Ungarn

Klare Botschaft

Beifall für Guido Westerwelle: Ronald S. Lauder (l.) und Dieter Graumann applaudieren nach der Rede des Bundesaußenminsters. Foto: Martin Fejer

Am Ende der Rede von Bundesaußenminister Guido Westerwelle am Montagvormittag vor der Vollversammlung des Jüdischen Weltkongresses (WJC) in Budapest erhoben sich die Delegierten. Stehend applaudierten sie seiner klaren Absage an antisemitische Bestrebungen. Europa sei nicht nur ein gemeinsamer Markt, sondern vor allem eine Wertegemeinschaft. »Wenn Tendenzen sichtbar werden, dass die Werte, die uns in Europa zusammenführen, nicht mehr ausreichend geschützt und geachtet sind, dann ist es unsere gemeinsame Aufgabe, darauf zu reagieren.«

Nach seiner Rede wurde Westerwelle im Gespräch mit Journalisten deutlicher: Die Demonstrationen und die antijüdischen Parolen der rechtsextremistischen Partei Jobbik im Vorfeld des Kongresses seien »alles andere als erfreulich« und »völlig inakzeptabel«. Der Jüdische Weltkongress müsse jetzt Flagge zeigen, und er sei nach Budapest gekommen, um gemeinsam mit dem WJC ein klares Signal zu senden: »Antisemitismus hat weder in Berlin noch in Budapest noch sonstwo in Europa oder in der Welt einen Platz.«

werte Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und neue WJC-Vizepräsident, Dieter Graumann, lobte Westerwelle als »wahren Freund Israels und der Juden«. Die Rede sei eine »starke und kraftvolle Botschaft«, von der er hoffe, dass sie in Budapest vernommen und in praktische politische Entscheidungen umgesetzt werde, sagte Graumann. Ganz anders waren dagegen die Reaktionen auf das Grußwort von Ministerpräsident Viktor Orbán am Abend zuvor. Nur sehr verhalten spendeten die 500 Vertreter jüdischer Gemeinden und Organisationen aus 100 Ländern dem ungarischen Regierungschef Beifall.

Null-Toleranz Der rechtskonservative Regierungschef hatte in seiner Ansprache betont, dass zunehmender Antisemitismus ein europaweites, nicht speziell ungarisches Problem sei. Während jedoch in Westeuropa Morde an jüdischen Schulkindern, Bombenanschläge auf Synagogen und andere Gewalttaten gegen Juden und jüdische Einrichtungen zu registrieren seien, gebe es nichts Vergleichbares in Ungarn, sagte Orbán. Die ungarische jüdische Gemeinde ist mit etwa 150.000 Mitgliedern die drittgrößte der Europäischen Union.

Gleichwohl sei der Judenhass auch in Ungarn eine Herausforderung, der die Regierung aus moralischer Verpflichtung heraus mit einer »Politik der Null-Toleranz« begegne, so Viktor Orbán. Antisemitismus sei »inakzeptabel und nicht zu dulden«, sagte er, Vorschläge zu konkreten Maßnahmen blieb er aber schuldig.

Dieter Graumann bezeichnete Orbáns Rede deshalb auch als eine Enttäuschung: »Der Ministerpräsident hat eine große Chance vertan. Es war viel guter Wille, der kundgetan wurde, aber überhaupt nichts Konkretes.« Orbán hätte klarmachen müssen, dass er die Bekämpfung des Antisemitismus zur absoluten Chefsache erklärt, so Graumann. »Das haben wir uns alle gewünscht, das ist nicht passiert. Es waren nette Worte, aber viel weniger, als er hätte sagen sollen.«

solidarität Diplomatisch hatte WJC-Präsident Ronald S. Lauder in seiner Rede Hass und Intoleranz in Ungarn angesprochen und auf judenfeindliche und antizionistische Parolen auf der Jobbik-Demonstration gegen die WJC-Tagung verwiesen. Erinnerungen an die dunkelste Geschichte Europas würden wach. »Ungarns Juden brauchen Sie«, wandte sich Lauder direkt an Premierminister Orbán. Es sei Zeit für entschiedenes Handeln, für die aktive Bekämpfung von Antisemitismus. Die dreitägige WJC-Vollversammlung sei ein Zeichen gegen den zunehmenden Antisemitismus im Land und für die Solidarität mit den ungarischen Juden.

Am Dienstag endete das alle vier Jahre stattfindende Treffen des World Jewish Congress, bei dem es unter anderem auch um Satzungsfragen sowie um Religionsfreiheit und Perspektiven des Friedens im Nahen Osten ging.

Der Präsident der Föderation der Jüdischen Gemeinden Ungarns, Péter Feldmájer, sagte der Jüdischen Allgemeinen: »Es ist eine große Ehre und ein wichtiges Zeichen der Unterstützung für die Juden Ungarns, dass der Jüdische Weltkongress seine Tagung in Budapest abgehalten hat.«

Kanada

B’nai Brith: »Jüdische Kanadier werden terrorisiert«

Kanada erlebt eine Serie antisemitischer Gewalttaten. Laut einer jüdischen Organisation ist das Jahr 2026 für die Gemeinschaft bereits jetzt das gewalttätigste in ihrer jüngeren Geschichte

 10.05.2026

Medien

Kristin Helberg, der Hass auf Israel und der urdeutsche Wunsch nach Entlastung

Ein Kommentar von Jan Fleischhauer

von Jan Fleischhauer  10.05.2026

Berlin

Daniel Libeskind warnt vor Judenhass und AfD-Erfolgen

In einem Interview kritisiert der Architekt die israelische Regierung und äußert Sorgen in Zusammenhang mit dem Erstarken der AfD in der Bundesrepublik. Auch spricht er über jüdische Identität

 08.05.2026

Comedy-Legende

Don Rickles: Meister der Beleidigungen

Heute wäre der große Stand-Up-Comedian 100 Jahre alt geworden. Seine Spezialität: Er zog sein Publikum durch den Kakao

von Imanuel Marcus  08.05.2026

Prag

Jüdischer Protest gegen Kanye-West-Konzert

Der US-Rapper Kanye West ist wegen wiederholter Äußerungen zu Hitler und der NS-Zeit höchst umstritten. In Prag formiert sich nun Widerstand gegen ein geplantes Konzert - insbesondere von jüdischer Seite

 07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

80 Jahre

Was unsere Leser sagen

Die Jüdische Allgemeine hat auch im Ausland Fans. Um unsere Leser besser kennenzulernen, haben wir unter anderem in Finnland, Malta, der Schweiz, Spanien, Israel und in den USA nachgefragt

 07.05.2026

Kanada

Festnahme nach Schüssen auf Synagogen im Raum Toronto

Eine Aufklärung der Anschläge auf die Synagogen Beth Avraham Yoseph und Shaarei-Shomayim-Synagoge könnte damit näher gerückt sein

 07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026