Venezuela

Kraft für den Neuanfang?

Unfreiwillig in New York: Nicolás Maduro und seine Ehefrau werden von Beamten der US-Drogenbekämpfungsbehörde in Empfang genommen. Foto: picture alliance / Captital Pictures

In Jogginganzug, Badelatschen und einer überdimensionierten Schlafbrille wurde Nicolás Maduro nach seiner spektakulären Gefangennahme am 3. Januar der Weltöffentlichkeit präsentiert. US-Elitesoldaten hatten den seit 2013 amtierenden Herrscher Venezuelas in einer nächtlichen Aktion zusammen mit seiner Ehefrau Cilia Flores verhaftet, ausgeflogen und in New York einem Bundesrichter vorgeführt. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, Teil eines Drogenkartells gewesen zu sein, das im großen Stil Kokain in die USA geschmuggelt haben soll.

Dass hinter dem »Angriff, wie ihn die Menschen seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gesehen haben«, so Donald Trump, auch handfeste wirtschaftliche Motive stecken, machte der US-Präsident am Montag bei einer Pressekonferenz deutlich. Amerikanische Konzerne könnten nun Milliarden von Dollar investieren, um die marode Ölförderung Venezuelas wieder auf Vordermann zu bringen. Venezuela hat zwar mit geschätzten 300 Milliarden Barrel die größten Erdölvorkommen weltweit. Doch seit Maduro-Vorgänger Hugo Chávez die Konzerne enteignet und die Ölindustrie verstaatlicht hatte, war die Fördermenge drastisch eingebrochen.

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Schnell wieder einkassiert

Ob sich ohne »Regime Change« etwas zum Besseren wandeln wird, fragen sich nicht nur viele Venezolaner. Denn Trumps Ankündigung, die USA würden das Land vorerst selbst führen, wurde schnell wieder einkassiert. Washington will nun mit der neuen Präsidentin Delcy Rodríguez – Maduros bisheriger Stellvertreterin – zusammenarbeiten. Oppositionsführerin Maria Corina Machado, die Trump den von ihm ersehnten Friedensnobelpreis weggeschnappt hatte, fehle es am »Respekt« der Venezolaner. Sie komme daher als Regierungschefin nicht infrage, so Trump. Bei der Pressekonferenz schien es fast, als sei ihm egal, wie die Regierbarkeit des Landes sichergestellt werden kann.

Für die jüdische Gemeinschaft Venezuelas ist diese Frage hingegen von existenzieller Bedeutung. War Venezuela einst Heimstatt einer lebendigen und wohlhabenden jüdischen Gemeinde, ist diese nach 25 Jahren Chávez und Maduro nur noch ein Schatten ihrer selbst. Zu Hochzeiten lebten bis zu 22.000 Juden im Land; sie trugen bis dahin maßgeblich zum Wohlstand Venezuelas bei. Doch die jüdische Präsenz, die bis in die Kolonialzeit zu den »Conversos«, so die Bezeichnung der Zwangskonvertierten, zurückreicht, ist nun ernsthaft in Gefahr.

Seit Langem gilt das Land als wichtigster Brückenkopf des Iran und seiner Marionetten.

Kurz nach Machtübernahme des offen antisemitisch agierenden Präsidenten Hugo Chávez im Jahr 1999 begann der Exodus. Später kam es verstärkt zu Angriffen auf jüdische Einrichtungen. 2004 und 2007 gab es auf Geheiß von Chávez Polizeirazzien. Die staatlichen Medien verbreiteten zudem Verschwörungserzählungen, die Juden mit »imperialistischen Mächten« in Verbindung brachten. 2009 wurde die Tiferet-Israel-Synagoge in Caracas geschändet.

Claudio Epelman, Exekutivdirektor des Lateinamerikanischen Jüdischen Kongresses (CJL) mit Sitz in Buenos Aires, schätzt die Zahl der noch im Land lebenden Juden auf etwa 5000, nur noch halb so viele als vor der Chávez-Ära. »Es sind diejenigen geblieben, die ihre Geschäfte nicht verlegen konnten, die keine Kraft für einen Neuanfang im Ausland hatten oder die schlicht zu alt für eine Emigration waren«, sagt er im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen.

»Äußerst prekär«

Die aktuelle Situation beschreibt Epelman als »äußerst prekär«. Das gelte nicht nur für die Juden, sondern für alle Venezolaner. Rund acht Millionen Menschen haben dem Land in den vergangenen Jahren den Rücken gekehrt, die Not war groß. Niemand weiß, ob es nach Maduros Sturz nun besser würde, sagt Epelman.

Den gestürzten Präsidenten hat der CJL-Geschäftsführer sieben Mal getroffen, in Caracas und in New York. Maduro habe sich in den Gesprächen mit Vertretern des Jüdischen Weltkongresses (WJC) gern als »Unschuldslamm« präsentiert und betont, es gebe keinen Antisemitismus in Venezuela, erinnert sich Epelman. Dabei habe er auch mit seiner jüdischen Herkunft kokettiert. Eigenen Angaben zufolge waren beide Großväter Maduros Juden. Ob das stimmt, ist nicht belegt.

Anders als Maduros Haltung zu Israel. Wie sein 2013 verstorbener Vorgänger Chávez ist er ein erklärter Feind des jüdischen Staates. Als er die Präsidentschaft übernahm, führte Maduro die enge Zusammenarbeit mit dem Iran und der Hisbollah fort, die Chávez begonnen hatte. Seit Langem gilt Venezuela als wichtigster Brückenkopf des Iran und seiner Marionetten in Lateinamerika. Die Islamische Republik konnte so ihre internationale Isolation durchbrechen.

Der Zorn Maduros

Als Epelman 2013 bei einer WJC-Tagung in Budapest diesen Punkt als Grund für die sich verschlechternde Lage der Juden in Venezuela ansprach, zog er sich den Zorn Maduros zu. Im Fernsehen prangerte der Staatschef den CJL-Direktor namentlich an und behauptete: »Wir sind ein humanistisches Volk, wir sind nicht antisemitisch.« In Venezuela habe es nie Antisemitismus gegeben, so Maduro. »Hier heißen wir alle Religionen willkommen. Wir sind ein offenherziges Volk.«

Hemmungen, Antisemitismus als politische Waffe einzusetzen, hatte er trotzdem keine. Nach Israels Angriff auf Irans Atomanlagen im Juni 2025 erklärte Maduro, anders als Benjamin Netanjahu sei er ja ein »echter Jude«. Obwohl selbst katholisch, sei er im Gegensatz zum Ministerpräsidenten blutsverwandt mit »den authentischen Juden der zwölf Stämme«. In Wahlkämpfen warf Maduro wiederholt seinen jüdischen Kontrahenten vor, in Diensten Israels zu stehen.

Nachdem der Präsident sich nach einer von Wahlfälschung überschatteten Abstimmung 2024 nur mit Mühe an der Macht halten konnte und mit weitreichenden Sanktionen belegt wurde, behauptete er, der »internationale Zionismus, der alle sozialen Netzwerke kontrolliert«, steuere und finanziere die venezolanische Opposition.

Die Entführung des Präsidenten durch die USA habe »eine zionistische Färbung«.

Maduros Nachfolgerin Delcy Rodríguez scheint aus demselben Holz geschnitzt zu sein. Die Entführung des Präsidenten durch die USA habe »eine zionistische Färbung«, suggerierte sie bei ihrem ersten Auftritt am Montag. 2024 hatte Rodríguez Israel beschuldigt, in Gaza »den schlimmsten Völkermord aller Zeiten« zu begehen und sich am Tod von Menschen regelrecht zu ergötzen.

Die jüdische Gemeinschaft Venezuelas hält sich bislang zum Sturz Maduros bedeckt. Wohl aus gutem Grund. Die Furcht ist groß, dass das Regime Juden erneut in politische Mithaftung nehmen könnte. Marcos Peckel, Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde in Kolumbien, beobachtet die Entwicklung im Nachbarland mit großer Sorge. Für sein eigenes Land hat Peckel hingegen weniger Befürchtungen.

Jüdischer Beitrag zur Geschichte Venezuelas gezielt getilgt

Zwar durchlaufe es unter seinem linken Präsidenten Gustavo Petro aktuell ebenfalls eine sehr »israelkritische« Phase. Doch mit der Situation in Venezuela sei das nicht vergleichbar, findet Peckel. Während Chávez und Maduro den jüdischen Beitrag zur Geschichte Venezuelas gezielt getilgt und die jüdische Gemeinschaft rhetorisch angegangen hätten, sei ein solcher Konflikt in Kolumbien bisher ausgeblieben. »Wir haben hier eine Demokratie, das ist der Unterschied.«

Claudio Epelman glaubt zwar, dass viele der emigrierten Juden gern wieder nach Venezuela zurückkehren würden, falls Stabilität einkehre. Doch er habe Zweifel, dass es schnell dazu kommen wird. »Die Welt ist momentan sehr verrückt.« Als Ironie des Schicksals empfindet Epelman es, dass Nicolás Maduro sich in New York nun ausgerechnet vor einem jüdischen Richter verantworten muss. Denn das Verfahren in New York wird vom 92-jährigen Alvin Hellerstein geleitet – einem orthodoxen Juden.

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