Russland

Früher im Knast, heute im Rathhaus

Jewgeni Roisman (51) Foto: dpa

Ein rotes T-Shirt und Jeans sind so etwas wie sein Markenzeichen. Doch für die kommenden fünf Jahre will der 51-jährige Jewgeni Roisman Anzug tragen – so hatte er es den Bürgern Jekaterinburgs in einem Wahlwerbespot versprochen für den Fall, dass er Bürgermeister würde.

Was Protestikone Alexei Nawalny trotz eines Achtungserfolg in der russischen Hauptstadt Moskau misslang, schaffte Roisman im September in der viertgrößten Stadt des Landes, die am Ural liegt, unweit der Grenze zwischen Europa und Asien. Roisman vereinte als Oppositionskandidat mehr als 30 Prozent der Stimmen auf sich und besiegte so den Vertreter der Regierungspartei »Einiges Russland«.

Drogenpolitik Roisman ist kein Neuling in der russischen Politik. Von 2003 bis 2007 war er bereits Duma-Abgeordneter in Moskau. Sein Hauptanliegen ist jedoch seit den späten 90er-Jahren der Kampf gegen Drogen in seiner Heimatstadt Jekaterinburg, den er als »Volksaufstand« bezeichnet und für den er den Fonds »Stadt ohne Drogen« gründete.

An den Methoden dieses Kampfes scheiden sich die Geister: Während Anhänger darauf verweisen, dass die Sterblichkeit durch Drogenkonsum in Jekaterinburg dank Roismans Engagement signifikant zurückgegangen sei, werfen ihm Kritiker vor, in seinen Entzugskliniken würden die Patienten ihrer Freiheit beraubt. Auch macht Roisman selbst kein Hehl daraus, dass Autoritäten aus Jekaterinburgs Halbwelt seinen Kampf gegen Drogenhändler unterstützt haben.

Roismans politische Ansichten lassen sich als wirtschaftsfreundlich beschreiben. Er gilt als Weggefährte des Oligarchen Michail Prochorow, der bei den Präsidentschaftswahlen 2012 gegen Wladimir Putin antrat und auf knapp acht Prozent der Stimmen kam.

Gefängnis Bereits mit 14 Jahren verließ Roisman nach eigenen Angaben im Konflikt mit seinem Vater das Elternhaus. Er begann, als Schlosser beim Maschinenbauunternehmen UralMasch zu arbeiten. Anfang der 80er-Jahre saß er im Gefängnis – die Anschuldigungen lauteten auf Diebstahl, Betrug und illegalem Mitführen einer Stichwaffe. Im Rückblick beschreibt Roisman seine zweijährige Zeit im Gefängnis als wertvolle Erfahrung: »Jeder intelligente Russe sollte wenigstens einmal im Leben ein bisschen gesessen haben«, erklärt er provokant.

Nach der Entlassung aus dem Gefängnis 1983 will er jedoch mit kriminellen Aktivitäten nichts mehr zu tun gehabt haben, vor allem nicht mit der im Entstehen begriffenen Mafiagruppe, die ihren Namen »UralMasch« von seinem Arbeitgeber entlehnte und Jekaterinburg über die gesamten 90er-Jahre bis in die 2000er hinein prägen sollte. Stattdessen studierte Roisman Mitte der 80er-Jahre Geschichte und begann, Gedichte zu schreiben.

Während seine poetischen Werke durchaus Anerkennung finden, bedient der dreifache Familienvater sich im Alltag einer rustikaleren Sprache. Eine seiner Standardwendungen ist: »die Dinge beim Namen nennen« – seiner Ansicht nach Grundvoraussetzung für jeden, der dem Drogenhandel den Kampf ansagt.

Rassismusvorwürfe Die Dinge beim Namen zu nennen, bedeutet für Jewgeni Roisman auch, pauschal klingende Anschuldigungen gegen ganze Volksgruppen zu erheben, wenn es um Drogenhandel geht. Von »Zigeunerclans« und »tadschikischen Enklaven« in Russland ist da bei ihm die Rede, mit Drogen handelnde Einwanderer bezeichnet er als »Okkupanten«, was ihm Rassismusvorwürfe einbringt. Seine Bewerbung um den Posten des Bürgermeisters begründete der gebürtige Jekaterinburger damit, dass in seiner Heimatstadt »Fremde« an der Macht seien.

Seine jüdische Identität verschweigt Roisman nicht, stellt aber verbal stets das »Russische« in den Vordergrund. Auf die Frage eines Fernsehinterviewers, ob er orthodox sei, antwortete Roisman, der das erste private Ikonenmuseum Russlands gegründet hat, ausweichend: Er sei jedenfalls gläubig und habe keinerlei Verständnis für oppositionelle Aktionen wie das »Punkgebet« von Pussy Riot in einer Kirche.

Am Ende des Interviews richtet der Moderator Roisman Zuschauerkommentare aus dem Internet aus. »Sagen Sie ihm: Er ist nicht einfach ein Jude, sondern er ist ein russischer Jude. Respekt«, schreibt jemand. Roisman lächelt. Es ist ein Kompliment für ihn.

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