Spanien

»Ich bin ein Bagel«

Als Tamara Cohen aus ihrer Heimat Philadelphia in den USA nach Madrid kam, wollte sie ein Jahr Auszeit nehmen, um Spanisch zu lernen. Nach dem Studium der Ernährungswissenschaften sei sie sich unsicher gewesen, wie es nun weitergehen solle. Spanisch habe sie schon immer interessiert, weil sie es von ihrer Mutter kannte, die ursprünglich aus Kuba stammt. Aus einem Jahr sind mittlerweile 15 geworden. Cohen hat einen spanischen Pass und ein gut gehendes Geschäft, mit dem sie offensichtlich einen Trend gesetzt hat: Bagels! Die suchte man früher vergebens in Spaniens Hauptstadt.

Tamara Cohens Weg in die neue Heimat ist dieser Tage ein jüdischer Lichtblick angesichts der beunruhigenden Nachrichten aus Spanien, das sich in der Weltpolitik lautstark auf der anti-israelischen Seite positioniert hat. Es habe mit einem kleinen Interview begonnen, dann habe sie lange nichts gehört, und nun kursiere ihre Geschichte in aller Welt. »Es ist verrückt«, sagt Cohen im Gespräch mit dieser Zeitung und lacht.

Verrückt ist auch ihre Geschichte, die vor mehr als 500 Jahren begann. Sie habe immer gewusst, dass die Familie ihrer Mutter sefardisch sei, so die 34-Jährige. Sie habe aber selbst nie Ladino oder Spanisch gelernt. So sei die Wahl auf Spanien gefallen, als sie 2015 zum ersten Mal nach Europa kam. Und es war Heimweh, das sie während des Sprachkurses zum Backen trieb. Mit Challa, Keksen, Bagels und Babka habe sie sich mehr zu Hause gefühlt, so Cohen. Und schließlich sei es ihr Verlobter gewesen, der sie darin bestärkte, dieses gute Gefühl mit anderen Menschen zu teilen.

»Es war wie eine Möglichkeit, mich mit meiner Vergangenheit zu verbinden.«

Tamara Cohen

Zuerst verkaufte sie ihre Heimweh-Backwaren online, 2020 eröffnete sie ihr Café »Mazál«. Zwei Jahre lang stand sie ab halb vier Uhr morgens am Ofen, »damit um sieben alles fertig ist«. Dann zog das Café um, und das Personal wurde auf zwei Orte verteilt. Bis heute falle es ihr schwer, die Arbeit anderen zu überlassen, sagt Cohen. Schließlich sei jeder Bagel, jedes Pastrami-Sandwich, jede Challa und jeder Pancake ein Teil ihrer selbst, eine Mischung der eigenen Biografie. »Ich bin selbst ein Bagel«, sagt sie und lacht. Deshalb sind auch ihre Eltern auf der »Mazál«-Speisekarte verewigt: »Mamas Süßkartoffel-Kasserolle« und »Allen’s Pancakes«, benannt nach ihrem Vater.

Just als Cohen nach Madrid kam, hatte Spanien sich zu einer Art Wiedergutmachung mittels eines mittlerweile wieder abgeschafften Rückkehrgesetzes aufgerafft: Die Nachkommen von Juden die von der Inquisition Ende des 15. Jahrhunderts unter Androhung des Todes von der Iberischen Halbinsel vertrieben worden waren, bekamen das Recht auf einen spanischen Pass. Cohens Mutter bewarb sich und schlug ihrer Tochter vor, es ihr gleichzutun. Nach dreieinhalb Jahren wurde Cohen Spanierin. »Es war wie ein glücklicher Zufall. Alles hat sich zusammengefügt. Ohne es zu beabsichtigen, war ich genau in dem Moment hier, als das Gesetz in Kraft trat. Es war wie eine Möglichkeit, mich mit meiner Vergangenheit zu verbinden«, sagt Cohen.

Gleichzeitig habe sie auch mehr über die Familie ihres aschkenasischen Vaters erfahren, die während der Schoa aus dem Schwarzwald in die USA flüchten konnte. »Bis auf meine Urgroßmutter, sie wurde in Auschwitz ermordet.« Die Reise in die europäische Vergangenheit ihrer Familie habe ihr Leben verändert, sagt Cohen weiter. »Jeder Mensch, jede Familie hat eine Vergangenheit und eine Geschichte. Aber meistens sind es nur Geschichten. Doch sie haben dich zu dem gemacht, der du bist.«

Ein Ort zum Wohlfühlen

Dieses Bewusstsein ihres historischen Gepäcks ist es wohl auch, das Cohen dazu gebracht hat, Menschen ein Zuhause bieten zu wollen. »Es gibt so viele Expats in Madrid, wie mich selbst, und für die soll es ein Ort zum Wohlfühlen sein: Man geht die Straße entlang, sieht Bagels und Challa im Schaufenster und fühlt sich wie zu Hause.«

An Freitagen verkauft »Mazál« im Durchschnitt 90 bis 100 Challot.

Cohen genießt es, ihr kleines Café-Restaurant-Reich allmählich wachsen zu sehen. Zwei gibt es bisher, bald soll mit »Tova« ein koscheres Café mit eigener Bäckerei dazukommen. An Freitagen verkaufe »Mazál« im Durchschnitt 90 bis 100 Challot. »Es gibt mehrere Synagogen in Madrid, es gibt eine Gemeinde, es gibt ein paar koschere Restaurants. Es gibt also Möglichkeiten für Juden. Aber für Menschen in kleineren Städten muss es fast unmöglich sein«, beschreibt Cohen die Situation der Juden in ihrer zweiten Heimat.

Laut dem European Jewish Congress leben rund 15.000 Juden in Madrid, weitere 15.000 in Barcelona. Im ganzen Land sollen es geschätzte 45.000 sein. Vor der Vertreibung am Ende des Mittelalters waren es rund 300.000. Madrids heutige jüdische Gemeinde ist etwa 100 Jahre alt und entstand hauptsächlich, als marokkanische Juden nach Ende des Zweiten Weltkriegs einwanderten. In jüngerer Zeit gab es einen Zustrom von Juden aus Südamerika.

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Ob sie und ihr »Mazál« den spanischen Hass auf Israel zu spüren bekommen haben? Natürlich habe es nach dem 7. Oktober 2023 Vorkommnisse gegeben, sagt Cohen. Als sie Geld gesammelt habe, um es nach Israel zu spenden, hätten Kunden gedroht, nie wieder zu kommen. Andere hätten sich wiederum über die Unterstützungsaktion gefreut.

»Es war eine Entscheidung. Wenn wir Kunden verlieren, ist es halt so«, sagt Cohen. Dann hellt sich ihr Blick auf: »Ich habe ein dickes Fell!«

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