Ukraine

Neujahr in Uman

Jedes Jahr im Herbst ist Uman fest in chassidischer Hand: Szene aus dem Jahr 2016 Foto: imago

Es ist eine Tradition, an die man sich in Uman inzwischen gewöhnt hat: Jedes Jahr im Herbst kommen Zehntausende Juden in die ukrainische Stadt, um dort, in der Nähe des Grabes von Rabbi Nachman, das jüdische Neujahrsfest zu begehen. Diesmal wird ein neuer Rekord erwartet: Nach Einschätzungen der örtlichen Polizei sollen in den nächsten Tagen rund 40.000 jüdische Pilger nach Uman kommen – so viele wie nie zuvor.

»Wir müssen besonders gut vorbereitet sein, weil der Pilgeransturm in diesem Jahr noch größer wird«, sagt Wiktor Iwanko, stellvertretender Polizeichef des Gebiets Tscherkassy. »Doch das sollte kein Problem sein, denn es kommen jedes Jahr mindestens 3000 Menschen mehr nach Uman. Wir wissen also, wie man damit umgeht.«

Polizei Bei der Polizei herrscht dennoch Ausnahmezustand. Rund 500 Sicherheitskräfte patrouillieren dieser Tage in den Straßen von Uman, eingesetzt wird unter anderem auch die sogenannte Taktische Polizei, eine neue ukrainische Einheit. Außerdem wurden 16 Sicherheitskräfte aus Israel eingeflogen, die den einheimischen Kollegen vor allem mit ihren Einschätzungen helfen. Verstärkt wird ebenfalls die Präsenz der Notretter sowie der Taucher.

Normalerweise kommen die ersten Pilger schon eine Woche vor Rosch Haschana. Doch nicht alle können sich das finanziell leisten. Die meisten treffen etwa vier Tage vor dem Fest in Uman ein, sie sind also bereits seit Sonntag in der Stadt.

Nach Uman zu gelangen, ist alles andere als einfach, denn die Stadt liegt in der Zentralukraine, ziemlich weit entfernt von den beiden großen Flughäfen in Kiew und Odessa, wo die Chassiden üblicherweise zuerst ankommen. Inzwischen gibt es bereits Pläne, den Militärflughafen in Uman zu erneuern und für Direktflüge aus Israel zu öffnen, was viele logistische Probleme lösen könnte.

abzockversuche Mit dem Bus werden die Pilger – rund 80 Prozent kommen aus Israel – in der Regel gleich vom Flughafen nach Uman gebracht, dort wartet die Polizeikontrolle auf sie. Auf der Tscheljuskinzew-Straße prüfen die Polizisten Dokumente und notfalls persönliche Gegenstände. Außerdem ist man bemüht, Abzockversuche der lokalen Bevölkerung gegenüber den Pilgern zu verhindern. Denn diesen werden oft gleich nach der Kontrolle der Transport des Gepäcks und überteuerte Mietwohnungen angeboten.

So viel Geld wie früher bekommen die Umaner von den Gästen heute jedoch nicht mehr. »Die Zeiten, als wir utopische Summen genannt haben, die dann auch bezahlt wurden, sind vorbei. Bis 2014 ging das problemlos«, beteuert ein Verkäufer, der seinen Namen nicht nennen möchte, in der Tageszeitung »Sewodnja«. »Die Chassiden sind inzwischen irgendwie pragmatischer geworden. Für sie ist es auf einmal kein Problem mehr, ins Umland zu fahren, um dort billigere Lebensmittel zu kaufen.«

Was Übernachtungsquartiere angeht, sind die Preise immer noch sehr hoch. Für eine Wohnung ganz in der Nähe des Grabes von Rabbi Nachman muss man umgerechnet bis zu 1700 Euro pro Woche auf den Tisch legen. Normalerweise ist es aber bereits zwei Monate vor Rosch Haschana nahezu unmöglich, so nah noch eine Wohnung zu finden.

Sicherheit Ein deutlich größeres Problem ist die Sicherheit. Daniil Sachelman, ein 56-Jähriger mit israelischem Pass, der im südukrainischen Odessa lebt und jedes Jahr nach Uman fährt, bestätigt, dass die Gefahr seitens der Rechtsradikalen deutlich zugenommen hat. »Es gibt Probleme, über die man nicht hinwegschauen kann. Die Zahl der Auseinandersetzungen zwischen den Pilgern und den ukrainischen Rechten hat sich in den vergangenen Jahren, vor allem seit 2014, deutlich erhöht«, erzählt er. Das habe zum einen mit der gesamtpolitischen Lage nach der Maidan-Revolution zu tun, zum anderen aber auch damit, dass von Jahr zu Jahr mehr Pilger kommen. »Man streut gezielt Vorurteile, dass die Stadt durch die Pilger schmutziger werde – das wird dann ab und zu auch gern in den Medien erzählt.«

Zwar sieht man nach Rosch Haschana tatsächlich extrem viel Müll in der Stadt, aber das hat nichts mit den Pilgern an sich zu tun, sondern mit der Anzahl der Menschen, die in diesen Tagen nach Uman kommen. Denn die Stadt ist mit rund 90.000 Einwohnern relativ klein – und es wird tatsächlich zur großen Herausforderung für lokale Behörden in Uman, in diesem Jahr 40.000 Pilger aufzunehmen.

Dass die Sicherheitslage jedoch die größten Sorgen bereitet, zeigt auch das vergangene Jahr. Damals griffen Rechtsradikale einen großen Teil der Pilger mit Tränengas an und schändeten das Grab von Rabbi Nachman mit einem Schweinskopf.

Drogen Jenseits der rechten Szene gibt es aber auch andere Schwierigkeiten. »Gerade in der Gegend, in der sich die Pilger aufhalten, sind internationale Drogendealer aktiv«, sagt Olexander Zebrij, der Bürgermeister von Uman, auf einer Pressekonferenz. »Eigentlich weiß jeder Umaner davon. Außerdem sollte die Polizei wissen, dass sich in Uman auch internationale Kriminelle befinden, die in Israel und in den USA gesucht werden. Daher müssen die Beamten sehr aufmerksam sein.«

Die Polizei versucht, die Worte des Bürgermeisters gleich zu entschärfen. »Wir wissen nichts davon, dass sich in Uman international gesuchte Kriminelle befinden«, kontert Wiktor Iwanko. »Dass das Drogenproblem existiert, ist natürlich kein Geheimnis. Wir kämpfen aber hart dagegen und werden die Sicherheit in der Stadt auf alle Fälle gewährleisten.«

Trotz Sicherheitsbedenken blickt Daniil Sachelman den kommenden Tagen mit Freude entgegen. »Die Atmosphäre, die in Uman herrscht, ist einzigartig«, sagt er. »Mit 40.000 Juden zusammen an einem so bedeutenden Ort zu sein, ist ein unbeschreibliches Gefühl. Und dass jedes Jahr immer mehr Menschen kommen, obwohl es nicht ganz leicht ist, nach Uman zu gelangen, zeigt, wie besonders die Pilgerfahrt dorthin ist.«

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