Boy George

Kein Chamäleon

Der britische Popstar Boy George singt nicht nur, sondern malt auch – und zwar andere Sänger. Einige seiner Porträts zeigen Musikerkollegen wie Madonna, David Bowie oder Prince. Foto: picture alliance / empics

Ein »Karma Chameleon«, so kann man im Urban Dictionary – einem Onlinelexikon für englische Slangwörter – nachlesen, bezeichnet eine Person, »die im Handumdrehen die Seiten wechselt, Loyalitäten aufgibt und ihre Meinung ändert, die lügt und sich verleugnet, um cool zu wirken«. Der Begriff geht auf den gleichnamigen Song der Band »Culture Club« aus dem Jahr 1983 zurück. Das »Karma Chameleon«, so singt der Frontmann der Gruppe, Boy George, der am 14. Juni seinen 65. Geburtstag feiert, sei »a man without conviction« – ein Mann ohne Überzeugungen also.

Dass der Sänger selbst keinesfalls ein Chamäleon ist, das, je nachdem von welcher Seite der Wind der Pop-Welt gerade weht, seine Farbe ändert, hat er erst vor Kurzem wieder unter Beweis gestellt.

»Es ist gerade total angesagt, Israel zu hassen, aber ich habe immer gesagt: ›Mode für die Zerbrechlichen, Stil für die Mutigen.‹«

Nachdem mehrere Länder, darunter Spanien und Irland, wegen der Teilnahme Israels einen Boykott des Eurovision Song Contests angekündigt hatten und George selbst für seine Teilnahme – gemeinsam mit der italienischen Sängerin Senhit vertrat er San Marino, schied jedoch bereits im Halbfinale aus – massiv angefeindet wurde, schrieb er auf Twitter: »Es ist gerade total angesagt, Israel zu hassen, aber ich habe immer gesagt: ›Mode für die Zerbrechlichen, Stil für die Mutigen‹.« Mit dem letzten Satz bringt George nicht nur seine Haltung zu Israel zum Ausdruck, sie taugt vielmehr auch als Motto für sein ganzes Schaffen. Nachdem die Mode des Punks, wie George in seiner Autobiografie Take it Like a Man schreibt, Anfang der 80er als eine Art »Anti-Establishment-Uniform« zum antikonformistischen Verkaufsschlager geworden war, entstand rund um den »Blitz Club« im Londoner Covent Garden eine neue Szene, die als »Blitz-Kids« bekannt wurde.

Von den Punks setzte man sich durch einen bewusst androgynen Stil ab. Eine bunte Mischung aus Samt und Seide, die mal der Mode des viktorianischen Englands, mal dem Glam-Rock der 70er-Jahre entlehnt wurde, kombinierte man mit starkem Make-up, extravaganten Frisuren und auffälligem Schmuck – immer mit dem Ziel, die Grenzen zwischen den Geschlechtern so weit wie möglich aufzuweichen. Vorbilder waren David Bowie oder Marc Bolan, der Sänger und Gitarrist der britischen Band T. Rex.

Nach einem eher durchwachsenen Karrierestart mit der von dem ehemaligen »Sex Pistols«-Manager Malcom McLaren gegründeten Band »Bow Wow Wow« wurde Boy George 1981 Sänger der neu gegründeten Gruppe »Culture Club«. Bereits mit ihrer dritten Single Do You Real­ly Want to Hurt Me gelang ihnen 1982 ein Welthit, der sich allein in Deutschland 26 Wochen lang in den Charts hielt. Mit Titeln wie Time (Clock of the Heart), Church of The Poison Mind oder dem bereits erwähnten Karma Chameloen, für dessen bis heute anhaltenden Erfolg nicht zuletzt 900 Millionen Abrufe auf der Musikplattform »Spotify« stehen, folgten eine ganze Reihe an weltweit erfolgreichen Hits.
Boy Georges Heroinabhängigkeit sowie die Trennung von seinem Partner und Bandkollegen Jon Moss führten 1986 schließlich zur Auflösung der Band. Mehrere Reunions, die noch einmal an den alten Ruhm anknüpfen sollten, blieben zwar nicht ohne Erfolg, erreichten jedoch nie die Höhen der 80er-Jahre.

»Ich werde meinen jüdischen Freunden nie den Rücken kehren.«

Mit der ersten Solo-Single Everything I Own konnte George 1987 zunächst an den Erfolg von Culture Club anschließen, und auch das 1989 gegründete Bandprojekt »Jesus Loves You« schaffte es in die britischen Charts. Nach dessen Auflösung wandte sich George mit wechselndem Erfolg seiner Karriere als DJ zu. Mit der Veröffentlichung des Solo-Albums SE18 gelang ihm 2025 abermals der Sprung in die britischen Albumcharts.

Der 1961 unter dem Namen George Alan O’Dowd geborene Sänger hat selbst keine jüdischen Wurzeln, sondern stammt aus einer irisch-katholischen Arbeiterfamilie. Nichtsdestotrotz ziehen sich seine klaren Statements zu Israel und die Verteidigung seiner jüdischen Freunde wie ein roter Faden durch seine Karriere. So erzählte George vor Kurzem in der irischen TV-Sendung »The Late Show« dem Moderator Patrick Kielty: »Ich habe viele jüdische Freunde, die ich schon seit meinem 15. oder 16. Lebensjahr kenne. Verlangen die Leute von mir, als jemandem mit Prinzipien, dass ich meinen jüdischen Freunden den Rücken kehre? Das wird nicht passieren – das wird niemals passieren.« Schon seit Beginn seiner Karriere trage er den Davidstern. »Schaut euch doch mal Fotos von Culture Club an. Ich fühle mich dem jüdischen Volk sehr verbunden.«

Das Foto, auf das George hier anspielen dürfte, zeigt ihn gemeinsam mit seinen Bandkollegen von Culture Club. Jon Moss, der jüdische Schlagzeuger der Band und Ex-Freund von Boy George, trägt dort eine weiße Pluderhose, auf der ein Davidstern abgebildet ist, darunter in hebräischen Buchstaben die Wörter »Tarbut Aguda«, was sich mit »Kultur-Vereinigung«, also »Culture Club«, übersetzen lässt.

So fest wie Georges Solidarität mit seinen jüdischen Freunden, so wandelbar war stets sein eigenes Auftreten. Im Video zu Karma Chameleon sieht man den Sänger während einer Art viktorianischen Landpartie. Unter den in knallig bunten, historisierenden Kostümen gekleideten Partygästen wirkt George selbst wie ein Außenseiter. Die wilde Mischung aus mit farbigen Bändern geschmückten Flechtzöpfen, in Gelb und Blau geschminkten Augen sowie übergroßer und leicht abgerissen wirkender Kleidung lässt ihn wie einen flamboyanten Landstreicher aussehen.

Nur wenige Jahre später könnte der Kontrast kaum größer sein. Demonstrativ setzt sich George als Solo-Künstler in Szene, wenn er im Video zu Everything I Own allein auf der Bühne steht. Die bunten Zöpfe sind einer blonden Kurzhaarfrisur gewichen, das hippieske Kostüm einem Anzug mit breit ausgestellten Schultern, das Make-up ist dezent. Ein bisschen wie das große Vorbild David Bowie: von Ziggy Stardust zum Thin White Duke.

Als Ende April zwei jüdische Männer im Londoner Vorort Golders Green niedergestochen wurden, zögerte George nicht lange, sich klar zu positionieren: »Mein Mitgefühl gilt den beiden jüdischen Opfern und ihren Angehörigen. Wir müssen unserer jüdischen Gemeinschaft zeigen, dass wir hinter ihr stehen«, kommentierte der Sänger den antisemitischen Angriff auf der Social-Media-Plattform X. Bei so viel Klarheit im Kampf gegen Antisemitismus dürften dem Geburtstagskind die herzlichen Glückwünsche seiner jüdischen Freunde sicher sein.

Großbritannien

Einstufung von Palestine Action als Terrorgruppe ist rechtens

Ein Berufungsgericht in London hat der Regierung von Premier Keir Starmer Recht gegeben und das Verbot der militant antiisraelischen Gruppierung bestätigt

 15.06.2026

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  15.06.2026

Abstimmung

Schweizer lehnen Bevölkerungsgrenze ab

Soll die Bevölkerung des Landes auf zehn Millionen Menschen begrenzt werden? Darüber sollten die Schweizer heute abstimmen

 14.06.2026

New York

Wie mein Junge das Essen lernte

Lange verzweifelte unser Autor an den Speisegewohnheiten seines Sohnes. Ein Jahr vor dessen Barmizwa unternimmt der Vater einen letzten Versuch: Gemeinsam begeben sie sich auf eine kulinarische Weltreise durch ihre Heimatstadt

von Hannes Stein  14.06.2026

Debatte

Soll die Bevölkerung in der Schweiz auf 10 Millionen begrenzt werden?

Ein Pro & Contra

von Jessie Katz, Zsolt Balkanyi-Guery  12.06.2026

Norwegen

Wenn die Sonne weder unter- noch aufgeht

Warum der Schabbat und manche Feiertage im hohen Norden eine Herausforderung sein können

von Elke Wittich  12.06.2026

Fußball

Fußball auf dem Appellplatz von Buchenwald

Seit der Europameisterschaft 2024 erinnert die Gedenkstätte Buchenwald im Internet an Fußballer, Funktionäre und Spiele im ehemaligen Konzentrationslager. Der Appellplatz war Spielstätte, Häftlinge konnten kurz dem Lageralltag entfliehen

von Matthias Thüsing  09.06.2026

WM 2026

Schweizer Fußball-Stars begeistern jüdische Kinder

Kinder und Jugendliche einer jüdischen Schule in San Diego haben mit der Schweizer Nationalmannschaft Fußball gespielt

von Nicole Dreyfus  09.06.2026

Daniel Jositsch, Zürcher SP-Ständerat, am letzten Donnerstag, dem Tag seines Austritts aus der Partei

Meinung

Daniel Jositsch und der Preis der Klarheit

Daniel Jositsch verlässt nach seiner Nichtnomination in den Ständerat die SP. Der Fall zeigt, wie eng der Raum für sozialliberale und proisraelische Stimmen in der Linken geworden ist, nicht nur in der Schweiz

von Zsolt Balkanyi-Guery  08.06.2026