Alan Gross

»Mein Unglück: Ich war kein Spion«

Raucht trotz allem noch kubanische Zigarren: Alan P. Gross in einem Café im Zentrum von Tel Aviv Foto: Lissy Kaufmann

Wie eine Erinnerung an die Vergangenheit mutet sie an, die Cohiba, eine kubanische Zigarre, die Alan P. Gross vor sich auf den Tisch gelegt hat, hier, in einem Café an der Basel-Straße im Norden Tel Avivs. Einmal am Tag, so sagt er, gönnt er sich eine. Dabei könnte man meinen, er habe die Nase voll von Kuba und allem, was ihn daran erinnern könnte. Fünf Jahre lang saß Alan Gross, heute 68 Jahre alt, im kubanischen Gefängnis, weil er eine Gefahr für die territoriale Integrität und die Sicherheit des Landes dargestellt habe, so lautete das Urteil.

Heute, rund zweieinhalb Jahre nach seiner Freilassung, sitzt er in Tel Aviv, seiner neuen, zweiten Heimat. Er hat das Gewicht, das er in der Haft verloren hat, wieder auf den Hüften, auch die Zähne, die ihm aufgrund der Mangelernährung ausgefallen waren, hat er richten lassen. Er trägt Sportklamotten und Turnschuhe – schließlich läuft er acht Kilometer pro Tag – und eine Baseballmütze mit der Aufschrift »Alternative Facts«. Die weißen Haare hat er wachsen lassen, gerade so, dass er sie zu einem Pferdeschwanz zusammenbinden kann.

Buchprojekt Alan Gross hat vor Kurzem Alija gemacht und will, so der Plan, die Hälfte des Jahres in Israel verbringen, die andere Hälfte in den USA. Dort hält er nun immer mal wieder Vorträge und arbeitet obendrein an einem Buch. Er hat viel zu erzählen von seiner Zeit in Kuba. Verdrängen will er das Land und die Erinnerung nicht, im Gegenteil: »Wenn ich könnte, würde ich, ohne mit der Wimper zu zucken, zurückkehren«, sagt er. Er würde gerne jene Kubaner wieder treffen, die mit ihm im Gefängnis nicht nur die Zelle, sondern auch das von den Familien vorbeigebrachte Essen geteilt haben. »Die Kubaner sind ja nicht für das verantwortlich, was passiert ist, sondern die Kriminellen, die das Land regieren.«

»Das, was da passiert ist« – es begann am 3. Dezember 2009. Da wurde Alan Gross in Kuba verhaftet. Er hatte zuvor unter anderem Laptops, Router, iPads und Smartphones an drei jüdische Gemeinden auf der Insel verteilt. »Eine Gemeinde hat beispielsweise einen Computerraum, und ich habe MacBooks mitgebracht, weil die weniger virenanfällig sind und die Kubaner aufgrund der Restriktionen den Virenschutz nicht regelmäßig updaten können.«

Gross war mit seinem Unternehmen JBDC (Joint Business Development Center) schon in vielen anderen Ländern unterwegs gewesen, um dabei zu helfen, durch neue Kommunikationsmittel die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben. Als eine Art Subunternehmer arbeitete er mit größeren Organisationen zusammen, die ihn beauftragten. »Ich hatte erkannt, wie wichtig Kommunikation ist, um auf dem Markt konkurrenzfähig zu sein«, erzählt er. Das brachte ihn in Gegenden, die auf den ersten Blick weit riskanter scheinen als Kuba. »Ich war in 45 Ländern, darunter auch Afghanistan und Irak.«

Nach Kuba allerdings kam er im Auftrag von USAid, einer Behörde der Vereinigten Staaten zur Entwicklungszusammenarbeit. Und genau darin lag der Fehler: »Ich war schlecht vorbereitet und hätte es besser wissen müssen. Dann hätte ich das Projekt nie angenommen. Was ich nämlich nicht wusste, war, dass es verboten ist, Dinge zu verteilen, die von der US-Regierung finanziert wurden«, erzählt er.

»Die Tatsache, dass ich dieses Gesetz nicht kannte, hat mich sehr wütend gemacht.« Fünf Mal war Gross im Jahr 2009 nach Kuba gereist, jeweils mit einer Sondergenehmigung der USA und einem kubanischen Touristenvisum. Bei seiner letzten Reise dann, kurz vor dem Rückflug, nahm ihn die kubanische Polizei fest.

In den Medien wurde immer wieder berichtet, er stehe im Verdacht, ein Spion der US-Regierung zu sein. Gross schüttelt den Kopf. »Ich habe nie gelogen oder meine Identität verschwiegen. Mein ganzes Equipment wurde ja sogar bei meiner Einreise überprüft! Ich habe nicht bewusst gegen Gesetze verstoßen.«

Der altbekannte Spruch »Nichtwissen schützt vor Strafe nicht« traf dann aber auch auf Gross’ Fall zu. Nach mehr als einem Jahr in Untersuchungshaft wurde er im März 2011 zu 15 Jahren Haft verurteilt. Folter habe er nicht erlebt, aber Misshandlung, sagt er. »Das Schlimmste, was sie mir angetan haben, war, dass ich meine todkranke Mutter nicht mehr sehen durfte.« Sie starb während seiner Haftzeit. Und: Während der Haft verlor er rund 50 Kilogramm und fünf Zähne. »Das Essen war mit Insekten verseucht, und auch in den Zellen hatten wir Kakerlaken. Manchmal wurde es so schlimm, dass sie uns kurzzeitig anderswo unterbrachten.«

Verhör Die Zelle, so berichtet Gross, habe er sich mit zwei kubanischen Inhaftierten geteilt. »Im ersten Jahr habe ich vielleicht 20 Minuten lang Sonnenlicht gesehen.« Die restliche Zeit war er in der Zelle eingesperrt oder beim täglichen Verhör. »Sie drohten, mir die Fingernägel auszureißen und mich zu erhängen.« Doch er blieb verschont. »Ich wusste, dass sie mir nichts antun werden.« Schließlich saßen gleichzeitig fünf kubanische Spione in US-Gefängnissen, und die Kubaner pochten auf deren Freilassung. »Zu meinem Unglück war ich aber kein Spion, und so dachte Washington nicht im Entferntesten an solch einen Austausch.«

Gross erzählt, dass er sicher war, früher aus der Haft entlassen zu werden. Doch weder er noch seine Frau erfuhren in den ersten vier Jahren, was die US-Regierung unternimmt. »Es schien so, als ob nichts geschieht. Das hat mich verärgert.« Und da er, wie er selbst sagt, sehr ungeduldig ist, versuchte er, Druck auszuüben, und trat im April 2014 in einen neuntätigen Hungerstreik. Den beendete er nur, weil seine Mutter ihn darum bat. Danach saß er noch weitere acht Monate im Gefängnis, bis er im Dezember 2014 vorzeitig entlassen wurde – aus humanitären Gründen. Parallel dazu entließen die Amerikaner dann aber doch zwei der inhaftierten kubanischen Spione.

Gross versuchte, aus der Haftzeit das Beste zu machen, nicht aufzugeben: Täglich sei er 10.000 Schritte in der Zelle gelaufen und habe Klimmzüge gemacht, berichtet er. Ab und an kamen die Essenspakete von den Familien. Den Lachs aus der Dose habe er nur freitags, zum Schabbatmahl, geöffnet und mit seinen beiden Mithäftlingen geteilt. »Die sagten anfangs: Schabbat? Das ist wohl was Amerikanisches!«

Zionist Alan Gross hat das Judentum schon immer gelebt, in der Haft, davor und auch heute. »Ich bin auf jüdische Schulen gegangen und hatte jüdische Freunde.« Bevor er sich um die wirtschaftliche Unterstützung in anderen Ländern kümmerte, engagierte er sich in jüdischen Gemeinden und organisierte sogenannte Mission Trips nach Israel, also Reisen, bei denen es auch darum geht, Spenden zu sammeln. »Ich war schon immer ein echter Zionist. Aber es hat nochmal 40 Jahre gedauert, bis ich auch nach Israel gezogen bin. Auch Moses wanderte bekanntlich 40 Jahre in der Wüste.«

Mit seiner Frau wohnt er nun ganz in der Nähe des Cafés, mittendrin im jungen, hippen Tel Aviv. Von hier aus kann er regelmäßig seine Tochter Shira, 33, und die bald zweijährige Enkelin Alona in Jerusalem besuchen.

Ihm gehe es heute gut, psychologisch sei er nur kurzzeitig nach der Haft behandelt worden. Die Mittelmeerluft sei das einzige Medikament, das er täglich einnehme, scherzt er. »Wenn ich eines gelernt habe und anderen mit auf den Weg geben kann, dann ist es, dass wir alle die Fähigkeiten haben, unser Verhalten in einer bestimmten Situation zu kontrollieren.«

Sein neues Projekt wird es nun sein, einen israelischen Reisepass zu beantragen. Den amerikanischen hat er zwar noch immer. »Aber ich bin ja jetzt Israeli und will mit meinem neuen Pass in die USA reisen.«

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