Kapverden

Jüdisches Erbe im Atlantik

Die Kapverdischen Inseln sind ein pittoreskes Touristenziel. Fast 600 Kilometer nordwestlich vom afrikanischen Kontinent im Atlantik gelegen, bestechen sie vor allem durch weiße Sandstrände. Historisch ist die Inselgruppe durch die über 500-jährige portugiesische Kolonialherrschaft geprägt, die erst 1975 endete. Im Anschluss war das Land bis zur demokratischen Wende 1991 in den blutigen Wirren des Postkolonialismus gefangen. Seitdem befinden sich die Kapverden auf einem guten und weitgehend konfliktfreien Weg.

Stipendium Als Ort jüdischer Geschichte waren sie bislang allerdings nicht bekannt. Dabei gibt es da viel zu entdecken, wie die amerikanische Journalistin Carol Castiel schon vor längerer Zeit festgestellt hat. Sie arbeitet hauptberuflich beim staatlichen Auslandssender »Voice of America« und war zuvor als Direktorin des Stipendienprogramms am New Yorker Africa-America Institute für das lusophone Afrika zuständig. In dieser Funktion stieß sie auch auf die jüdische Geschichte der Inseln.

»Einige meiner Studenten von den Kapverden hatten sefardische Familiennamen wie Benchimol, Wahnon und Anahory. Ich fragte sie nach deren Ursprung und erfuhr dadurch viel über ihre jüdische Herkunft«, erinnert sich Castiel.

Erbe Danach hat sie sich selbst vor Ort auf die Suche gemacht und dabei jüdische Grabstätten in Praia, Santo Antão und Boa Vista entdeckt. »Der Anblick typisch sefardischer Grabsteine überall auf dem Archipel hat mich als stolze religiöse Jüdin zu Tränen gerührt.

Im 16. und 19. Jahrhundert kamen Juden aus Spanien und Marokko.

Aus diesem Grund habe ich dann vor rund zehn Jahren die gemeinnützige Organisation Cape Verde Jewish Heritage Project gegründet«, erzählt sie. Ihr Einsatz wurde und wird von der kapverdischen Gesellschaft und Politik sehr positiv aufgenommen. Das zeigt sich unter anderem darin, dass die Zentralregierung 2017 alle jüdischen Friedhöfe und andere Orte jüdischer Erinnerung zum nationalen Kulturerbe erklärt hat. Im 16. und 19. Jahrhundert kamen Juden aus Spanien und Marokko.

Wann die ersten Juden auf die Kapverden kamen, ist nicht gesichert. Es wird vermutet, dass einige portugiesische Juden als konvertierte Christen bereits im 16. Jahrhundert dorthin auswanderten. Allerdings gibt es davon keine Zeugnisse.

Handelsplatz Im 19. Jahrhundert emigrierten dann zunehmend marokkanische Juden auf die Inselgruppe, da sich die ökonomische Situation in ihrem Heimatland verschlechterte und die Kapverden ein wichtiger Handelsplatz waren. Portugal hatte zudem 1821 die Inquisition offiziell abgeschafft, was es Juden ermöglichte, sich dort offiziell anzusiedeln.

Allerdings war die Mehrzahl der jüdischen Einwanderer männlich und heiratete oft kapverdische Frauen, die katholischen Glaubens waren. Das führte zu einer stetigen Assimilation und dazu, dass es heutzutage keine praktizierenden Juden auf den Kapverden mehr gibt.

Aber die Cohens, Benros, Wahnons, Pintos und Levys waren bekannte Händler und Geschäftsleute, und deren Nachfahren spielen bis heute wichtige und herausragende Rollen in der Gesellschaft. So stammt beispielsweise der erste demokratisch gewählte Premierminister des Archipels, Carlos Alberto Wahnon de Carvalho Veiga, aus einer jüdischen Familie, die im 19. Jahrhundert aus Gibraltar einwanderte. Auch die Menschenrechtsaktivistin, Dichterin und ehemalige Bildungsministerin Vera Valentina Benrós de Melo Duarte Lobo de Pina hat jüdische Wurzeln.

Ehre Einige dieser Nachfahren fanden sich kürzlich in dem Städtchen Ribeira Grande auf der zweitgrößten Insel Santo Antão ein, um dort einer Einweihungszeremonie für zwei kürzlich restaurierte Friedhöfe beizuwohnen. Unter der Federführung von Carol Castiel und ihrer Organisation sind dort mehrere Gräber wiederhergestellt und Bronzetafeln mit Informationen über die Geschichte und die Grabstätten angebracht worden. Die Tafeln sind auf Portugiesisch und Englisch.

Für diese Arbeiten konnte Castiel finanzielle Unterstützung auch vom marokkanischen Königshaus einwerben. Zur Feier gekommen waren neben bekannten Nachkommen jüdischer Einwanderer auch der Bürgermeister von Ribeira Grande, Orlando Delgado, der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Santos, der Rabbiner der Lissabonner Gemeinde, Natan Peres, sowie Gesandte der amerikanischen und der israelischen Botschaft.

Respekt Santos würdigte in seiner Rede das Erbe und das Vermächtnis der kapverdianischen Juden, das auch in ihren Nachfahren fortwirkt. Rabbiner Peres, der das Gebet für die 14 Toten sprach, zeigte sich von der Arbeit begeistert: »Für mich war es eine Ehre, an diesem Ereignis teilzunehmen und den Stolz und Respekt der lokalen Bevölkerung und der Offiziellen gegenüber dem jüdischen Erbe der Insel zu erleben.«

Auch für Carol Castiel war die Feier ein besonderer Höhepunkt: »Es war eine sehr bewegende Zeremonie, die die Bedeutung des jüdischen Erbes für die Kapverden noch einmal unterstrichen hat.«

Aber ihre Arbeit ist damit noch lange nicht abgeschlossen. Als Nächstes plant sie mit ihrer Organisation, ein Buch der Historikerin Angela Sofia Benoliel Coutinho über die Geschichte der nordafrikanischen Juden auf den Kapverden zu veröffentlichen und ein kleines Museum auf Santo Antão einzurichten, wo sich einst die meisten Juden angesiedelt hatten.

Belgien

Außerhalb des Völkerrechts

Die belgische Regierung verweigert einer Staatsangehörigen die konsularische Betreuung, weil sie in einer von Brüssel nicht anerkannten israelischen Siedlung lebt

 09.01.2026

Alija

Sprunghafter Anstieg: Mehr Juden sagen Frankreich Adieu

2025 hat sich die Zahl der jüdischen Auswanderer nach Israel fast verdoppelt. Experten machen dafür vor allem den wachsenden Antisemitismus verantwortlich

 08.01.2026

Entführungsfall

Jugendamts-Zeugin im Block-Prozess: »Unglaubliche Belastung«

In dem Hamburger Prozess geht es eigentlich um die Entführung der Block-Kinder. Die hat aber eine jahrelange Vorgeschichte. Eine Jugendamts-Mitarbeiterin schildert eine wichtige Wende im Sommer 2021

von Stephanie Lettgen, Bernhard Sprengel  08.01.2026

Los Angeles

Sega-Mitgründer David Rosen im Alter von 95 Jahren gestorben

Der Unternehmer aus New York ging in den 1950ern nach Japan und importierte Fotoautomaten. Später folgten Flipper-Automaten und Jukeboxen

 08.01.2026

Meinung

Instrumentalisiertes Leid kennt keine Moral

Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana braucht es Mitgefühl und Respekt. Wer eine lokale Tragödie von existenzieller persönlicher Wucht für politische Deutungen missbraucht, handelt zynisch – und entwürdigt die Betroffenen.

von Nicole Dreyfus  08.01.2026

Interview

»Die ICZ gehört zu mir – und ich gehöre zu ihr«

Sie will Brücken bauen, ohne den Rahmen zu sprengen. Die neu gewählte ICZ-Präsidentin Noëmi van Gelder spricht über Tradition und Offenheit, über Sicherheit in bewegten Zeiten – und darüber, wie jüdisches Leben in Zürich sichtbar, stark und gemeinschaftlich bleiben kann

von Nicole Dreyfus  08.01.2026

Jerusalem

Gedenkstätte Yad Vashem verweigerte Selenskyj Rede

Kurz nach Kriegsbeginn in der Ukraine wollte Selenskyj in Yad Vashem sprechen. Aber durfte nicht. Der Gedenkstätten-Vorsitzende nennt nun dafür klare Gründe

 07.01.2026

Venezuela

Kraft für den Neuanfang?

Trotz der spektakulären Festnahme des Diktators Nicolás Maduro durch die USA blickt die jüdische Gemeinde des Landes in eine ungewisse Zukunft

von Michael Thaidigsmann  07.01.2026

Schweiz

Trauer um Alicia, Diana und Charlotte

Bei der Brandkatastrophe im Nobel-Skiort Crans-Montana sind auch drei junge jüdische Frauen ums Leben gekommen

von Nicole Dreyfus  07.01.2026