Holocaust-Gedenken

»Jeder Israeli ist zum Gedenken willkommen«

Wyadeslaw Teofil Bartoszewski Foto: IMAGO/newspix

Herr Staatssekretär, Ihre Regierung organisiert die zentrale Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz-Birkenau. Was genau ist geplant?
Da die letzten Überlebenden mittlerweile sehr alt sind, haben wir beschlossen, dass sie im Mittelpunkt der diesjährigen Gedenkfeier stehen sollen, und zwar ausschließlich. Es wird also keine Reden von Politikern geben wie bei früheren Gelegenheiten. Nur die Überlebenden werden das Wort ergreifen. Sie sind unsere wichtigsten Gäste. Für viele von ihnen könnte es leider aufgrund ihres Alters das letzte Mal sein, dass sie an einer solchen Zeremonie teilnehmen können.

Wie viele Überlebende erwarten Sie?
Es werden einige Dutzend kommen. So wird auch unser Freund Marian Turski, der mittlerweile 98 Jahre alt ist, wieder eine kurze Rede halten. Namentliche Einladungen haben wir nur an Auschwitz-Überlebende geschickt. Alle anderen wurden lediglich darüber informiert, dass die Gedenkfeier stattfindet.

Mit anderen Worten, es werden dieses Mal keine Staatsoberhäupter und Regierungschefs anwesend sein?
Doch, auch in diesem Jahr werden wieder Könige, Präsidenten und Premierminister kommen, zum Beispiel König Charles aus Großbritannien und König Felipe aus Spanien. Wir haben uns jedoch anders als in den Vorjahren einfach an die Botschaften der verschiedenen Länder gewandt. Die Würdenträger wurden nicht persönlich eingeladen.

Wurde auch eine Einladung an die russische Regierung geschickt?
Nein, die Russen wurden nicht eingeladen.

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Im Dezember haben Sie in einem Interview angedeutet, dass Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bei einer Teilnahme an der Gedenkfeier in Polen verhaftet werden könnte, weil gegen ihn ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofes vorliegt. Später wurde das dementiert. Kann Netanjahu kommen?
Das ist eine rein hypothetische Frage. Ministerpräsident Netanjahu hat nie gesagt, dass er kommen wolle, und ich habe auch nie gesagt, dass wir ihn verhaften lassen würden, falls er denn käme. Ich verweise Sie auf den Beschluss des polnischen Kabinetts vom 9. Januar, der besagt, dass jeder israelische Offizielle an Holocaust-Gedenkveranstaltungen teilnehmen kann. Das gilt auch für die Gedenkfeier in Auschwitz-Birkenau.

Warum wurde das so entschieden?
Die Regierung der Republik Polen sieht es als ihre Pflicht an, den Israelis die Möglichkeit zu geben, der vielen Opfer des jüdischen Volkes, die in der Schoa ermordet wurden, angemessen zu gedenken.

Hätten Sie persönlich es begrüßt, wenn Netanjahu die israelische Regierung in Auschwitz-Birkenau vertreten hätte?
Wie ich bereits sagte, haben wir – abgesehen von den Überlebenden – keine bestimmten Personen eingeladen. Es ist Sache der israelischen Regierung, wen sie schicken möchte. Wir werden aber dafür sorgen, dass, ganz gleich, wer aus Israel kommt, diese Person in Polen sicher sein wird. Genau so lautet die Entscheidung der polnischen Regierung vor zwei Wochen.

Unabhängig von der Gedenkfeier: Bedauern Sie persönlich, dass der Strafgerichtshof einen Haftbefehl gegen Netanjahu ausgestellt hat? Das erleichtert ja nun nicht gerade die diplomatischen Beziehungen …
Ich spreche nicht als Privatperson, sondern kann mich nur als Mitglied der polnischen Regierung äußern. Unsere Position ist klar: Wir sind Mitgliedsstaat des Internationalen Strafgerichtshofs, wir haben das Römische Statut unterzeichnet, ebenso wie 120 andere Staaten auch. Wir müssen also berücksichtigen, was der Internationale Strafgerichtshof verlangt, und wir können internationale Abkommen nicht im Alleingang ändern. Genau das habe ich in meinem Interview mit »Rzeczpospolita« klargestellt. Das wurde später in einer amerikanischen Zeitung falsch dargestellt. Dies ist eine besondere Situation, und deshalb hat die Regierung ihre Entscheidung für diesen speziellen Fall getroffen. Und dies unterstütze ich voll und ganz.

Die Beziehungen zwischen Polen und Israel waren zeitweise sehr angespannt, insbesondere unter der von der PiS geführten Vorgängerregierung. Das war besonders der Fall, als 2018 das umstrittene Gesetz über das nationale Gedenken vorgelegt wurde. Hat sich das jetzt geändert?
Die Kontroverse um das Gesetz, welches meiner Meinung nach völlig fehlgeleitet war, wurde schon vor langer Zeit zwischen der damaligen Regierung und Ministerpräsident Benjamin Netanjahu geklärt und ad acta gelegt. Wir haben ein gutes Verhältnis zum Staat Israel. Zwischen 1990, als die diplomatischen Beziehungen wiederhergestellt wurden, und diesem unseligen Gesetz 2018 hatten wir ausgezeichnete Beziehungen zu Israel. Heute liegt die Zahl der Israelis, die einen polnischen Pass und damit die doppelte Staatsbürgerschaft haben, bei mehr als 200.000.

Das sind sehr viele ...
Ja, in der Tat. Immer mehr Israelis nehmen ihr Recht wahr, die polnische Staatsbürgerschaft zu erwerben. Wir sind sehr stolz darauf, dass so viele von ihnen jetzt ihre polnischen Wurzeln wiederentdeckt haben. Auch Ministerpräsident Netanjahu hat immer davon gesprochen, dass sein Vater in Warschau geboren wurde, dass er polnischer Jude war.

Lange Zeit umstritten war die Rückgabe von Privateigentum, das Juden von den deutschen Besatzern gestohlen und nach dem Zweiten Weltkrieg nicht zurückgegeben wurde. Ist dieses Kapitel für Polen nunmehr abgeschlossen?
Nach 1990 wurde viel Eigentum an jüdische Organisationen in Polen zurückgegeben oder übertragen. Und ich muss betonen, dass wir unsere Hauptverantwortung gegenüber den polnischen Juden sehen. Das polnische Recht unterscheidet nicht zwischen Menschen aufgrund von Nationalität oder Herkunft. Deswegen kann man auch nicht einfach sagen, dass man aufgrund dessen, was vor fast 100 Jahren passiert ist, etwas beanspruchen möchte. Ein polnischer Katholik ist nicht mehr oder weniger privilegiert als ein polnischer Jude. Das Gesetz gilt für alle gleichermaßen.

Um auf die Erinnerung an den Holocaust zurückzukommen: Wie kann die Erinnerung an die Schoa aufrechterhalten werden, wenn es demnächst keine Überlebenden mehr gibt?
Mein Vater war selbst Überlebender von Auschwitz. Er gründete später eine Stiftung, um das ehemalige Vernichtungslager zu erhalten, und warb selbst 60 Millionen Euro dafür ein. Er wollte sicherstellen, dass genügend Geld vorhanden ist, um die Substanz des Lagers in Auschwitz-Birkenau zu konservieren. Die Gebäude in Auschwitz sind über 100 Jahre alt. Einige von ihnen sind baufällig. Viele Konservatoren arbeiten dort, um sicherzustellen, dass auch künftig der Menschen, die dort ermordet wurden, gedacht werden kann. Am 27. Januar werden wir das restaurierte Haus eröffnen, in dem der Kommandant von Auschwitz, Rudolf Höß, damals wohnte. Darüber hinaus hat die polnische Regierung 100 Millionen Zloty für den jüdischen Friedhof in Warschau bereitgestellt. Warschau war ja zur damaligen Zeit die größte jüdische Stadt in Europa und die zweitgrößte weltweit.

Und wie kann man gezielt junge Menschen ansprechen?
Wir haben auch Bildungsprogramme aufgelegt, die sicherstellen, dass die Menschen über die Schoa informiert sind. So haben wir ein Abkommen mit Israel geschlossen, das es jungen Israelis ermöglicht, regelmäßig nach Polen zu kommen. Darüber hinaus bauen wir ein großes Museum in Treblinka, einst nach Auschwitz-Birkenau das zweitgrößte Todeslager der Nazis, was die Zahl der ermordeten Juden betrifft. All das geschieht in Zusammenarbeit mit den israelischen Behörden und insbesondere den religiösen Autoritäten, da es hier um Friedhöfe geht.

Erhalten Sie für diese Projekte Unterstützung von der deutschen Regierung?
Ich würde sagen, dass das hauptsächlich die Aufgabe Polens ist, obwohl die deutschen Bundesländer einen Beitrag zur Auschwitz-Stiftung geleistet haben, als mein Vater sie gründete. Die Deutschen arbeiten bei diesen Themen eher mit Israel zusammen.

Ihr Vater, Władysław Bartoszewski, war zweimal Außenminister Polens. Die acht Jahre vor seinem Tod im Jahr 2015 war auch er Staatssekretär und nahm ähnliche Aufgaben wahr wie Sie heute, wenngleich nicht im Außenministerium, sondern beim Ministerpräsidenten. Treten Sie da in die Fußstapfen Ihres Vaters?
Ich kümmere mich um die Beziehungen zur jüdischen Diaspora, weil ich schon seit vielen Jahrzehnten mit jüdischen Angelegenheiten befasst bin. 1985 war ich Mitbegründer des Instituts für Polnisch-Jüdische Studien in Oxford. Bis heute bin ich im Vorstand des Journal of Polish Jewish Studies; 36 Bände davon sind bereits erschienen. Dank meines Vaters kam ich schon früh in meinem Leben mit Juden in Kontakt. Ich erinnere mich, wie ich mit meinen Eltern in der israelischen Botschaft in Warschau war und dort mit anderen Kindern Verstecken gespielt habe. Ich habe mich im Schrank des Botschafters versteckt, nicht unbedingt zur Freude aller Betroffenen, denn darin hingen seine Anzüge. Das war, bevor das kommunistische Polen 1967 die Beziehungen zu Israel abbrach. Später war ich Stipendiat an der Hebräischen Universität in Jerusalem und lernte so Israel kennen. Ich habe an der Universität Oxford jüdische Geschichte gelehrt und zudem ein Buch über Auschwitz geschrieben. Ich denke also, dass ich die Probleme, um die es hier geht, ganz gut verstehe. Und das, obwohl ich nicht für die Beziehungen Polens zu Israel oder zum Nahen Osten im Allgemeinen zuständig bin.

Mit dem polnischen Staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten sprach Michael Thaidigsmann.

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