Brasilien

Im Reich der Fußballgötter

Touristen und Einheimische kicken am Ipanema-Strand in Rio de Janeiro. Foto: dpa

Es ist das 20. Mal, dass eine Fußballweltmeisterschaft in Brasilien ausgetragen wird. Viele fragen sich: Wird es der Seleção, der brasilianischen Auswahl, gelingen, zum sechsten Mal den WM-Titel zu erringen? Aber erst einmal eine andere Frage: Wie heißt der Meister aller Meister, der absolute Torschützenkönig nach der offiziellen FIFA-Statistik?

Er heißt Arthur Friedenreich, genannt »Goldfuß« und »Tiger«. Er war der Fußballstar in den 20er-Jahren, lange vor Ronaldo und Ronaldinho. Seine Mutter war eine dunkelhäutige Wäscherin aus São Paulo, sein Vater, Carl Wilhelm, ein jüdischer Arzt aus dem Städtchen Dahme in Brandenburg. Der hatte wegen seiner freiheitlichen Ansichten Scherereien mit der preußischen Polizei bekommen und floh mit seinem Bruder nach Brasilien.

Ein paar Schulen tragen den so schwer auszusprechenden Namen Friedenreich in Brasilien, aber unter den rund 100.000 jüdischen Brasilianern (genau Zahlen gibt es nicht) ist der Crack von einst so wenig bekannt wie unter den 195 Millionen anderen. Dass aber gerade er, der Sohn eines jüdischen Arztes und einer dunkelhäutigen Wäscherin, in Brasilien zu einem Star heranwachsen konnte, während in der Heimat seiner Vorfahren Rassenhass und Terror wüteten, gereicht Brasilien zur Ehre.

Zuflucht Genau genommen war das »Papageienland« der älteste Zufluchtsort der sefardischen Juden, nachdem die Inquisition sie von der Iberischen Halbinsel vertrieben hatte. Dort drüben jenseits des Ozeans, in Mauritsstad, dem heutigen Recife, regierte als Statthalter der niederländischen Westindischen Companie Moritz von Nassau, und der war ein sehr aufgeklärter und liberaler Herrscher.

Wenig ist aus dieser Zeit erhalten, aber wenigstens das: die stille Rua do Bom Jesus im alten Hafenviertel von Recife, kaum 300 Meter lang. »Kahal Zur Israel« steht über der Nummer 197, einem zweistöckigen Handelshaus. Es beherbergt die älteste Synagoge der Neuen Welt. Sie wurde im Jahr 1637 erbaut, aber erst vor zwölf Jahren »wiederentdeckt« – denn in den Räumen war ein Elektrogeschäft untergebracht. Inzwischen hat man in dem Haus eine Gedenkstätte eingerichtet.

Im alten Hafenviertel schlug einst das Herz von Mauritsstad und einer jüdischen Gemeinde, die zwei Jahrzehnte lang blühte. Dann zerplatzte der Traum einer freien Neuen Welt am Äquator, die Niederländer zogen sich aus Brasilien zurück. Für die der Inquisition entronnenen Juden blieb Neu-Holland ein kurzer Traum. Viele kehrten nach Europa zurück und ließen sich in den Niederlanden nieder. Doch einige Dutzend zogen weiter unter holländischer Flagge: nach Surinam, in die Karibik – und nach Neu-Amsterdam, das spätere New York. Die ersten Juden Nordamerikas kamen also aus Holländisch-Brasilien.

Die alte Kahal-Zur-Israel-Synagoge in Recife ist ein Museum, »das uns an das friedliche Zusammenleben aller Religionen ermahnt«, sagt Boris Berenstein, der Vorsitzende der winzigen jüdischen Gemeinde in der Millionenstadt.

Anders als in Recife spielen in Rio de Janeiro und São Paulo, wo 90 Prozent aller Juden des Landes leben, die jüdischen Gemeinden mit ihren Synagogen, Schulen und Klubs heute eine spürbare Rolle im gesellschaftlichen Leben.

In Rio gehen die Wurzeln zurück auf die Zeit, als man erstmals Gold im Hinterland fand. Bereits im 17. Jahrhundert hatten sich hier die Händler der Hafenstadt angesiedelt, richteten Magazine und Kontore, Werkstätten und Kneipen ein. Jüdische und libanesische Kaufleute zog es in die Gegend, die Rua de Andradas, die Rua Buenos Aires und die Rua da Alfândega. Sie zählten im 19. Jahrhundert zu den ersten Adressen – bis ehrgeizige Bürgermeister breite Schneisen durch die Stadt schlugen, so wie es Baron Haussmann in Paris machte. Beinahe wäre der alte Basar, die »Sahara«, auch unter die Bulldozer gekommen. Doch dann ging der Stadt das Geld aus, und die Kontore und Magazine blieben im Schatten der Bürohochhäuser – so gut sie konnten – einfach stehen.

Auf den Gassen der Sahara und auf der Praca Onze sprach man Jiddisch, Türkisch und Arabisch. Orthodoxe Juden aßen im »Gasthaus Schneider« Gefilte Fisch und lasen »Dos Idische Vochenblat«. Die Rua Júlio do Carmo hatte den Spitznamen »idische Avenide«. Jüdische Straßenhändler aus Osteuropa genossen bei der feinen Gesellschaft einen fast ebenso zweifelhaften Ruf wie die »Polacas«, zur Prostitution gezwungene Mädchen, unter ihnen auch Jüdinnen. Es mag wild hergegangen sein in diesem Bauch von Rio de Janeiro – doch schlug man sich um Gold und nicht um Gott oder der Hautfarbe wegen.

Industrienation Der Aufstieg Brasiliens zur Industrienation ist ebenfalls eng verbunden mit jüdischen Namen wie die von Safra, Kasinski, Bloch, Szajman, Hamburger, Zukerman und vielen anderen. Einer, der sich ganz nach oben durchboxte, war Samuel Klein. Er wuchs in einem Dorf bei Lublin mit fünf Geschwistern auf. Sein Vater war Tischler und hielt den Schabbat. Die Kleins waren arm, aber sie hatten zu essen. Anfang der 40er-Jahre kamen die Deutschen ins Dorf. An einem Schabbat im Oktober 1942 trieben SS-Männer die Juden in der Synagoge von Zaklikov zusammen – die Nachbarn hatten die Fenster geschlossen – und »selektierten« sie: Frauen und Kinder nach rechts, arbeitsfähige Männer nach links. Samuel Klein sah seine Mutter und die beiden jüngsten Geschwister nie wieder, sie wurden in Treblinka ermordet.

Samuel und seinen Vater verluden die SS-Männer in Viehwaggons. Man machte sie zu Sklaven, die in der Industrie in Oberschlesien schuften mussten. Im Juli 1944 gelingt es Samuel zu fliehen – nach Westen. Er schlägt sich auf dem Schwarzmarkt durch: Wodka für die Russen, Papyrossi für die Polen. Im Dezember 1951 sagt er der Alten Welt Lebewohl. Mit Frau und Sohn sitzt er am Kai von Genua, 7000 Dollar ins Jackenfutter eingenäht. Ein Dampfer wird sie nach Südamerika schippern.

In São Paulo, wo die Menschen im Laufen essen, weil sie keine Zeit für Müßiggang haben, will Samuel Klein Geschäfte machen. Nur wie, fast ohne Geld? Es dauert keine zwei Jahre, da hat er seinen ersten motorisierten Lieferwagen, seinen ersten Laden, den zweiten, den dritten. Unter seinen Kunden sind viele Arbeitsmigranten aus dem Nordosten Brasiliens. Diese einfachen Leute begleichen ihre Schulden pünktlich. Wer klamm ist, dem hilft Klein aus der Patsche. Lieber ein armer, aber guter Kunde als ein reicher und schlechter.

Die weitere Geschichte ist eine Wachstumsstory nach immer dem gleichen Muster. Samuel Klein ist schneller als die Konkurrenz, hat mehr Vertrauen in die Kundschaft, kauft billiger ein und macht größere Gewinne. Längst haben seine Nachkommen das Geschäft übernommen – so wie bei Hans Stern, Rios Edelsteinkönig, der vor sieben Jahren gestorben ist.

Mit ihm – er wurde in Essen geboren – hatte Brasilien einen besonderen Glanz bekommen. Und mit der Copa, der Fußball-WM, und der Olympiade in zwei Jahren hofft Rio wieder seinen alten Glanz zurückzugewinnen. Allerdings ist in der WM der Wurm drin: politischer Größenwahn, schlampige Planung, explodierende Kosten und eine FIFA, die auftritt wie eine Kolonialmacht, haben den Brasilianern die Lust am Spiel genommen. »Wir hätten das Geld für wichtigere Dinge als für diese weißen Elefanten (gemeint sind die zwölf neuen Stadien) ausgeben können, für Schulen, Straßen und Kliniken«, schimpft Paulo Coelho, Brasiliens Bestseller-Autor: »Ich war einer der Idioten, der an die Copa glaubte!« Jetzt will er nicht mal der Seleção den Daumen drücken.

Olympia 2016 Carlos Arthur Nuzman sieht das natürlich anders; denn er, der Anwalt und ehemalige Volleyballspieler im Clube Israelita Brasileiro, ist Präsident des Brasilianischen Olympischen Komitees und als solcher der Boss der Olympischen Spiele, die 2016 in Rio de Janeiro ausgetragen werden sollen. »Die Copa wird stattfinden!«, machte sich Nuzman kürzlich Mut angesichts der Tatsache, dass viele Brasilianer die Nase von der Fußball-WM bereits voll hatten, bevor sie überhaupt anfing.

Fußball und der gesamte Sport sind die wichtigsten Nebensachen der Welt; aber sie sind eben auch geschäftlich interessant. Vor allem diejenigen, die im Wirtschaftsleben des Landes eine wichtige Rolle spielen – und darunter sind auch Juden –, drücken in den kommenden vier Wochen die Daumen für den Sieg der Seleção.

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