechte und das Thema Bildung endlich ernster nehmen, sagt Fletcher. Anderenfalls wäre die charedische Gemeinschaft langfristig nicht überlebensfähig. Immer wieder führe sie Gespräche mit Menschen, die einen ähnlich restriktiven Familienhintergrund hätten wie sie, darunter auch mit nicht­jüdischen Frauen, unter anderem aus Südostasien. Sie habe dabei bald bemerkt, dass die charedische Gemeinschaft besonders extrem sei, so Fletcher. Das sei nicht nur aufgrund traditioneller Praktiken wie der arrangierten Ehen so. Auch das Ab­rasieren der Kopfhaare der Frauen nach der Eheschließung oder das für sie generell geltende Fahrverbot seien inakzeptabel.

Fletcher meint, dass Veränderungen in der Gesellschaft wie die überall zu beobachtende Polarisierung auch Einfluss auf die Charedim habe. Vor allem das Internet habe dazu geführt, dass nicht ausformulierte Regeln, die immer gebrochen wurden, etwa wenn Frauen begannen, doch Auto zu fahren, plötzlich zu strikten Gesetzen wurden.

Nicht ausformulierte Regeln werden plötzlich zu strikten Gesetzen.

Oft seien rabbinische Autoritäten auch mehr um den Ruf ihrer Gemeinde besorgt als um die Opfer häuslicher oder sexueller Gewalt. Als der Fall des Pädophilen, der sie missbrauchte, von einem Rabbi aufgegriffen wurde, riet man dem Täter, eine Therapie zu machen. Zugleich habe man Fletchers Beweismaterial konfisziert. Einige Jahre später wurde der Mann dann schließlich für seine Vergehen von einem britischen Gericht zu 13 Jahren Haft verurteilt.

Fletcher wirft den Verantwortlichen ihrer Gemeinde vor, die Taten des Gemeindemitglieds verschwiegen zu haben, obwohl viele davon wussten, und das zu einem Zeitpunkt, als noch Kinder hätten gerettet werden können. Auch sie selbst.

Ein Stück mehr Menschlichkeit

Maimonides lehre: Wir sollen nach der Tora leben, aber nicht an ihr zugrunde gehen. Das sei einer der Leitsätze von Nahumu, sagt Fletcher. Und »Raschi sagt, man könne die ganze Tora mit dem einen Satz von Hillel zusammenfassen, und zwar, dass wir uns alle lieben sollen«. Es gehe bei religiösen Diskussionen immer darum, die richtigen Fragen zu stellen. »Dann wäre das Resultat auch ein Stück mehr Menschlichkeit. Beispielsweise könne man das Fahrverbot für Notfälle aufheben und daraus eine Mizwa machen«, schlägt sie vor.

Zum familiären Bruch sei es an dem Tag gekommen, als Fletcher ihren ältesten Bruder mit der Tatsache konfrontierte, dass sie lesbisch sei. Er habe dafür gesorgt, dass sie zu Hause hinausgeworfen wurde. Sie sei damals völlig aufgelöst aus dem Haus gerannt, es habe geregnet. Dann habe sie eine ihrer Freundinnen kontaktiert. »Sie riet mir, alles aufzuschreiben«, erzählt Fletcher. Das tat sie auch. Und so sei später die Idee zu ihrem Buch entstanden. Vier Jahre lang arbeitete sie daran. So habe sie ihre Gedanken erst einmal sortieren können. »Manches, was mir passiert ist, ließ sich erst durch das Schreiben verstehen.« Eines sei sicher: Das Buch sei weiteres Zeugnis dafür, dass sie keinesfalls zu gehen gedenke. »Meine Drohung ist nicht, dass ich die charedische Gemeinschaft verlassen könnte, sondern das Dableiben.«

Yehudis Fletcher: »(K)eine von euch«. Piper, München 2025, 288 S., 22 €

Österreich

Vermisste Israelinnen in Wien: Polizei stellt Suche ein

Europol hat die Ermittlungen im Fall der in Wien vermissten Israelinnen übernommen. Auch der Mossad soll vor Ort sein. Es wird davon ausgegangen, dass Mutter und Tochter nicht mehr in der Stadt sind

 14.08.2026

Antisemitismus

»Schade, dass Hitler den Job nicht vollendet hat«

Ein Mann aus Irland äußerte sich bei einer Begegnung mit jüdischen Touristen in einem französischen Supermarkt antisemitisch und drohte dem Paar gar mit Erschießung.

 14.08.2026

Wien

Vermisste Israelinnen: Gerüchte sorgen für Aktiensturz

Im Fall der vermissten Mutter und Tochter in Österreich haben Gerüchte in den sozialen Medien zu einem Kurssturz bei der israelischen Bank geführt, bei der eine der Frauen arbeitet

 13.08.2026

Italien

Ein Tempel für alle

Über der Biennale in Venedig schwebt eine Synagoge. Was sich die ukrainische Künstlerin Anna Kamyshan dabei dachte und wie sie es geschafft hat

von Sophie Albers Ben Chamo  13.08.2026

Judenhass

Tourist mit Kippa in Rom zweimal attackiert

Antisemitische Vorfälle in Italien nehmen seit Jahren zu. Nun wurde ein junger Tourist in der Hauptstadt gleich zweimal angegriffen. Er trug eine Kippa

von Severina Bartonitschek  12.08.2026

Bern

Verantwortung lässt sich nicht neutralisieren

Die Schweiz debattiert anlässlich einer Volksabstimmung über ihre Neutralität

von Nicole Dreyfus  12.08.2026

Österreich

Vermisste Israelinnen in Wien: Familie befürchtet das Schlimmste

Im Fall der vermissten Mutter und Tochter gibt es neue Details. Unter anderem über die Unterkunft in Wien. In Israel wurde eine Nachrichtensperre erlassen

 12.08.2026 Aktualisiert

Schweiz

Den eigenen Weg gehen

Kollektive Begeisterung macht blind und dumm, ganz gleich, ob sie von rechts oder links kommt, findet Berns Botschafter in Israel. Und liefert literarische und filmische Quellen als Inspiration für das Schwimmen gegen den Strom

von Simon Geissbühler  11.08.2026

Frankreich

Schrecken der Milliardäre

Der jüdische Ökonom Gabriel Zucman fordert eine stärkere Besteuerung der Superreichen. Beim Geldadel stoßen seine Ideen jedoch auf heftigen Widerstand

von Christine Longin  11.08.2026