USA

Happy Hanukkah in Florida

Wer vom Flughafen Miami in Richtung South Beach fährt, kommt die 41st Street entlang. Wie viele andere säumt auch diese Straße ein schier endloses Spalier aus Palmen. Sie sind mit Lichterketten umwickelt und erstrahlen am Abend in hellem Licht. Dazwischen stehen blinkende Chanukkaleuchter und hier und da ein einzelner Weihnachtsbaum.

»Eine ziemlich jüdische Straße«, erklärt die Taxifahrerin. Namen wie Sasha Schwartz Salon oder Kosher Price Market deuten darauf hin: Restaurants, Versicherungen, Friseursalons, Drogerien, Delis. »Hier leben vor allem Orthodoxe«, sagt sie – und: »Man kann in dieser Gegend sehr gut essen«, die koschere Pizzeria und der koschere Sushi-Laden seien prima.

weihnachtsbaum Das jüdische Leben in Florida ist so facettenreich und bunt wie die Gesellschaft überhaupt. Vor allem in Miami, Fort Lauderdale und Key West ist es überaus präsent und absolut selbstverständlich. Es gibt kaum einen Weihnachtsbaum im öffentlichen Raum, in dessen Nähe nicht auch einige Chanukkiot stehen.

Neben »Merry Christmas«-Karten liegen ebenso viele »Happy Hanukkah«-Karten in den Drugstores, dazu passendes Deko-Material für das jeweilige Fest. Im Geschenkartikelladen gibt es blau-weiße Chanukka-Bilderrahmen aus Porzellan, Girlanden, Tischläufer oder schillernde Luftballons mit Grüßen und Glückwünschen zum Lichterfest, und in den Coffeeshops liegen spezielle Gutscheinkarten zu Chanukka.

Auch im Kosher Price Market bereitet man sich dieser Tage auf Chanukka vor. Unaufhörlich laufen Bestellungen für die bevorstehenden Feiertage ein. »Nach Thanksgiving geht das in der Regel los«, sagt Andrew M. Zoblin und deutet auf die Backabteilung. Der absolute Renner seien die Sufganiot, die man hier als »Hanukkah-Donuts« verkauft. Bis zu 800 Stück werden während Chanukka pro Tag bestellt, sagt Andrew und lacht.

sufganiot Carina, die hinter der Theke steht, betont, dass sie alle Sufganiot von Hand mache. »Wir füllen sie mit Pudding oder Schokolade, und manchmal verwende ich auch Erdbeermarmelade.« Dieser Tage, so kurz vor Chanukka, arbeite sie praktisch durch, sagt die aus der Ukraine stammende Frau und eilt weiter, um die nächste Bestellung anzunehmen.

Viele Einwohner stellen eine Chanukkia ins Fenster – auch wenn sie nicht jüdisch sind.

In Florida lebt heute die drittgrößte jüdische Gemeinde der Vereinigten Staaten. Die Behörden erlaubten Juden erst im Jahr 1763 offiziell, sich anzusiedeln. Damit war Florida eines der letzten Gebiete in den USA, in denen sich jüdisches Leben in bedeutenderem Umfang etablieren konnte.

In den vergangenen 120 Jahren hat sich Floridas Hauptstadt Miami zum Kern der regionalen jüdischen Gemeinde entwickelt. Neben zahlreichen jüdischen Kindergärten und Schulen, Gemeindezentren, Synagogen, dem Center for Jewish Studies am College of Liberal Arts and Sciences der University of Florida und vielerlei mehr gibt es in der Stadt auch ein beeindruckendes Jüdisches Museum. Das Jewish Museum of Florida-FIU präsentiert neben einer ständigen Ausstellung zahlreiche Wechselausstellungen zu Kunst und Kultur.

Kernaufgabe des Museums ist jedoch, das jüdische Leben in dem Bundesstaat seit dem 18. Jahrhundert in all seinen Facetten darzustellen. »Was häufig vergessen wird: Die Juden haben sich in Miami nicht etwa nur angesiedelt, es zogen auch viele aus New York hierher. Juden zählen zu den ältesten Einwohnern der Stadt und des Staates«, sagt Museumsdirektorin Susan Gladstone. Sie zeigt auf eine Karte, die das historische Miami aus der Vogelperspektive darstellt. Jüdische Einwanderer, betont sie, hätten maßgeblich dazu beigetragen, die einst sumpfige und unwirtliche Gegend bewohnbar zu machen.

GESCHICHTE Rund vier Autofahrstunden entfernt, auf Key West im südlichsten Zipfel Floridas, dürfte die Geschichte der ersten jüdischen Einwanderer weiter als 1763 zurückreichen. Manche sprechen sogar davon, die ersten Juden seien mit den Spaniern in die Region gekommen.

In den vergangenen 120 Jahren hat sich Floridas Hauptstadt Miami zum Kern der regionalen jüdischen Gemeinde entwickelt.

Wirklich sichtbar wurde das jüdische Leben auf Key West allerdings erst im 19. Jahrhundert. Dies beschreibt Arlo Haskell in seinem Buch The Jews of Key West: Smugglers, Cigar Makers, and Revolutionaries (1823–1969). Das reich bebilderte Werk beschreibt, wie die jüdische Gemeinde zur Entwicklung von Key West beitrug.

Von Beginn an hat die jüdische Bevölkerung Wirtschaft und Kultur der Stadt mitgeprägt, die heute ein beliebtes Urlaubsziel ist und fast ausschließlich vom Tourismus lebt.

Im 19. Jahrhundert lag das Pro-Kopf-Einkommen nirgendwo in den Vereinigten Staaten so hoch wie in Key West – Hafen, Fischerei und Salzgewinnung hatten die Hafenstadt an der Golfküste reich gemacht. Hier lebte bis zum Bevölkerungsboom in Miami Anfang des 20. Jahrhunderts die größte jüdische Gemeinde Floridas.

symbol Doch in den 30er-Jahren verließ ein Großteil der Juden die Insel. So kann sich die jüdische Gemeinde von Key West heute zwar nicht mehr damit rühmen, eine der größten in Florida zu sein, doch ist sie immer noch die südlichste Gemeinde der Vereinigten Staaten. Zu Chanukka stellen viele Inselbewohner – selbst wenn sie gar nicht jüdisch sind – einen achtarmigen Leuchter in ihre Fenster. Dies mag als Zeichen kultureller Zugehörigkeit und Tradition der Insel gelten, aber auch als Symbol der Solidarität. Seit Trumps Präsidentschaft habe dies leider ein wenig abgenommen, sagen Einheimische.

An diesem Sonntag, dem ersten Abend von Chanukka, wird es in Key West wie in jedem Jahr wieder eine offizielle Zeremonie geben: Um 17 Uhr werden Rabbiner Shimon Dudai und Jacob Zucker die gigantische Menora vor tropischer Kulisse im Bayview Park entzünden. Viele Einwohner der kunterbunten und für ihre Toleranz und Kreativität berühmten Insel wollen hingehen, zur »Candlelight Cere­mony«, wie man sie hier nennt, bei der sich dann, wie zu hören ist, »alle treffen«.

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