Großbritannien

Frauen haben Besseres verdient

Marina Gerner ist zutiefst dankbar, heute an einem Ort wie London leben und arbeiten zu können. Foto: Ami Robertson

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Frauen haben Besseres verdient

Die Journalistin Marina Gerner beklagt in ihrem Buch fehlende Innovationen im Bereich Frauengesundheit – und eckt nicht nur mit dem Titel an

von Amie Liebowitz  28.11.2025 13:32 Uhr

Ein Café in London. Marina Gerner spielt mit ihrem Baby Noah, während sie auf ihren Kaffee wartet. Im September war die Wirtschaftsexpertin als Hauptrednerin beim »7. Jewish Women* Empowerment Summit« zur Stärkung jüdischer Frauen in Frankfurt. Seit dem ersten Gipfel 2018 hat sich die Welt sehr verändert, auch für Gerner persönlich.

Die Finanzjournalistin und Kolumnistin hat ihr mittlerweile mehrfach ausgezeichnetes Buch Vagina Business. Wie Unternehmen mit bahnbrechenden Innovationen den Markt für Frauengesundheit revolutionieren veröffentlicht, das die »Financial Times« unmittelbar nach Erscheinen zum Buch des Monats kürte. Darin finden sich Gespräche mit 100 Unternehmern, Forschern und Investoren aus 15 Ländern, die Gerner zu Frauenthemen interviewt hat. Zu Fragen wie dem Schutz weiblicher Daten bei der Verwendung von Perioden-Tracking-Apps, futuristischen Verhütungsmethoden ohne Hormone, Geräten für die Menopause oder auch dem Einfrieren von Eizellen.

Erstaunlich und erschreckend

Der so erstaunliche wie erschreckende Grund für das Projekt ist, dass bisher lediglich vier Prozent der gesamten Forschung im Gesundheitswesen auf das Wohl von Frauen ausgerichtet sind. Das habe nicht nur negative Folgen für die weibliche Gesundheit, sondern schade letztlich der gesamten Gesellschaft, so Gerner.

Und ihre Forschung findet weltweit Beachtung. Sie tritt bei populären Vortragsveranstaltungen auf, wie dem SXSW in Austin, USA, und der Viva Technology in Paris. Ihr Buch ist ein Dauerbrenner in Buchklubs. Bis vor Kurzem war sie noch auf Lesetour in den Vereinigten Staaten und zwischenzeitlich immer wieder in Podcasts zu Gast.

In Frankfurt war das Thema ihres Vortrags, dass die Gesellschaft den weiblichen Körper neu definieren müsse und dass der Status quo, dass Frauen hinnehmen müssten, was ist, nicht mehr ausreiche. Es sei an der Zeit, bessere Lösungen zu finden, forderte sie und fügte hinzu, dass es nichts Jüdischeres gebe, als die Welt zu einem besseren Ort zu machen. »Eine bessere und integrativere Zukunft ist möglich«, lautet Gerners Motto.

Es sei sehr besonders für sie gewesen, beim Jewish Women* Empowerment Summit dabei zu sein, sagt Gerner, denn sie saß in genau dem Saal, in dem sie schon früher Veranstaltungen besucht habe. Sie wurde in Kiew geboren, als die Ukraine noch Teil der Sowjetunion war. Ihre Mutter Sweta, eine mutige und tapfere Künstlerin, war 27 Jahre alt, als sie mit ihrer dreijährigen Tochter als politischer Flüchtling nach Deutschland kam und beschloss, in Frankfurt zu leben. »Vermutlich weil sie sah, dass dort eine Chagall-Ausstellung stattfand, und dachte, wenn sie einen jüdischen Künstler ausstellen, muss es in Ordnung sein, hier zu leben«, sagt Gerner und lacht.

Sich in der eigenen Haut wohlfühlen

Sie hätte ihr Buch wohl nicht schreiben können, hätte ihre Mutter nicht diese Entscheidung getroffen, so Gerner – sowohl was den Weggang als auch die Erziehung betreffe, sich in der eigenen Haut wohlzufühlen. Das Vorbild ihrer Mutter habe sie zusätzlich motiviert, sich mit dem Thema Frauengesundheit auseinanderzusetzen. Ihr ist dieses Buch gewidmet. Ihre Karriere und heutige Lebenseinstellung führt Gerner auch auf ihre jüdische Identität und Familiengeschichte zurück. »Jüdisch zu sein, das ist die Grundlage meiner Werte und meiner Identität«, sagt sie und erinnert daran, dass sie in ihrer Familie die Erste in vier Generationen sei, die freiwillig ausgewandert ist.

Nicht nur ihre Mutter hatte in der Sowjetunion Schwierigkeiten, auch ihre Großeltern, die Akademiker waren, litten unter der antisemitischen Politik, und ihr Ururgroßvater, ein Rabbiner, wurde Opfer eines Pogroms. Der Rest der Familie war gezwungen, aus der Heimat zu fliehen. Der Wiederaufbau ihrer Leben und ihrer Karrieren lastet auch auf Gerner. Sie sei zutiefst dankbar, dass sie heute in London leben und arbeiten könne. Dies sei nur möglich, weil ihre Familie gezwungen war, mutige Entscheidungen zu treffen – und sie darin unterstützte zu studieren.

Zuerst schrieb Gerner einen Artikel zum Thema Frauengesundheits-Forschung für das Tech-Magazin Wired, der sie zu ihrem Buch inspiriert habe. Auch wenn sie heute für ihre Arbeit viel Anerkennung erntet, war der Weg nicht einfach. Der Buchtitel habe für Probleme gesorgt, sagt Gerner. Buchhandlungen weigerten sich, es ins Schaufenster zu stellen, und es habe Schwierigkeiten bei der Buchung des Veranstaltungsortes für die Buchpremiere gegeben.

»Ich wollte einen Titel, der sich von allen anderen Wirtschafts- und Gesundheitsbüchern abhebt. Die Kombination der Wörter ›Vagina‹ und ›Business‹ fällt nicht nur auf, sondern sorgt auch für Unbehagen. Er soll die Menschen provozieren«, sagt Gerner. Herausforderungen würden sie anspornen. Dann berichtet sie von Leserzuschriften, darunter die einer ultraorthodoxen Frau, die schrieb, dass sie den Umschlag abgenommen habe, als sie zum Zahnarzt ging.

»Jüdisch zu sein, das ist die Grundlage meiner Werte und meiner Identität.«

Marina Gerner

Sie habe kurzzeitig überlegt, ob sie nun als »die Frau, die ein Buch über Vaginas geschrieben hat«, abgestempelt würde. Doch ihre Entscheidung, auf ihrer Sicht der Dinge zu beharren, stand fest, so Gerner. Auch von der Hoffnung getrieben, dass andere ihr folgen und ebenfalls die Diskussion aufgreifen würden, damit sich endlich etwas ändert. Daran, dass Investoren nicht genug in sogenannte Femtech (Frauen-Tech) investieren und 90 Prozent der Risiko­kapital-Investoren Männer sind.

»Wir denken, dass Investitionen etwas Rationales sind«

»Wir denken, dass Investitionen etwas Rationales sind«, so Gerner. »Aber das sind sie nicht. Menschen investieren in Produkte und Dienstleistungen, die sie selbst gern nutzen würden. Und davon lassen sie sich auch bei ihrer Investitionsentscheidung leiten.« Sie fügt an: »In meiner Forschung habe ich festgestellt, dass vielen Menschen Themen im Zusammenhang mit der Gesundheit von Frauen peinlich sind.«

Schließlich arbeiten nicht genug Frauen als Gründerinnen. Und die Vorurteile gegen Forschung und Methodik seien groß, so die Autorin. Das zeige auch das Buch: Immer wieder gebe es Menschen, die hinter Vagina Business Frauen- oder Männerfeindlichkeit vermuten und es deshalb ungelesen ablehnen.

Das sind alles Probleme, die sich nicht bei einem Kaffee lösen lassen. Aber hoffentlich wird ihr Baby Noah von seiner Mutter dazu inspiriert, selbst auch Veränderungen anzustreben. Und wer weiß, vielleicht wird auch ihr Kind eines Tages für die Rechte der Frauen kämpfen.

Marina Gerner: »Vagina Business. Wie Unternehmen mit bahnbrechenden Innovationen den Markt für Frauengesundheit revolutionieren«. Redline, München 2024, 368 S., 25 €

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