Australien

Ein bisschen Sorge

Pro-Israel-Kundgebung im August in Melbourne Foto: Getty

Australien

Ein bisschen Sorge

Der Antisemitismus wächst – doch die Gemeinde nimmt es erstaunlich gelassen

von Hannah Miska  08.09.2014 20:34 Uhr

Eine Schulmauer ist mit den Worten »Zionistischer Abschaum« beschmiert; ein junger Mann, der ein T-Shirt mit der Aufschrift IDF (Israel Defense Forces) trägt, wird auf offener Straße mit den Worten »Allahu akbar« von zwei Männern attackiert; jüdische Grundschulkinder werden im Schulbus von halbstarken Jugendlichen antisemitisch beschimpft und physisch bedroht.

Szenen aus Europa? Nein: So geschehen in Australien – in Perth an der Westküste, in Melbourne im Süden des Landes und in Sydney an der Ostküste. Erst kürzlich wurden den Einwohnern in vorwiegend jüdischen Stadtteilen Sydneys Flyer in die Briefkästen geworfen, die an die »weißen Australier« appellierten, »aufzuwachen« und sich der Squadron 88 anzuschließen: »Juden sind im Laufe der Geschichte 109-mal aus Ländern vertrieben worden – könnte es vielleicht sein, dass sie den Gastgebern schaden?«

Integration In Australien leben heute etwa 120.000 Juden: rund 50.000 in Melbourne, 45.000 in Sydney, knapp 10.000 je in Perth und in Brisbane. Weitere kleine jüdische Gemeinden gibt es in anderen größeren Städten des Landes. Wo immer aber die australischen Juden leben: Sie befinden sich in der Mitte der Gesellschaft und sind bestens integriert. Schon bei Beginn der Besiedlung des fünften Kontinents waren sie führend an der Entwicklung des wirtschaftlichen, politischen und künstlerischen Lebens beteiligt und im öffentlichen Leben präsent.

In der multikulturellen Gesellschaft Australiens ist Antisemitismus nie auf fruchtbaren Boden gestoßen und hat auch bis heute keinen Platz – darüber gibt es einen breiten überparteilichen Konsens. In Australien haben 2009 mehr als 160 Parlamentarier die Londoner Erklärung gegen Antisemitismus unterschrieben – mehr als in jedem anderen Land der Welt.

vorurteile Dennoch gibt es eine Minderheit von Bürgern, die Vorurteile gegen Juden haben. Insbesondere die kleine diffuse und politisch uneinheitliche Anti-Israel-Bewegung, so der jüngste Antisemitismus-Bericht des Executive Council of Australian Jewry (ECAJ), lockt hartgesottene Antisemiten von Neonazis bis hin zu radikalen Muslimen an. Seit mehr als 20 Jahren führt der ECAJ eine Statistik antisemitischer Vorfälle im Land.

»Ein bestimmtes Muster fällt dabei auf: Immer wenn es Konflikte und ernsthafte Auseinandersetzungen im Nahen Osten gibt – selbst wenn Israel gar nicht beteiligt ist wie im Golfkrieg 1991 –, steigen die Anzahl und auch die Schwere antisemitischer Vorfälle«, sagt Peter Wertheim, geschäftsführender Direktor des ECAJ. Normalerweise wüssten Antisemiten, dass die meisten Australier ihre Hasstiraden gegen Juden als widerwärtig empfinden. »Während eines Konflikts zwischen Israel und Gaza jedoch, wie er im Moment herrscht, nutzen Antisemiten die Tatsache, dass es Israel-kritische Stimmen gibt. Auf der Basis dieser Kritik und in dem Gefühl, dass ihr Hass nun gesellschaftlich abgefedert ist, hetzen sie voller Inbrunst gegen Israel und gegen Juden.«

Hakenkreuz Bereits die vierte Woche in Folge hat die Palästinensische Aktionsgruppe (PAG) Demonstrationen in Sydney organisiert, auf denen antijüdische Fahnen und Poster geschwenkt und hasserfüllte Reden gehalten werden. Nicht selten verglich man Israel mit den Nazis, sprach »vom Holocaust in Palästina« und verwandelte den Magen David in ein Hakenkreuz.

In einer jüdischen Gemeinde mit einem hohen Anteil an Schoa-Überlebenden und ihren Nachfahren ist die Sensibilität für Holocaust-Vergleiche besonders groß. Dennoch sind die australischen Juden erstaunlich gelassen. »Es gibt immer Radikale, aber die wenigen Vorfälle hier sind doch nichts im Vergleich zu Europa. Natürlich beobachten wir die Dinge aufmerksam, und wir machen uns ja eigentlich immer ein bisschen Sorgen – sei es um den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, um andere Konflikte oder Terrorismus in der Welt, oder neuerdings um australische Muslime, die sich den Terrorgruppen des Islamischen Staats anschließen«, sagt Abe Goldberg, ein Holocaust-Überlebender in Melbourne.

Helen Lepere in Sydney – auch sie hat die Schoa überlebt – schließt sich Goldbergs Meinung an: »Ich bin besorgt, ja, sehr besorgt sogar – aber nicht etwa über die Entwicklung in Australien, sondern über den Anstieg des Antisemitismus in Europa«, sagt sie. »Ich bekomme viele Mails aus Amerika, Frankreich und Israel, und natürlich lese ich auch die Zeitung – ich bin gut informiert. Und ich bin entsetzt über die Geschehnisse in Frankreich und Schweden – zwei Länder, die uns Überlebenden nach dem Krieg sehr geholfen haben.«

Stimmung Michael Cohen, Community Relations Coordinator des Jewish Holocaust Center in Melbourne, bestätigt, dass es in der Gemeinde eine weit verbreitete Sorge um Europa gibt. Manche vergleichen die Situation dort mit der Zeit des zunehmenden Antisemitismus in den 30er-Jahren. Die Stimmung in Australien jedoch sei entspannt, sagt er.

Das wird auch von der sogenannten zweiten Generation der australischen Juden so gesehen. Joe Lewit, Sohn von Holocaust-Überlebenden, weiß natürlich von den antisemitischen Vorfällen und pro-palästinensischen Protestaktionen und erzählt, dass die Sicherheitsvorkehrungen an einigen Synagogen und jüdischen Schulen erhöht worden sind. Er erwähnt aber auch Pro-Israel-Demonstrationen, die völlig friedlich und ohne Zusammenstöße verlaufen sind. »Ich fühle mich in Melbourne nicht im Geringsten weniger sicher als zuvor, und soweit ich das überblicken kann, geht das den meisten Mitgliedern unserer Gemeinde genauso.«

Am schönsten drückt es Abe Goldberg aus: »Australien ist für uns immer noch ›the lucky country‹ – das glückliche Land.«

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