USA

Die Predigt fällt aus

Schana towa umetuka: Kinder in Atlanta tauchen Brot und Äpfel in ein Schälchen Honig. Foto: dpa

Rabbi Adam Starr aus Atlanta steht vor einer Mammutaufgabe – stellvertretend für Tausende von Kollegen in den USA. Der orthodoxe Rabbiner tüftelt aus, wie er Gottesdienste für Hunderte von Betern zu Rosch Haschana und Jom Kippur organisieren soll. Starrs Gemeinde, so berichtet die Jewish Telegraphic Agency (JTA), ist nur rund drei Kilometer entfernt vom Center for Disease Control in Atlanta, dem nationalen Zentrum zur Bekämpfung der Pandemie.

»Disease Control« – für viele Amerikaner sind diese beiden Wörter zum alltagsbestimmenden Begriff geworden – und so versucht auch Rabbi Starr, die Balance zu halten zwischen religiösen Pflichten und dem Wohlbefinden seiner Gemeinde. Um die Sicherheit der Mitglieder zu gewährleisten, hat er die Dauer der Gottesdienste sehr stark verkürzt, um die potenzielle Aussetzung der Besucher dem Virus gegenüber bestmöglich einzuschränken – bei den Hohen Feiertagen ein durchaus forscher Eingriff. »Als Erstes musste meine Predigt daran glauben«, sagte Starr der JTA.

Die Option der Livestreams kommt für orthodoxe Gemeinden nicht infrage.

Landesweit bereiten sich orthodoxe Gemeinden darauf vor, die Live-Gottesdienste während der Hohen Feiertage zu retten – obwohl sich beinahe alle nicht-orthodoxen Congregations in den USA dafür entschieden haben, in diesem Jahr auf Online-Kommunikation zu setzen. Da aber die Orthodoxie keine Elektronik an Schabbat oder an Feiertagen erlaubt, kommt die Option der Livestreams für sie nicht infrage.

Sicherheit Während einer Pandemie Gottesdienste mit Publikum abzuhalten – das bedeutet radikale Eingriffe in Verlauf, räumliche Anordnung und andere Abläufe, um höchstmögliche Sicherheit für die Besucher zu garantieren. Hinzu kommt, dass viele potenzielle Teilnehmer aus Sicherheitsgründen lieber auf Präsenz verzichten und zu Hause bleiben. In einer Sache jedenfalls sind sich alle einig – die Hohen Feiertage werden nur wenig mit den gewohnten Abläufen zu tun haben.

In die orthodoxe Ohev-Sholom-Synagoge von Rabbinerin Maharat Ruth Balinsky Friedman kommen an den Hohen Feiertagen normalerweise 700 bis 800 Beter. Dieses Jahr rechnet sie mit 100 Gemeindemitgliedern, die sich zu einem Freiluft-Gottesdienst treffen wollen.

»Die Menschen, die nicht zu uns kommen können, sind die, die von der Pandemie sowieso schon am härtesten betroffen sind«, sagte Friedman der JTA. Eltern mit Kleinkindern, die keinerlei Unterstützung bei der Erziehung haben und zu Hause festsitzen etwa – oder ältere Menschen, die zur Risikogruppe gehören und deshalb nicht vor die Tür gehen.

Auch andere Synagogen rechnen nur mit einem Bruchteil der sonst üblichen Gottesdienstbesucher. Im Jewish Center on the Upper West Side in Manhattan ist etwa jedes dritte Gemeindemitglied älter als 60 Jahre. Für Rabbi Yosie Levine scheint jetzt schon klar, dass etliche von ihnen zu Hause bleiben werden. »Ich nehme an, wir werden einen gewaltigen Besucherschwund erleben«, sagt Levine.

Unter dem Aspekt des Social Distancing ist das objektiv betrachtet nicht einmal unbedingt eine schlechte Nachricht. Die Vorgaben gebieten sowieso, dass weniger als die Hälfte der Kapazität von 800 Plätzen genutzt werden darf. In einem normalen jüdischen Jahr hätte die modern-orthodoxe Synagoge zwischen 700 und 800 Menschen zu Rosch Haschana und Jom Kippur begrüßt. Dieses Jahr werden etwa 300 Beter teilnehmen dürfen – verteilt auf unterschiedliche Räumlichkeiten und Gottesdienstzeiten.

Levine hofft darauf, eine Außenfläche mieten zu können, um all denen eine Teilnahmemöglichkeit zu bieten, die sich unter freiem Himmel sicherer fühlen. Nachdem er schon bei der Suche nach Schulhöfen und Parkplatzflächen gescheitert war, will er nun versuchen, eine Straßenflucht für den Gottesdienst sperren zu lassen.

Viele Rabbiner wollen die Dauer der Gottesdienste in diesem Jahr stark verkürzen.

Schwieriger sieht es ein paar Kilometer südöstlich aus – in Brooklyns chassidischen Gemeinden in Borough Park und Williamsburg. »Die Lage ist äußerst brisant«, sagt der Arzt und Rabbiner Aaron Glatt, Chef der Abteilung für Infektionskrankheiten und Infektiologe am Mount Sinai South Nassau, dem »Jewish Chronicle«. Glatt ist auch stellvertretender Rabbiner der orthodoxen Gemeinde »Young Israel of Woodmere« auf Long Island.

Letzte Woche waren laut New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio in Borough Park nach einer großen Hochzeit und einem Gottesdienst 16 neue Corona-Fälle registriert worden. Die meisten Synagogen dort machen einfach weiter wie gehabt, ohne Beschränkungen welcher Art auch immer.

Sorgen Die steigende Anzahl neuer Fälle macht Glatt große Sorgen. »Die Frage stellt sich bei diesen Leuten, ob das Tragen einer Maske wirklich so schlimm ist, dass sie lieber ihr Leben aufs Spiel setzen«, sagt er. Glatt setzt dabei auch auf die Stadtregierung: »Das Gesundheitsamt hat das Recht und die Mittel zu sagen, wir schließen die Schul und die Minjanim, sollten die Ausbrüche wieder extrem ansteigen.«

Die weitaus meisten orthodoxen Gemeinden achten jedoch peinlich genau auf die Risikofaktoren – teilweise auch aus schmerzlicher Erfahrung. Denn die Covid-19-Infektion breitete sich zunächst in New Yorks Orthodoxie aus.

Dort, wo Gottesdienste in den Synagogen stattfinden, werden Kantoren Schutzmasken tragen. Andere planen, Plexiglasbarrieren zu errichten, um Infektionen durch Aerosole während des Singens zu vermeiden. Wieder andere lassen jeglichen Auftritt von Kantoren weg.

In Atlanta hat Rabbiner Starr bereits ein großes Zelt bestellt. So sind, zumindest für seine Gemeinde Ohr HaTorah, wetterunabhängig Freiluft-Gottesdienste sichergestellt. Starr rechnet mit sechs bis acht Minjanim in seiner Gemeinde – mit Optionen sowohl drinnen wie draußen.

Und für Jiskor hat er sich etwas Besonderes ausgedacht: einen Zoom-Gottesdienst für alle, die sich nicht in die Synagoge trauen, aber doch gemeinsam beten wollen.

Die Hohen Feiertage im Zeichen von »Disease Control« – für viele kreative Rabbiner wie Starr ist dies nur eine weitere Herausforderung, aber kein Hindernis.

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