Nachruf

Der Lippenstiftverkäufer

Leonard Lauder auf einer Gala in New York City Foto: picture alliance/AP Photo

Er war der ältere der beiden Söhne von Estée Lauder (1906-2004), Gründerin und »Grande Dame« des nach ihr benannten Kosmetikunternehmens. Der 1933 geborene Leonard Lauder trat 1958 in das Familienunternehmen ein und verhalf ihm als Vorstandschef zwischen 1972 und 1999 zu Weltruhm.

Während es Bruder Ronald eher als Kurzzeit-Botschafter der USA in Wien, als Kunstmäzen und später als Präsident des Jüdischen Weltkongresses zu Bekanntheit auf dem politischen und diplomatischen Parkett brachte, konzentrierte sich der zwölf Jahre ältere Leonard auf das Geschäftliche. Bereits in jungen Jahren war er in die Aktivitäten des Unternehmens seiner Eltern eingebunden, das damals noch auf den amerikanischen Markt fokussiert war.

Lauder zeichnete für Estée Lauders Expansion in Europa und Asien verantwortlich. Er brachte zahlreiche bestehende Marken unter das Dach des Unternehmens und gründete neue. Darunter Clinique, MAC, Bobbi Brown, Tom Ford und La Mer. 1995 brachte er das Unternehmen an die Börse. Heute erwirtschaftetet das Unternehmen einen Jahresumsatz von mehr 17 Milliarden Dollar.

Erfinder des »Lippenstift-Index«

Der studierte Ökonom Lauder entwickelte auch die Theorie des »Lipstick Index«. Sie beruht auf dem von ihm beobachteten Phänomen, dass die Verkäufe von Lippenstiften nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, als die US-Wirtschaft in eine Rezession stürzte, um 11 Prozent anstiegen.

Lauder konstatierte, dass viele Frauen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten dazu neigten, anstelle teurer Klamotten oder Urlaubsreisen vergleichsweise erschwingliche Kosmetika wie Lippenstift zu kaufen, um ihre Stimmung zu heben und ein Gefühl der Normalität aufrechtzuerhalten. Er untermauerte seine These zum Verbraucherverhalten in der Rezession mit Statistiken, die belegten, dass der Verkauf von Kosmetika in der Wirtschaftskrise um 25 Prozent gestiegen war. 2009 zog Leonard Lauder sich aus der operativen Führung zurück. Seitdem führt sein älterer Sohn William den Kosmetikkonzern.

Leonard LauderFoto: IMAGO/ABACAPRESS

Neben seiner Unternehmertätigkeit war der Multimilliardär Lauder auch als Mäzen und Philanthrop aktiv. Dem New Yorker Metropolitan Museum of Art überließ er 2013 seine Sammlung von 78 kubistischen Werke. Es war die größte in der Geschichte des Museums. Auch im Bereich der medizinischen Forschung war Lauder engagiert. Gemeinsam mit Ronald gründete er 1998 die Alzheimer’s Drug Discovery Foundation. Zudem war er Ehrenvorsitzender des Vorstands der Breast Cancer Research Foundation, die seine erste Ehefrau Evelyn H. Lauder 1993 ins Leben gerufen hatte.

Engagement im sozialen und Bildungsbereich

Die beiden Lauder-Brüder engagierten sich auch im Bereich der Erinnerungskultur und förderten großzügig den Aufbau jüdischer Gemeinden in Mittel- und Osteuropa nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Sie taten dies unter anderem durch Stiftungen in den USA und in zahlreichen europäischen Ländern.

Sein Vater sei »der großzügigste Mensch« gewesen, den er je gekannt habe, sagte William Lauder in einem Nachruf. »Jedem, dem er begegnete, begegnete er mit Freundlichkeit.« Die Estée-Lauder-Mitarbeiter hätten ihn verehrt. »Seine Herzlichkeit und seine Rücksichtnahme haben unser Unternehmen, unsere Branche und natürlich unsere Familie geprägt. Gemeinsam mit meiner Familie, den Estée Lauder Companies und den unzähligen Menschen, deren Leben er berührt hat, feiern wir sein außergewöhnliches Leben.«

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Von 1959 bis 2011 war Lauder mit der gebürtigen Österreicherin Evelyn Hausner verheiratet. Dass Paar hatte zwei Söhne. Evelyn Lauder erlag 2009 einem Krebsleiden. 2015 heiratete Lauder die sechs Jahre jüngere Fotografin Judy Glickman.

Am Samstag verstarb Leonard Lauder im Alter von 92 Jahren in New York. Der ehemalige Bürgermeister der Stadt, Mike Bloomberg,  nannte ihn »einen der engagiertesten und großzügigsten Philanthropen New Yorks«. So habe Lauder sich für die Revitalisierung des Central Parks eingesetzt und für zahlreiche andere Anliegen, ohne dafür öffentliche Anerkennung zu erwarten. »Er verkörperte damit die Ethik des Dienens, die seine Familie bis heute fortführt. Sein Vermächtnis wird noch über Generationen hinweg spürbar sein«, erklärte Bloomberg.

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