Österreich

Exodus über die Alpen

Um sechs Uhr am Morgen füllt sich der Platz vor dem Gemeindeamt in Krimml. Zum 20. Mal hat der Verein »Alpine Peace Crossing« (APC) in das kleine, mehr als 1000 Meter hoch gelegene Dorf im Salzburger Land eingeladen. Von den 250 Teilnehmern sind viele aus österreichischen oder deutschen Großstädten angereist. Einige kommen aus der Gegend und ein beträchtlicher Teil gar aus den USA, Australien und Israel. Sie alle wollen an einer Gedenkwanderung teilnehmen, die an einen jüdischen Massenexodus in der Nachkriegszeit erinnert.

Nach der Befreiung aus den Konzentrationslagern strandeten viele Überlebende in Lagern für Displaced Persons (DP). Hinzu kamen osteuropäische Juden, die vor neuerlichen Pogromen in ihren Heimatländern geflohen waren. Für die meisten war klar: In Europa wollten sie nicht bleiben. Zwischen 1945 und 1948 flohen mehr als 200.000 von ihnen über Österreich nach Italien, um über den Hafen Genua mit einem Schiff ins britische Mandatsgebiet Palästina zu gelangen. Unterstützung erhielten sie von Flüchtlingshilfen wie der zionistischen Bricha.

Junge Erwachsene mit Pioniergeist und die Flucht über die Alpen

Ein Teil des Flüchtlingsstroms kam damals über Saalfelden, knapp 70 Kilometer nordöstlich von Krimml. Dort befand sich ab 1946 das DP-Lager »Givat Avoda« (»Hügel der Arbeit«), wo die Bricha vor allem gesunde junge Erwachsene mit Pioniergeist auf die Flucht über die Alpen vorbereitete; Menschen also, die in der Lage waren, einen jüdischen Staat aufzubauen. Mehrmals jede Woche kamen im Sommer 1947 Lastwagen in Krimml an. Von dort ging es zu Fuß über die mehr als 2600 Meter hohen Krimmler Tauern nach Italien.

Der Krimmler Kirchturm ist an diesem Morgen von sanften Wolken bedeckt. Die meisten Teilnehmer der Gedenkwanderung verstecken ihre Müdigkeit hinter einem Lächeln. Allein ihr langsamer Gang verrät, dass der ein oder andere gern noch eine Weile liegen geblieben wäre. Doch die Aussicht entschädigt für das frühe Aufstehen. Dunkle Nadelwälder, steile Felswände und mächtige schneebedeckte Gipfel umgeben das kleine Dorf hoch oben in den Alpen. In der Ferne rauschen die berühmten Krimmler Wasserfälle.

In Bussen erreichen die Teilnehmer der Gedenkwanderung gegen halb sieben das Krimmler Tauernhaus. Die Inschriften in der holzgetäfelten Stube verweisen auf dessen 600-jährige Geschichte.

Ein Salzburger Bankmanager gründete vor 20 Jahren den Verein Alpine Peace Crossing.

In den 40er-Jahren ruhten sich die Flüchtlinge hier nach dem mühseligen Aufstieg für ein paar Stunden aus. Fotos aus jener Zeit zeigen die Hüttenwirtin Elisabeth Geisler mit denen, die bei ihr Schutz suchten. Die Liesl, wie sie von allen genannt wurde, kochte Tee und Eintopf für sie und kümmerte sich um die Kinder. Heute holen sich einige der Gedenkwanderer einen letzten Kaffee, andere schnüren ihre knöchelhohen Schuhe fest und stellen die Höhe ihrer Stöcke ein. Dann geht auch für sie die Wanderung los. Ab hier folgen sie der historischen Route.

»Drei Jahre lang hielten sie sich unter der nationalsozialistischen Besatzung versteckt«, erzählt Meir Gefen aus Israel beim Gehen über seinen Vater und seinen Onkel. Der Israeli trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift »Gefen Family«. Er zeigt ein Bild, auf dem er und seine Frau mitsamt Kindern und Enkeln zu sehen ist. Ein weiteres, älteres Bild zeigt seine Eltern Frida und Aba Gefen. Der Vater und dessen jüngerer Bruder überlebten in Litauen als Einzige in der Familie die Schoa. Nach dem Krieg habe sich sein Vater der Bricha in Österreich angeschlossen. »Zwei Jahre war er in Salzburg tätig und organisierte die Flucht von Juden über die Grenze.«

Das historische Erbe bewahren

Bäume verdecken den Blick auf die Berge. »Die Geschichte der Bricha ist Teil des Wiederaufbaus der jüdischen Nation«, fährt Gefen fort und bittet darum, etwas langsamer zu gehen. Um das historische Erbe zu bewahren, engagiert er sich in der »Bricha Legacy Association«. Daher auch seine Teilnahme an der Gedenkwanderung, die auf die Initiative des österreichischen Bankmanagers Ernst Löschner (1943–2024) zurückgeht. Der Salzburger gründete vor knapp 20 Jahren den Verein.

»Mein Vater ist zum israelischen Botschafter in Wien gegangen und hat ihn gefragt, wie er Zeitzeugen finden kann«, erinnert sich Löschners Tochter Lisa Gschossmann. Sie nimmt mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern an der Wanderung teil. Der damalige Botschafter Dan Ashbel startete daraufhin einen Aufruf im israelischen Radio; 30 Menschen meldeten sich. Es folgten Recherchereisen nach Israel, wo sich schließlich die Wege von Ernst Löschner und Gefens Vater kreuzten. »Mich macht das glücklich, dass sein Vermächtnis fortlebt«, sagt Gschossmann.

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Nach vier Kilometern talaufwärts erreichen die Wanderer den sogenannten Hain der Flucht – einen Gedenkort aus 49 Bäumen, zwei Natursteinen und einem Prisma. Hier erzählt Evan Talit der Gruppe von seinen Großeltern, die sich in Saalfelden kennengelernt haben: Seine Großmutter Bilha, Überlebende des Ghettos Kaunas und des KZs Stutthof, floh nach dem Krieg vor antisemitischer Gewalt nach Österreich und half als Dolmetscherin bei den Passüberquerungen. Ihr Mann Moshe, in Palästina geboren, kam 1947 im Auftrag der Bricha nach Saalfelden.

Nur einmal im Jahr in den Bergen

»Jeder hat seine Geschichte, das bringt die Leute hierher«, merkt Leah Litani mit einem Augenzwinkern an. Seit sie und ihr Mann Rami vor zehn Jahren den Vereinsgründer in Israel kennenlernten, versuchen sie jedes Jahr, an der Wanderung teilzunehmen, um die Erinnerung wachzuhalten. »Das erste Mal war grauenhaft«, sagt Rami – und lacht. Er sei in Sneakern gekommen und ohne Wanderstöcke. Daraus haben die beiden gelernt: Ihre Ausrüstung lässt nicht vermuten, dass sie nur einmal im Jahr in den Bergen sind.

Statt Bäumen weisen nun Felsblöcke den Weg. Ein Vater trägt sein Kind auf den Schultern. Sie singen hebräische Lieder. Bei gerade einmal 16 Grad ist es bewölkt, trotzdem kommen einige ins Schwitzen und ziehen ihre Jacken aus. Der Weg wird steiler. Eine Pause auf der Windbachalm kommt gelegen. Manche nutzen sie, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

Für Krakovers ist die Wanderung Tradition: Jedes Jahr begleiten sie andere Enkelkinder.

Eine von ihnen ist Rebecca Maria Salentin. Sie recherchiert ihre Familiengeschichte für ein Buchprojekt. Die Großeltern väterlicherseits kommen aus dem östlichen Polen und haben das Land im Sommer 1946 verlassen. »Wahrscheinlich wegen des Pogroms in Kielce.« Bis 1941 lebten in der Stadt etwa 25.000 Juden. Nach dem Holocaust waren es nur noch rund 200 – bis zu dem Pogrom am 4. Juli 1946, bei dem 40 polnische Juden ermordet wurden. »Warum sonst sollten sie das Land so kurz vor der Geburt meines Vaters verlassen?«, fragt sich Salentin. »Ich habe ihn als Baby im Rucksack über die Alpen nach Italien getragen«, hat der Großvater ihr erzählt.

Von einer organisierten Fluchtroute wusste sie zunächst nichts. Erst durch ihre Recherche erfuhr sie von dem Massenphänomen. Dokumente stützen ihre Vermutung, dass die Großeltern damals mit ihrem Vater über die Krimmler Tauern geflohen sind. In ihrer Familie wurde über diese Zeit kaum gesprochen. »Ich glaube, sie haben einen Cut gemacht. Ab dem Tag, an dem sie in Israel waren, ließen sie das Vergangene hinter sich und wollten nur noch nach vorn schauen.«

Schneeflächen kündigen den Gipfel an

Die Schneeflächen, die immer öfter den Weg begleiten, kündigen den Gipfel an. Der Aufstieg wird herausfordernder. Die Teilnehmer achten aufeinander, reichen sich an schwierigen Passagen die Hand. Familien und Freundesgruppen bleiben zusammen. Braucht jemand eine Pause, machen alle eine. Auf dem Weg erinnert eine Gedenkplakette an den damaligen Exo­dus. Endlich an der Passhöhe angekommen, sind die Teilnehmer erschöpft. Und stolz. Vor ihnen: ein atemberaubender Ausblick auf die hohen Gipfel der Tauern.

Später beim Abstieg nach Kasern, wo die Busse bereits auf die Wanderer warten, ist es ruhig. Nur Kuhglocken und Ziegen sind zu hören. Auf der Tauernalm machen einige einen letzten Zwischenstopp. Vier Kinder sitzen nebeneinander auf einer Bank, beugen fast gleichzeitig ihre Köpfe zum Tisch und schlürfen genüsslich heiße Schokolade. Ihnen gegenüber haben ihre Großeltern Benjamin und Nirit Krakover Platz genommen. Zufrieden beobachten sie die vier Kleinen.

Für das Ehepaar ist die Gedenkwanderung Tradition: Jedes Jahr begleiten sie andere Enkelkinder – alle sollen einmal dabei gewesen sein und lernen, dass die Flucht über die Krimmler Tauern nicht nur Teil der Geschichte des Antisemitismus nach Auschwitz ist, sondern von jüdischem Selbstbewusstsein und der Entstehung Israels erzählt. Und davon, wie die Flüchtlinge ihr eigenes Schicksal auch gegen Widerstände selbst in die Hand nahmen.

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