Belarus

Die Kushner-Karte

Im Dezember 2025 fand in Minsk die 7. Allbelarussische Volksversammlung statt – die wohl wichtigste Propagandaveranstaltung des belarussischen Regimes, bei der Staatschef Alexander Lukaschenko, seit 1994 im Amt, alle vier Jahre seine Nomenklatura versammelt. Die Inszenierung erinnert zunehmend an die pompösen Parteikongresse der KPdSU aus der Breschnew-Ära. In diesem Rahmen ging der Autokrat mehrfach auf eine in Europa bislang wenig beachtete belarussisch-amerikanische Annäherung ein.

Im Bemühen um ein Ende des Krieges in der Ukraine hat die Trump-Administration Lukaschenko, einen engen Vertrauten Putins, als zusätzlichen Draht zum Kreml entdeckt und treibt eine für Minsk aus politischen wie wirtschaftlichen Gründen vorteilhafte Normalisierung der seit Jahren angespannten bilateralen Beziehungen voran. Ähnlich wie einst SED-Chef Erich Honecker, der in den späten 80er- Jahren von einer Einladung ins Weiße Haus träumte und – ausgehend von Fantasien über jüdischen Einfluss in den USA – vergeblich auf eine Annäherung an Israel sowie westdeutsche und amerikanische jüdische Organisationen setzte, spielt nun auch Lukaschenko die »jüdische Karte«. Und er verfügt dabei, um mit Trump zu sprechen, sogar über bessere Karten als Honecker, nämlich die Kushner-Karte.

Bizarre, teils antisemitisch anmutende Äußerungen

Auf der Allbelarussischen Volksversammlung fiel der Name Kushner mehrfach. Gemeint waren der Unternehmer und heutige US-Botschafter in Paris, Charles Kushner, und vor allem dessen Sohn Jared, Schwiegersohn Donald Trumps und ein zentraler Akteur der US-Außenpolitik, insbesondere in Bezug auf Israel, Gaza sowie Russland und die Ukraine.

Obwohl Lukaschenko, der wiederholt durch bizarre und teils antisemitisch anmutende Äußerungen auffällt, sich diesmal demonstrativ philosemitisch gab, wirkten sein derber Bauernhumor und seine Hinweise auf eine angeblich »zur Hälfte aus Juden« bestehende Regierung befremdlich. Sein Ziel machte er jedoch offen deutlich: Charles und Jared Kushner zu einer Reise nach Belarus zu bewegen. Im Idealfall gemeinsam mit Donald Trump.

Die Staatspropaganda stilisiert Charles und Jared zu »Belarussen« aus Trumps Familie.

Eine Schnapsidee? Nicht unbedingt. Jared Kushners Großeltern Rae und Joseph sowie weitere Familienmitglieder stammten aus der westbelarussischen Stadt Navahrudak. Sie überlebten den Holocaust in der legendären Partisanenabteilung der Bielski-Brüder, einem wichtigen Symbol jüdischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Charles Kushner hat Navahrudak mehrfach besucht. 1989 nahm er erstmals seinen ältesten Sohn Jared mit. Seine bislang letzte Reise fand 2016 statt. Damals versprach er laut belarussischen Medien, mit seinen Enkelkindern zurückzukehren, wenn sie im Bat- und Barmizwa-Alter sind.

Dieses Versprechen blieb bislang unerfüllt. Jared Kushners älteste Tochter Arabella Rose (geboren 2011) feierte 2023 ihre Batmizwa, zu einer Zeit, als eine Reise nach Belarus kaum möglich war – sowohl aufgrund der Corona-Pandemie als auch wegen der Eiszeit zwischen Minsk und Washington. Drei Jahre später steht die Barmizwa ihres 2013 geborenen Bruders Joseph Frederick an – benannt nach Charles Kushners Vater, Bielski-Partisan Joseph Berkowitz.

Kleines Museum des jüdischen Widerstands

Bereits während Trumps erster Amtszeit hatte sich Minsk um einen hochrangigen Besuch aus dem Umfeld des Präsidenten bemüht, jedoch ohne Erfolg. Auch diesmal ist unklar, ob die Kushners tatsächlich kommen werden. In Navahrudak wird dennoch vorgesorgt: Das seit 2007 bestehende kleine Museum des jüdischen Widerstands wird derzeit zum Museum des Holocaust und des jüdischen Widerstands ausgebaut – dem einzigen spezialisierten Holocaust-Museum in Belarus, wo die NS-Verbrechen an den Juden bislang eine marginale Rolle in der Erinnerungskultur spielten. Die Staatspropaganda feiert Charles und Jared Kushner inzwischen als Nachkommen »belarussischer Partisanen« – und stilisiert sie gar zu »Belarussen« aus Trumps Familie.

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Auch in Russland wird Kushners Familiengeschichte thematisiert. Dass Jared Kushner gemeinsam mit dem Unternehmer Steve Witkoff – ebenfalls jüdisch und mit Vorfahren aus Belarus und anderen Teilen des Zarenreichs – an den Ukraine-Verhandlungen beteiligt ist und inzwischen eine zentrale Rolle spielt, nährt dort Hoffnungen. Kremltreue Autoren zeigen sich optimistisch: Die »profitgierigen Juden« Witkoff und Kushner würden sich von großen Geschäften mit Russland überzeugen lassen. Kushner, der Enkel »so­wjetischer Partisanen«, würde zudem den russischen Kampf gegen den angeblichen »ukrainischen Faschismus« verstehen.

Während dieses Kalkül bei Witkoff, der offen russische Narrative übernimmt, teilweise aufgeht, bleibt Kushner wortkarg und zurückhaltend. Die Ukraine hat er bisher nicht besucht. Die aktuelle Version des sogenannten Trump-Plans für die Ukraine fällt zwar etwas günstiger für Kyjiw aus als frühere Entwürfe, von einem gerechten Frieden kann jedoch keine Rede sein.

Kushner bleibt wortkarg und zurückhaltend. Die Ukraine hat er bisher nicht besucht.

Entsprechend heftig ist die Kritik in ukrainischen sozialen Netzwerken, insbesondere an Witkoff, aber auch an Kushner. Ihre jüdische Herkunft wird dabei häufig betont. Antisemitische Verschwörungsbilder von »den Juden«, die die Ukraine an Russland »verkaufen« wollen, machen die Runde. Der Korruptionsskandal, der die Ukraine seit Ende November 2025 erschüttert – Hauptfiguren wie Timur Mindich und Oleksandr Zuckerman flohen nach Israel, während der ebenfalls jüdischstämmige Präsidialamtschef Andrij Jermak zurücktreten musste –, verschärft diese Ressentiments zusätzlich.

Auch in Israel wird registriert, dass auf US-Seite mehrere jüdische Akteure über das Schicksal der Ukraine verhandeln. Der israelisch-ukrainische Journalist Shimon Briman weist etwa darauf hin, dass beim amerikanisch-ukrainischen Treffen in Mar-a-Lago am 29. Dezember vier US-Amerikaner jüdischer Herkunft am Tisch saßen: neben Witkoff und Kushner auch Josh Gruenbaum, Leiter des Federal Acquisition Service, sowie Trumps »graue Eminenz«, der stellvertretende Stabschef und Heimatschutzberate Stephen Miller – ebenfalls Nachkomme jüdischer Emigranten aus Belarus.

In Minsk verfolgt Lukaschenko indes den Verlauf der »Friedensgespräche« mit großer Aufmerksamkeit. Sollte die amerikanische Initiative erfolgreich sein, könnten sich neue Perspektiven für eine belarussisch-amerikanische Annäherung eröffnen. In diesem Fall könnten Vertreter des Kushner-Clans tatsächlich nach Belarus kommen – und dort womöglich die Barmizwa von Trumps Enkelsohn Joseph Frederick Kushner feiern.

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