Belgien

Gent bleibt hart: Lahav Shani bei Festival weiter unerwünscht

Das für den 18. September eingeplante Konzert wurde kurzfristig abgesagt Foto: IMAGO/Belga

Es bleibt bei der Ausladung: Das geplante Konzert der Münchner Philharmoniker unter ihrem Dirigenten Lahav Shani beim Flandern-Festival Gent wird nicht stattfinden.

Vergangene Woche hatte die Leitung des großen Musikfestivals entschieden, den für den 18. September geplanten Auftritt abzusagen, weil Shani dem Publikum in der gegenwärtigen politischen Lage nicht zu vermitteln sei. Die Veranstalter hatten damit eine Welle der Empörung ausgelöst.

Shani (36), der Israeli ist und ab dem kommenden Jahr Chefdirigent der Münchner Philharmonie sein wird, sollte nach dem Willen der Organisatoren eine Erklärung abgeben, dass er Israels Krieg gegen die Hamas in Gaza verurteile. Andernfalls, so hieß es zunächst, könne das Orchester nur in Gent aufspielen, wenn es einen anderen Dirigenten mitbringe.

Erneute Sitzung des Verwaltungsrats in Gent

Angesichts von Shanis »Funktion als Chefdirigent des Israelischen Philharmonischen Orchesters können wir keine ausreichende Klarheit über seine Haltung gegenüber dem genozidalen Regime in Tel Aviv schaffen«, so die Begründung des Festivals. »Wir entscheiden uns daher, in Übereinstimmung mit dem Aufruf der Kulturministerin, der Stadtverwaltung von Gent und des Kulturamtes von Gent, keine Kooperationen mit Partnern einzugehen, die sich nicht eindeutig davon distanzieren.«

Doch nach massiver Kritik aus Deutschland, aber auch aus der belgischen Politik, kam am Montagabend der Verwaltungsrat des Festivals in Gent erneut zusammen. Christoph d’Haese, Bürgermeister der Stadt Aalst und Mitglied in dem Aufsichtsgremium, hatte eine erneute Befassung mit dem Thema verlangt. Vergangene Woche hatte d’Haese selbst dem Beschluss noch zugestimmt, doch dann bekam er Bauchschmerzen damit.

Auch Festivalleiter Jan Briers hatte am Wochenende angedeutet, dass ein Auftritt der Philharmoniker in der St.-Bavo-Kathedrale eventuell doch noch möglich sei, er wolle dazu Gespräche mit Shanis Management führen. Doch der Verwaltungsrat bestätigte am Montag seine Entscheidung von letzter Woche: Das Konzert wird nicht in Gent stattfinden.

Online-Petition gegen die Entscheidung von Gent

Seitens der Organisatoren beteuerte man zwar, man habe die Entscheidung »in keiner Weise aufgrund von Shanis Herkunft oder Nationalität getroffen«, und auch seine persönliche Integrität werde nicht in Frage gestellt. Doch das dürften viele, auch in Belgien, anders sehen.

Politiker wie Premierminister Bart De Wever und der Vorsitzende der liberalen Partei MR, Georges-Louis Bouchez, hatten die Entscheidung in einen Zusammenhang mit Antisemitismus gebracht. Bouchez sprach von einer »Schande für unser Land«, De Wever sprach von »Diskriminierung« und sagte, das internationale Ansehen Belgiens und Flanders sei mit der Entscheidung, die Münchner Philharmoniker auszuladen, »beschmutzt« worden.

Auch renommierte Musiker wie die Pianisten Marta Argerich und András Schiff und der Cellist Mischa Maisky hatten gegen das »Canceln« von Lahav Shani protestiert. Eine vom Musiker Mahan Esfahani initiierte Online-Petition hatte am Dienstag bereits 16.500 Unterschriften.

Flanderns Kulturministerin Caroline Gennez von der sozialdemokratischen Partei Vooruit hatte das Festival hingegen zum Boykott ermutigt. Gennez‘ Partei ist in einer Koalition mit der N-VA von De Wever. Der Premier besuchte am vergangenen Wochenende als Zeichen der Solidarität mit Shani ein Konzert der Münchner Philharmoniker in Essen und erntete daraufhin Kritik von Seiten der Vooruit-Partei. Zahlreiche Kulturschaffende in Belgien solidarisierten sich mit dem Gent-Festival.

Lesen Sie auch

Der Leiter des Königlich-Flämischen Theaters in Brüssel (KVS), Michael De Cock, schrieb in einem Gastbeitrag für die Zeitung »Le Soir«: »Durch die Entscheidung für den Boykott ist Kultur nicht mehr nur ein Instrument der Soft Power. Sie wird zu einem echten Instrument des internationalen politischen Drucks.«

»In Deutschland kann man sich nicht pro-palästinensisch äußern«

Die Entscheidung von Gent nannte er »genau richtig, so hitzig wie die Debatten heute in Belgien und anderswo geführt werden.« Die Kritik aus Deutschland daran sei hingegen »verwunderlich«, denn dort sei es »seit zwei Jahren fast unmöglich, sich pro-palästinensisch zu äußern, ohne seine Karriere zu riskieren«, behauptete De Cock. Künstlern werde verboten, sich zu äußern, und in Theaterstücke, die von Palästina handeln, würden zensiert.

Wurden stattdessen in Berlin gefeiert: Lahav Shani und Violinistin Lisa BatiashviliFoto: picture alliance/dpa

Belgischen Medienberichten zufolge bedeutet die Absage für das Genter Festival auch einen finanziellen Verlust. Die geschätzten Kosten würden sich für die Organisatoren auf rund 160.000 Euro belaufen, hieß es. Eine kostenlose Absage sei nicht möglich gewesen.

Die Münchner Philharmoniker gaben unterdessen am Montagabend in Berlin ein kurzfristig anberaumtes Konzert, bei dem sie dasselbe Programm absolvierten wie in Gent geplant. Shanis von der Star-Violistin Lisa Batiashvili begleitetes Orchester begeisterte die Zuhörer im Konzerthaus am Gendarmenmarkt.

Bern

Verantwortung lässt sich nicht neutralisieren

Die Schweiz debattiert anlässlich einer Volksabstimmung über ihre Neutralität. Ein Kommentar von JA-Schweiz-Korrespondentin Nicole Dreyfus

von Nicole Dreyfus  16.08.2026

Los Angeles

Rekord-Deal in der NBA: Iger und Kushner kaufen die LA Lakers

Die beiden jüdischen Geschäftsmänner Bob Iger und Joshua Kushner übernehmen das Basketball-Team für 12,5 Milliarden US-Dollar

 16.08.2026

Österreich

Vermisste Israelinnen in Wien: Polizei stellt Suche ein

Europol hat die Ermittlungen im Fall der in Wien vermissten Israelinnen übernommen. Auch der Mossad soll vor Ort sein. Es wird davon ausgegangen, dass Mutter und Tochter nicht mehr in der Stadt sind

 14.08.2026

Antisemitismus

»Schade, dass Hitler den Job nicht vollendet hat«

Ein Mann aus Irland äußerte sich bei einer Begegnung mit jüdischen Touristen in einem französischen Supermarkt antisemitisch und drohte dem Paar gar mit Erschießung.

 14.08.2026

Wien

Vermisste Israelinnen: Gerüchte sorgen für Aktiensturz

Im Fall der vermissten Mutter und Tochter in Österreich haben Gerüchte in den sozialen Medien zu einem Kurssturz bei der israelischen Bank geführt, bei der eine der Frauen arbeitet

 13.08.2026

Italien

Ein Tempel für alle

Über der Biennale in Venedig schwebt eine Synagoge. Was sich die ukrainische Künstlerin Anna Kamyshan dabei dachte und wie sie es geschafft hat

von Sophie Albers Ben Chamo  13.08.2026

Judenhass

Tourist mit Kippa in Rom zweimal attackiert

Antisemitische Vorfälle in Italien nehmen seit Jahren zu. Nun wurde ein junger Tourist in der Hauptstadt gleich zweimal angegriffen. Er trug eine Kippa

von Severina Bartonitschek  12.08.2026

Österreich

Vermisste Israelinnen in Wien: Familie befürchtet das Schlimmste

Im Fall der vermissten Mutter und Tochter gibt es neue Details. Unter anderem über die Unterkunft in Wien. In Israel wurde eine Nachrichtensperre erlassen

 12.08.2026 Aktualisiert

Schweiz

Den eigenen Weg gehen

Kollektive Begeisterung macht blind und dumm, ganz gleich, ob sie von rechts oder links kommt, findet Berns Botschafter in Israel. Und liefert literarische und filmische Quellen als Inspiration für das Schwimmen gegen den Strom

von Simon Geissbühler  11.08.2026