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Ein Bissen Frieden

Jeden Mittwoch in der Synagoge: Freiwillige verteilen frisch zubereitete Mahlzeiten in Assietten. Foto: Sash

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»Salaam Shalom Kitchen«: In Nottingham verteilt eine jüdisch-muslimische Initiative warme Mahlzeiten an Bedürftige

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  22.10.2021 10:38 Uhr

Inzwischen gehört es zum wöchentlichen Ritual in Hyson Green, einem Stadtteil von Nottingham: Jeden Mittwoch stellen sich am Gregory Boulevard hungrige Menschen in einer Schlange an und warten. Für manche ist es der Höhepunkt der Woche: eine kostenlose warme Mahlzeit, ausgegeben von der muslimisch-jüdischen Gruppe »Salaam Shalom Kitchen« (SaSh).

Den Anstoß dazu gab vor mehr als sechs Jahren ein Treffen der liberalen Rabbinerin Tanya Sakhnovich mit Sajid Mohammed, einem muslimischen Einwohner von Nottingham, der gemeinsam mit anderen eine Lebensmitteltafel betreibt.
Bis heute stehen Juden und Muslime an der Spitze von SaSh. Eine wesentliche Basis der Initiative ist die große Bedeutung, die gemeinsame Mahlzeiten sowohl im Judentum als auch im Islam haben. Dies sollen wenigstens einmal in der Woche auch Bedürftige der Stadt erfahren – ganz gleich, welcher Herkunft sie sind, so die Idee.

Gemeinsame Mahlzeiten haben sowohl im Judentum als auch im Islam große Bedeutung.

Karen Worth (57), Hausärztin und Mitglied der liberalen jüdischen Gemeinde Nottinghams, macht von Anfang an mit und sitzt im Vorstand von SaSh. Sie berichtet, dass bei der wöchentlichen Aktion inzwischen nicht nur Juden und Muslime mithelfen. Sie schätzt, dass viele, die von SaSh eine Mahlzeit erhalten, sich gar nicht darüber im Klaren sind, wie es zu der Ini­tiative gekommen ist und wer dahintersteht. Weil die Mahlzeiten neuerdings vor einer Kirche verteilt werden, würden manche wohl eine christliche Organisation dahinter vermuten.

»Oftmals ist es nicht nur Essen, das den Menschen fehlt, sondern auch der soziale Kontakt«, sagt Worth. Deshalb sei es nicht wichtig, wer die Freiwilligen seien, die hier helfen, sondern dass sie Menschlichkeit ausstrahlen.

GERICHTE Der jüdisch-muslimische Verein serviert in einer Art, der den Appetit vieler anregt. Regelmäßig gibt es Spezialitäten wie Kichererbsen-Dal mit Reis, verschiedene Currygerichte, aber auch Falafel und andere Spezialitäten aus dem Nahen Osten.

Neben Familien, die vor einigen Generationen aus Pakistan oder Indien nach England eingewandert sind, kocht hier regelmäßig auch eine professionelle israelische Chefköchin. Zwar sollen die Speisen vor allem nahrhaft, gesund und ausgewogen sein, doch es geht SaSh beim Kochen oft auch um die Sättigung der Augen, etwa durch besonders farbenfrohe Zutaten.

Einige Jahre lang wurde das Essen aus einem kleinen Café heraus serviert, mit 60 bis 80 Mahlzeiten pro Woche. Doch mit der Corona-Pandemie änderte sich das. Wegen des Lockdowns musste das Café schließen. Und als Salaam Shalom einige Monate nach der ersten Welle die Arbeit wiederaufnehmen konnte, mussten neue Wege gefunden werden, das Essen zuzubereiten und zu verteilen. Statt Mahlzeiten zum Verzehr im Café auszuteilen, wurde alles zum Mitnehmen zubereitet, zum Teil in kompostierbaren Boxen – das war der Organisation wichtig.

herausforderung Doch dies war nicht die einzige neue Herausforderung. Die Zahl der Menschen, die sich für diese Speisen im Freien anstellten, hatte sich mit der Pandemie verdoppelt. Mindestens 150 Mahlzeiten bereitet SaSh inzwischen zu und verteilt seit einigen Monaten darüber hinaus Lebensmittel, damit die Bedürftigen auch an anderen Tagen genug zu essen haben.

Wegen der Schließung des Cafés musste auch eine neue Küche gesucht werden. So wird nun sowohl in der Synagoge als auch in der St.-Barnabas-Kathedrale gekocht.
Karen Worth glaubt, dass derartige Projekte auch andernorts entstehen könnten. Wichtig sei eine Kerngruppe von Freiwilligen, auf die sich alle verlassen könnten. Und gerade am Anfang sollte man sich bescheidene und überschaubare Ziele setzen, rät sie.

Auch seien Flexibilität und ständiges Umdenken elementar, denn was Supermärkte an die Küche weitergeben, etwa weil das Verfallsdatum abgelaufen ist, sei manchmal üppig und manchmal eher wenig oder einseitig. »Es ist schon vorgekommen, dass wir nur Salat bekommen haben – kaum genug, um die Mägen hungriger Menschen zu füllen.«

Regelmäßig kocht bei Salaam Shalom auch eine professionelle israelische Chefköchin.

Die Freiwilligen müssen nicht nur kochen, sondern auch Lebensmittel abholen. Wer etwas wo abholt, wird jede Woche über eine WhatsApp-Gruppe entschieden. Damit immer gute Mahlzeiten ausgehändigt werden können – SaSh bereitet nur vegetarische Speisen zu –, arbeitet die Stiftung inzwischen mit größeren nationalen Organisationen zusammen, von denen sie Grundnahrungsmittel bezieht.

Im Winter wird manchmal auch warme Kleidung – Mützen, Handschuhe oder Socken – ausgeteilt, gelegentlich gibt es sogar Schlafsäcke. Und sollten andere Dienste vonnöten sein, wissen die Freiwilligen, an welche Stellen sie die Besucher weitervermitteln können.

CHABAD Während Salaam Shalom Kitchen anfangs nur ein kleiner Teil des Lebens der Nottinghamer jüdischen Gemeinde war, ist die Stiftung inzwischen in den Mittelpunkt der Aktivitäten gerückt, allein schon aufgrund der Zubereitung der Mahlzeiten in der Synagoge. »Für mich gehört dies alles zu meinem ethischen und moralischen Selbstverständnis als Jüdin«, sagt Worth. Inzwischen arbeiten nicht nur Mitglieder ihrer Gemeinde bei SaSh mit, sondern auch einige der konservativen jüdischen Gemeinde sowie der Chabad-Studentengemeinde.

Viele Menschen in Nottingham und auch darüber hinaus halten die Initiative für wichtig. So bekam das Projekt vor einigen Monaten eine Spende von Herzogin Meghan Markle.

Karen Worth glaubt, dass es das Projekt noch lange geben wird. Dass Menschen in einem der reichsten Länder der Welt nicht genug zu essen haben, lasse sie jede Woche aufs Neue fassungslos werden.

www.salaamshalomkitchen.co.uk

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