Eva Erben

»Oft weiß man gar nicht, wie viel Kraft in einem steckt«

Im Oktober wird sie 96, doch zum Rasten hat Eva Erben keine Zeit. Ihr Terminkalender ist immer voll. »Ich habe einfach zu viele Appointments«, sagt sie halb klagend, halb witzelnd am Telefon.

Vor zwei Wochen kam die Holocaustüberlebende für zehn Tage aus Israel, wo sie seit 1948 lebt, in ihre alte Heimat Tschechien. Erben traf dort Freunde, gab Interviews und genoss die Zeit.

In der Prager Vilová-Straße, nicht weit entfernt vom jüdischen Friedhof, auf dem auch Franz Kafka begraben liegt, steht noch das Haus ihrer 1945 von den Nazis ermordeten Eltern. Es gehört ihr nicht mehr. »Es wurde uns erst von den Nazis und später von den Kommunisten gestohlen.« Doch auf dem Gehsteig vor dem Wohnhaus war die einzige Tochter des Unternehmer-Ehepaares nun persönlich dabei, als für Marta und Jindrich Löwidt »Stolpersteine« verlegt wurden.

Die Zeremonie wurde vom liberalen Rabbiner David Maxa geleitet. Er ist der Sohn eines Freundes von Erbens 2017 verstorbenem Mann Petr. Maxa schrieb nach der Stolpersteinverlegung auf seiner Facebook-Seite: »Heute, nach mehr als 80 Jahren, kehrte Eva Erben, die Theresienstadt, Auschwitz und den Todesmarsch überlebt hat, in das Haus ihrer Eltern Marta und Jindřich Löwidt zurück. Sie war heute nicht nur eine Tochter, die an ihre Eltern und den Ort erinnerte, an dem sie einst mit ihnen glücklich war. Sie stand dort auch als lebendiger Triumph über jene, die ihre Familie aus der Geschichte auslöschen wollten.«

Als 14-jähriges Mädchen wurde Eva Löwidt mit ihrem Eltern in das KZ Theresienstadt deportiert. Im Herbst 1944 kam sie mit ihrer Mutter nach Auschwitz. Im Januar 1945 wurde das NS-Todeslager liquidiert und die beiden Frauen auf einen viermonatigen Todesmarsch geschickt. Marta Löwidt überlebte ihn nicht. Jindřich Löwidt war einige Monate zuvor bereits im KZ Dachau an Typhus gestorben.

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Eva war die einzige aus der Familie, die überlebte. Nachdem sie in einem Kuhstall die Nacht verbracht hatte, wurde sie von ihren SS-Bewachern vergessen. »Die Hunde schlugen nicht an, weil ich so nach Kuhdung stank«, erinnert sich Erben. Bauern in Südböhmen nahmen das völlig entkräftete Mädchen bei sich auf und pflegten es mehrere Wochen lang. Nach dem Krieg heiratete Eva Löwidt den Schoa-Überlebenden Petr Erben (1921-2017), den sie bereits in Theresienstadt kennengelernt hatte.

Wenn sie in ihrer alten Heimat ist, trinkt Erben auch gerne mal ein BierFoto: Michael Thaidigsmann

In Prag fühlt Erben sich trotz der fast acht Jahrzehnte währenden Abwesenheit weiter wie eine Einheimische. Beim Abendessen gönnte sie sich ein kleines Bier. »In Israel trinke ich selten Bier, aber hier schon. Das gehört einfach dazu.«

Von ihrem Hotel auf dem Prager Burgberg aus hat man einen schönen Blick auf die Altstadt - auch auf die Novotný-Fußgängerbrücke. »Da habe ich als kleines Mädchen mal Tomáš Garrigue Masaryk gesehen, wie er auf einem Pferd ritt«, erinnert sich Erben. Masaryk war der erste Präsident der 1918 gegründeten Tschechoslowakei. Er ist für Erben einer der großen Staatsmänner der Geschichte. »Für mich ist der Humanismus Masaryks der Maßstab. Man muss anderen Respekt entgegenbringen, Barrieren zwischen den Menschen überwinden und man darf keine Angst vor dem Tod haben. Oft weiß man gar nicht, wie viel Kraft in einem steckt«, sagte sie der tschechischen Tageszeitung »Forum24«.

Auch ihren Geburtsort Decin (Tetschen) besucht Eva Erben. Dort pflanzt sie zusammen mit Grundschulkindern einen Birnbaum zum Gedenken an die Opfer des Massakers von Lidice (Liditz) im Juni 1942. Die deutschen Besatzer brachten damals alle männlichen Einwohner des Ortes westlich von Prag um, deportierten die Frauen in Konzentrationslager und brannten das gesamte Dorf nieder.

Es war ein Racheakt für den Anschlag auf den SS-Führer Reinhard Heydrich, der kurz zuvor von tschechoslowakischen Widerstandskämpfern angeschossen worden war und später seinen Verletzungen erlag. Der Birnbaum solle eine »bleibende Erinnerung an dieses tragische Ereignis und zugleich ein Symbol für Widerstandsfähigkeit und Wiederaufbau sein«, hieß es anschließend.

Rabbiner Maxa würdigte Eva Erben als »Inspiration«. Durch ihre Stimme spreche »nicht nur die Vergangenheit zu uns, sondern auch die Hoffnung für künftige Generationen.«

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