Schweiz

Heidi in Haifa

Cover einer hebräischen »Heidi«-Ausgabe von 1957/58 Foto: Heidiheritage.com

Schweiz

Heidi in Haifa

Eine Ausstellung im »Heidiseum« bei Zürich zeigt, wie die ins Hebräische übersetzten Kinderbücher ihren Siegeszug antraten

von Annette Kanis  07.10.2021 11:22 Uhr

Heidi, das eigenwillige Mädchen mit der Liebe zu den Bergen und der Natur, ist weltweit bekannt. Sie ist die Heldin der Kinder- und Jugendromane der Schweizer Autorin Johanna Spyri aus den Jahren 1880 und 1881. Die Geschichte der Roman-Rezeption in Israel und der Erfolg der Veröffentlichungen in hebräischer Sprache ist derzeit in der Ausstellung Schatten und Licht. Heidis Erfolgsgeschichte in Israel – Eine Spurensuche im »Heidiseum« in Kilchberg bei Zürich zu sehen und soll nach Wunsch der Kuratoren zu einer Wanderausstellung werden.

Welchen großen Einfluss »Heidi« in Israel hatte und bis heute hat, habe ihn selbst überrascht, sagt Peter Büttner, der gemeinsam im Kuratorium mit Nurit Blatman und Peter Polzin die Ausstellung in fast zweijähriger Vorarbeit zusammengestellt und konzipiert hatte.

»Wir wollten die bekannten Pfade verlassen und etwas zeigen, das keiner bislang auf dem Schirm hatte – wir wollten eine mutige Ausstellung machen«, fasst es der Ausstellungsmacher zusammen. So sei es zum Bezug »Heidi« und Israel gekommen. Wenn man politische und kulturelle Aspekte in den Blick nehme, verstehe man erst, warum die »Heidi«-Bücher in den hebräischen Übersetzungen ab Mitte der 40er-Jahre so ein Erfolg werden konnten.

Waisenkinder »Der Romanstoff war enorm identitätsstiftend zu dieser Zeit«, so Büttner. Menschen, die die Erfahrung der Schoa gemacht hatten, hätten sich ein Stück weit mit dem Heidi-Stoff identifizieren können. Vor allem die Kinder, viele von ihnen Waisen wie das Mädchen aus den Bergen.

»Wir haben versucht, die Themen herauszufiltern, die unserer Meinung nach wichtig sind für die jüdische Rezeption.« Dies sei zum einen die Waisenkinderfahrung und zum anderen die Heimatvertriebenheit. »Das Wort ›Waise‹ kommt bei Johanna Spyri im Original nicht vor, aber auffällig oft bei den Übersetzungen der frühen hebräischen Ausgaben«, merkt Peter Büttner an.

Existenzielle traumatische Erfahrungen, die Schoa-Überlebende gemacht hatten, zeigten gewisse Parallelen zu Heidis Vertriebensein aus den Bergen und ihrem problematischen Leben in der Frankfurter Kaufmannsfamilie.

Dazu komme der Naturkomplex, die Naturerfahrungen, die im Roman beschrieben würden – Stichwort Kibbuz als romantisiertes Landleben. Der Text sei von Abschied und Hoffnung geprägt, wie auch viele Biografien von Jüdinnen und Juden aus der Zeit nach der Schoa.

Zeitzeugen So kommen in der Ausstellung auch Zeitzeugen zu Wort, die von der Heidi-Geschichte besonders berührt wurden. Der Romanstoff von »Heidi« ist hoffnungsvoll und hat ein gutes Ende, dieser Aspekt soll sich im Titel der Ausstellung Schatten und Licht spiegeln, ebenso wie die jüdische Geschichte, die voller Hoffnung sei.

In der Ausstellung ist die Vielfalt der hebräischen Übersetzungen zu sehen. Dabei werde auch deutlich, wie sich der Kinderbuchmarkt ab den 50er-Jahren entwickelt habe, so Büttner. Dieser lebte zunächst von Übersetzungen, da es in Israel noch keinen nationalen Kanon gegeben habe.

Schreibutensilien der Autorin werden ebenso gezeigt wie das Drehbuch sowie ein Kinoplakat der amerikanischen Verfilmung mit Shirley Temple von 1937. »Dieser Film«, erzählt Büttner, »war damals ein Riesen-Highlight.« Er habe das Interesse an dem thematischen Stoff von Heidi vorbereitet und vermutlich zum Interesse an der ersten Übersetzung geführt.

festjahr Ergänzt wird die Ausstellung im Heidiseum, die Bestandteil des Kulturprogramms des Festjahres »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« ist, von einer Fotoserie des israelischen Nachwuchskünstlers Niv Fridman. Er setzte das Heidi-Motiv in ansprechenden Fotoarbeiten um und näherte sich der Geschichte aus künstlerischer und kultureller Perspektive.

Schirmherrin der Ausstellung ist Hanna Livnat. Sie hat 2019 die nun aktuellste Übersetzung des weltweit bekannten Kinderromans ins Hebräische vorgenommen. Bislang seien vor allem verkürzte Adaptionen erschienen, so Büttner. Hanna Livnat hat nun eine umfassende Version vorgelegt.

Erste Eindrücke von der Ausstellung gibt ein virtueller Rundgang im Internet. Im Heidiseum bei Zürich ist sie noch bis zum 17. Oktober zu sehen. Derzeit laufen Gespräche, inwieweit die Ausstellung auch an anderen Orten gezeigt werden kann – in Tel Aviv, wo die Bücher verlegt wurden, oder in Frankfurt, der Stadt, die eng mit dem Heidi-Stoff verbunden ist.

www.heidiheritage.com

Italien

Ein Tempel für alle

Über der Biennale in Venedig schwebt eine Synagoge. Was sich die ukrainische Künstlerin Anna Kamyshan dabei dachte und wie sie es geschafft hat

von Sophie Albers Ben Chamo  13.08.2026

Antisemitismus

»Schade, dass Hitler den Job nicht vollendet hat«

Ein Mann aus Irland äußerte sich bei einer Begegnung mit jüdischen Touristen in einem französischen Supermarkt antisemitisch und drohte dem Paar gar mit Erschießung.

 13.08.2026

Judenhass

Tourist mit Kippa in Rom zweimal attackiert

Antisemitische Vorfälle in Italien nehmen seit Jahren zu. Nun wurde ein junger Tourist in der Hauptstadt gleich zweimal angegriffen. Er trug eine Kippa

von Severina Bartonitschek  12.08.2026

Bern

Verantwortung lässt sich nicht neutralisieren

Die Schweiz debattiert anlässlich einer Volksabstimmung über ihre Neutralität

von Nicole Dreyfus  12.08.2026

Österreich

Vermisste Israelinnen in Wien: Familie befürchtet das Schlimmste

Im Fall der vermissten Mutter und Tochter gibt es neue Details. Unter anderem über die Unterkunft in Wien. In Israel wurde eine Nachrichtensperre erlassen

 12.08.2026 Aktualisiert

Schweiz

Den eigenen Weg gehen

Kollektive Begeisterung macht blind und dumm, ganz gleich, ob sie von rechts oder links kommt, findet Berns Botschafter in Israel. Und liefert literarische und filmische Quellen als Inspiration für das Schwimmen gegen den Strom

von Simon Geissbühler  11.08.2026

Frankreich

Schrecken der Milliardäre

Der jüdische Ökonom Gabriel Zucman fordert eine stärkere Besteuerung der Superreichen. Beim Geldadel stoßen seine Ideen jedoch auf heftigen Widerstand

von Christine Longin  11.08.2026

Österreich

Zwei Israelinnen in Wien vermisst

Die israelische Botschaft vor Ort bittet die Öffentlichkeit um Hilfe

 11.08.2026 Aktualisiert

Österreich

Drei orthodoxe Familien mit Hubschrauber gerettet

Ein hochalpiner Ausflug von drei jüdischen Großfamilien in Tirol endete mit einer Helikopterbergung. Auf über 2300 Metern waren sie auf Hilfe angewiesen.

von Nicole Dreyfus  11.08.2026