polen

Offen zur Stadt hin

Die winzige jüdische Gemeinde in der polnischen Ostseestadt Danzig hat große Pläne: Die Neue Synagoge im Stadtteil Langfuhr (Wrzeszcz) soll sich zu einem Kulturzentrum wandeln. Auf dem Tisch im niedrigen Anbau der Synagoge liegen bunte Computerbilder und historische Schwarz-Weiß-Aufnahmen. »Wenn alles klappt, was wir uns vorgenommen haben, werden uns die Leute die Türen einrennen«, hofft Michal Samet (51). Der umtriebige Gemeindevorsitzende spielt nicht nur Squash im jüdischen Sportverein Maccabi, sondern ist auch ein leidenschaftlicher Koch. Bevor er die Baupläne erläutert, serviert er Hering nach Art des Hauses und Lachs mit Meerrettich.

Präsenz »Wir setzen schon seit Längerem vor allem auf Bildung, gehen in Schulen, an Universitäten, helfen bei Lizenziats- und Magisterarbeiten«, erzählt er. Sein Stellvertreter Michal Rucki (46) ergänzt: »Es gibt auch immer mehr jüdische Kulturfestivals und ›Jüdische Tage‹. Da erklären wir zum Beispiel, was koscheres Essen ist oder wie der Schabbat begangen wird.« Samet unterbricht ihn: »Am wichtigsten ist, dass die Leute uns sehen und etwas über unser Leben heute erfahren. Mir sajnen do!«

Er hält kurz inne und deutet auf Mieczyslaw Abramowicz, der ihm schräg gegenüber sitzt: »Mietek ist unser Spezialist für die Geschichte der deutschen und polnischen Juden in Danzig. Geschichte muss auch sein. Aber nicht nur!« Abramowicz (60) streicht sich über den langen weißen Bart und deutet nach hinten, zur Eingangshalle der Synagoge. »Es war nicht ganz einfach, Exponate für die Ausstellung zu finden. Manchmal kann man auf Internetauktionen etwas kaufen. Irgendwann packt einen dann die Leidenschaft und man wird zum Jäger«, sagt er und lacht.

buch Am Tor klingelt es Sturm. Zwei Mitarbeiter des Verlags Maszoperia schleppen zwei große Kisten mit Büchern herein: Die Geschichte der Juden in Danzig von Samuel Echt. Am Tag zuvor hatte Abramowicz das Buch im Historischen Rathaus von Danzig einem breiteren Publikum vorgestellt. Über die Geschichte der deutsch-jüdischen Gemeinde Danzig war in Polen bislang wenig bekannt.

Aus New York kam eigens Ilse Echt-Kagan (84) angereist. Die Tochter von Samuel Echt, dem Autor des dicken Bandes, hatte den Krieg dank eines der Kindertransporte von Danzig nach London überlebt. Bis heute erinnert sie sich lebhaft an das Vorkriegs-Danzig, erzählte den heutigen Polen, wie für die Juden die Situation in der damals deutschen Stadt immer schwieriger wurde, die Nazis eine antisemitische Stimmung erzeugten und die Gemeinde nach und nach alles verkaufte, schließlich sogar die Große Synagoge, um auch den ärmeren Juden die Emigration ins rettende Ausland zu ermöglichen.

Samet steht auf, geht zu den Kisten und legt seinen Arm auf die Bücher: »Die deutschen Juden von Danzig sind heute über die ganze Welt verstreut. Aber sie haben viel zur Geschichte der Stadt beigetragen. Und wir sind ihre Erben.«

Rucki nickt, schiebt die Teller zusammen und bekräftigt: »Der Vandalismus hat nachgelassen, seit wir die nichtjüdischen Danziger regelmäßig zu uns einladen. Der Friedhof konnte mit alten Plänen zum Teil rekonstruiert werden.« Laut hantierend setzt er in der Küche Wasser für den Tee auf. »Unser Problem heute«, ruft er von dort, »ist der intellektuelle Antisemitismus. Er kommt als Israelkritik daher, aber greift ›die Juden‹ als Ganzes an.«

Samet hat noch einen Termin, er muss gleich weg, will aber noch schnell die Synagoge zeigen und die Umbaupläne erläutern: »Das hier, den ganzen Anbau aus der Nachkriegszeit, wollen wir sprengen.« Mit schnellen Schritten ist er in der Vorhalle der Synagoge, dann im winzigen Betsaal. »Der Raum ist inzwischen zu klein für uns. Wir wollen die beiden hinteren Räume dazu nehmen.«

Rasch ist Samet wieder draußen, steht an der Treppe: »Hier werden wir einen Aufzug einbauen für Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwagen.« Er stürmt die Stufen hoch in den ersten Stock und steht im großen und heute leeren Synagogensaal: »Hier war mal Platz für 500 Beter. Das ist viel zu groß für uns. Wir sind gerade mal 100, und nie kommen alle in die Synagoge.«

restaurant Abramowicz erklärt weiter, während Samet den Autoschlüssel aus der Tasche zieht und sich verabschiedet. »Hier soll das Kulturzentrum entstehen: ›Jüdisches Zentrum in Danzig – Neue Synagoge‹ mit Konzerten, Theateraufführungen, Kabarett und Ausstellungen.«

Ob die frühere Frauengalerie wieder freigelegt werde, sei noch nicht entschieden. »Ich persönlich bin dafür«, sagt Abramowicz und zwinkert, »ich bin ja auch der Historiker hier im Haus«.

Wieder im Parterre öffnet er die Haupteingangstür und tritt vor die Frontseite der Synagoge: Hier will die Gemeinde ein koscheres Café und Restaurant eröffnen. »Es soll für alle sein, mit Zeitungen, Büchern und mit Internetanschluss.« Abramowicz lacht und streicht sich selbstironisch und altväterlich über den langen weißen Bart: »Ganz modern!«

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