Sport

»Jeder sollte wissen, dass ich Jüdin bin«

Rachel Rinast (l.) Foto: picture alliance / Charlotte Wilson / Offside

Dass »dieser Traum« einmal wahr werden würde, habe sie sich niemals vorstellen können, sagt Rachel Rinast. Dieser Traum – das ist die Teilnahme an der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen, die derzeit in Kanada stattfindet. Denn diesen Traum hatte die 24-Jährige schon in ihrer Kindheit. Doch sie sei »sehr realistisch veranlagt«.

Und ihr Realismus besagte: Im Frauenfußball, wo viele Spielerinnen heute schon mit unter 20 in der Nationalmannschaft debütieren, wird es in ihrem Alter nichts mehr werden mit der internationalen Karriere. Zumal Rinast noch nicht einmal in der Ersten Liga kickte. Zwar war sie zwischenzeitlich beim Bundesligisten Bad Neuenahr – doch der musste Insolvenz anmelden. Mit ihrem neuen alten Verein, dem 1. FC Köln, ist sie gerade erst aufgestiegen – auch ein Teil dieses Traumes, der für die sympathische junge Frau nun wahr wird.

2010 war sie extra in die Domstadt gewechselt, weil man ihr beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) nahelegte, dass ihr dies auch die Karriere im Nationaltrikot erleichtern würde. Doch während sich der DFB nie wieder bei der Linksfüßlerin meldete, ergab sich im März 2015 völlig unverhofft eine ganz andere Möglichkeit.

Doppelpass Rinast ist geboren und aufgewachsen im schleswig-holsteinischen Bad Segeberg. Ihr Vater ist Deutscher, aber ihre Mutter Schweizerin. So hat »Ray«, wie ihre Mitspielerinnen sie rufen, die doppelte Staatsbürgerschaft.

Als sie das beiläufig ihrem Spielerberater erzählte, schimpfte der sie erst einmal aus: Warum sie das denn nie erzählt hätte, wollte er wissen. Prompt stellte er den Kontakt her zur deutschen Nationaltrainerin der Schweiz, Martina Voss-Tecklenburg. Die ließ sich von Rinasts dynamischer Spielweise überzeugen. Nun ist sie bei der WM dabei – per Doppelpass zum Weltturnier. Als Deutsche unter Schweizerinnen.

Irgendwie war Rinast schon immer etwas anders als die anderen. Als kleines Mädchen spielte sie dauernd mit den Jungs Fußball. Und sie wuchs als Jüdin in einer nichtjüdischen Umwelt auf. »Mein Vater ist Jude, und ich bin als Kind konvertiert und jüdisch aufgewachsen«, erzählt Rinast. Ihre Mutter wäre zum Judentum übergetreten, konnte das aber bislang nicht.

Dennoch ist Rachel Rinast durchaus jüdisch erzogen worden: »Wir feiern bei meinen Eltern nur die jüdischen Feiertage, die sind mir schon sehr wichtig.« Jeden Freitagabend wurde Schabbat gefeiert, immer. »Auch an meine Batmizwa kann ich mich auch noch gut erinnern, an Pessach und Jom Kippur – eigentlich an alle Feste, die wir zu Hause gefeiert haben.« Es gab in ihrem Elternhaus zwei Kühlschränke sowie getrenntes Besteck für Milchiges und Fleischiges. »Das war meinen Eltern sehr wichtig, auch meiner Mutter«, betont die Fußballspielerin. »Wenn man ein Kind aufzieht«, glaubt sie, »muss man da schon ein wenig geradliniger sein.«

Inzwischen seien ihre Eltern wohl etwas lockerer geworden. Das gilt aber auch für Rachel Rinast selbst: »Ich versuche, mich koscher zu ernähren. Aber ich fände es übertrieben, an Schabbes nicht Fußball zu spielen,« sagt sie. »Das käme mir fast weltfremd vor.« Angesichts der Doppelbelastung von Leistungssport und Uni – Rinast studiert Sport und Deutsch auf Lehramt –, gibt es für sie praktisch auch kein Gemeindeleben. In der Kölner Synagoge war sie noch nie, und sie kennt auch fast niemanden in der Gemeinde.

Gemeinde Für Walter Blender ist das durchaus nachvollziehbar. »Man bleibt ja doch immer seiner Heimatgemeinde verbunden«, sagt der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Bad Segeberg.

Mit unverkennbar norddeutschem Einschlag erzählt er aus Rachel Rinasts Kindheit: »Ich kenne sie noch als ganz kleines Mädchen, wie sie mit elf Jahren an Pessach das Dajenu auf der Geige gespielt hat, wie sie bei ihrer Batmizwa aus der Tora gelesen hat, wie sie sich in der Jugendgruppe engagierte.« Nun könnte Blender fast platzen vor Stolz auf die »kleine« Rachel. »Sie repräsentiert jetzt Bad Segeberg in der ganzen Welt«, sagt er. Weil die Anstoßzeiten wegen der Zeitverschiebung oft mitten in der Nacht sind, nehmen sie in der Gemeinde die Spiele auf und schauen sie am nächsten Abend. »Wir wünschen ihr natürlich, dass sie mit ihrem Team möglichst weit kommt.«

Auch bei ihrem Verein, dem 1. FC Köln, »wissen alle von der WM-Teilnehmerin« aus den eigenen Reihen, erzählt FC-Mediendirektor Tobias Kaufmann. Obwohl auch dort, trotz des Bundesligaaufstiegs, der Frauenfußball im Vergleich zu dem der Männer noch in den Kinderschuhen steckt, verfolge man die Frauen-WM hochinteressiert, berichtet Kaufmann.

Dass Rinasts Eltern stolz auf ihre Tochter sind, versteht sich ohnehin von selbst. Umso mehr bedauert sie, dass Feiertage im Familienkreis für sie nur selten möglich sind. »Wenn es hoch kommt, klappt es vielleicht einmal im Jahr.«

Dafür habe sie in ihrer neuen Heimat Köln etwas Neues eingeführt: »In den fünf Jahren, in denen ich in Köln wohne, habe ich mit meinen Freunden, die fast alle Christen sind, eine Weihnukkafeier veranstaltet – so ein bisschen ein Religionsmix.« Ohnehin ist Rinast sehr weltoffen. »Ich bin sehr liberal erzogen werden«, ihren Eltern sei es immer sehr wichtig gewesen, auch anderen Religionen gegenüber offen zu sein. »Ich hatte viele muslimische Freunde, auch heute ist das noch so.«

Talente Und Rachel Rinast ist vielseitig begabt. Nicht nur auf dem Fußballplatz, wo sie auch schon im Angriff gespielt hat und bei der WM als linke Verteidigerin aufgeboten wird: Sie spielt Geige, gewann bei dem Wettbewerb »Jugend musiziert« und bekam ein Stipendium für eine Gesangsausbildung. Das hat sie dann aber doch nicht wahrgenommen, vielmehr habe sie sich gesagt: »Musik kannst du auch später noch machen, aber beim Sport ist die Zeit begrenzt. Länger als bis 30 oder 35 kann man nicht auf hohem Niveau Fußball spielen.« Dennoch hat sie die Musik nicht völlig aufgegeben. Im vergangenen Jahr nahm sie mit dem Kölner Rapper Danga ein Hip-Hop-Stück auf.

Daneben unterhält Rinast für ihre Fans einen eigenen Facebookauftritt und betreibt unter rutunwiess.wordpress.com ein WM-Blog. »Da sind auch viele Menschen, die ich zum Teil gar nicht kenne, die mir auf Facebook schreiben, dass sie jetzt nicht nur Deutschland-, sondern auch Schweiz-Fans sind.« Auch die Farbkombination Rot-Weiß passe ja, sagt sie lachend, denn das sind nicht nur die Farben der schweizerischen Fahne, sondern auch des 1. FC Köln.

In ihrer lockeren, positiven Art erzählt die Mittzwanzigerin mit den rotblonden langen Haaren auch von düsteren Dingen – dass sie väterlicherseits, also beim jüdischen Zweig ihrer Familie, keine lebende Verwandtschaft mehr habe. Dass es einmal, als sie noch ein kleines Kind war, eine Art Nazi-Gang in Segeberg gegeben habe, die ihre Eltern bedroht und das Familienauto mit Nazi-Stickern beklebt hätten.

Bad Segeberg Doch auf ihre Heimatstadt lässt Rachel Rinast nichts kommen: »Die Segeberger haben sich toll für die Integration der jüdischen Zuwanderer eingesetzt.« Außer ein »paar Dorftrotteln«, die dumme Sprüche gemacht hätten, habe es eigentlich kaum Probleme mit Rechtsextremen gegeben. »Die Leute wussten, dass ich Jüdin bin. Ich wollte auch, dass es jeder weiß«, erzählt sie. Und: »Ich bin ganz offen mit riesiger Davidsternkette durch Bad Segeberg gegangen.«

Wie wichtig Rachel Rinast ihre jüdische Herkunft ist, zeigt auch, dass sie 2013 mit dem deutschen Team an der Makkabiade in Israel teilgenommen hat. »Diesen Sommer wollte ich eigentlich auch bei den European Maccabi Games in Berlin dabei sein«, berichtet sie. Aber das schaffe sie leider nicht, weil es aufgrund der WM-Teilnahme zeitlich zu eng werde.

»Je nachdem, wie lange für mich die WM dauert, habe ich ohnehin schon eine sehr kurze Sommerpause.« Und bei der Vorbereitung mit dem 1. FC Köln auf die kommende Erstliga-Saison könne sie dann nicht einfach fehlen: »Das ist schon sehr schade, dass ich in Berlin nicht teilnehmen kann. Denn ich finde es super, dass die Games diesmal in Deutschland stattfinden.« Und da kommt wieder die Träumerin in der Realistin durch: »Beim nächsten Mal bin ich bestimmt dabei!«

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