Interview

»Die ICZ gehört zu mir – und ich gehöre zu ihr«

Noëmi van Gelder Foto: Noëmi van Gelder

Interview

»Die ICZ gehört zu mir – und ich gehöre zu ihr«

Sie will Brücken bauen, ohne den Rahmen zu sprengen. Die neu gewählte ICZ-Präsidentin Noëmi van Gelder spricht über Tradition und Offenheit, über Sicherheit in bewegten Zeiten – und darüber, wie jüdisches Leben in Zürich sichtbar, stark und gemeinschaftlich bleiben kann

von Nicole Dreyfus  08.01.2026 12:51 Uhr

Frau van Gelder, Mitte Dezember wurden Sie mit einer deutlichen Mehrheit zur neuen Präsidentin der ICZ gewählt. Hat Sie dieses klare Resultat überrascht?
Überrascht im eigentlichen Sinn nicht – aber ich hatte auch nicht damit gerechnet. Und natürlich hatte es mich gefreut, dass mir über 70 Prozent der anwesenden Gemeindemitglieder ihre Stimme gegeben haben. Aber entscheidend ist für mich etwas anderes: Diese Wahl hat in der Gemeinde etwas ausgelöst. So viele Gemeindemitglieder sind noch nie zu einer Präsidentenwahl gekommen. Das zeigt ein klares Bedürfnis nach Mitgestaltung und Zusammenhalt.

Wie deuten Sie dieses Resultat?
Ich kann nur für mich sprechen. In meiner Vorstellungsrede habe ich gesagt: Ich stehe für Tradition und für Offenheit. Für mich ist Tradition nichts Museales, sondern etwas Gelebtes. Offenheit bedeutet Dialogbereitschaft. Offensichtlich war genau diese Haltung für viele mehrheitsfähig.

Sie wurden oft als Kandidatin der Mitte bezeichnet. Sehen Sie sich selbst auch so?
Absolut. Ich verstehe mich klar als Mitte. Ich verbinde Tradition mit Moderne. Mitte heißt für mich: Es gibt einen gemeinsamen Rahmen – und innerhalb dieses Rahmens darf man unterschiedlich leben, glauben und denken. Als Juden sind wir bekannt dafür, dass wir diskutieren und streiten. Das gehört zu unserer Kultur. Entscheidend ist, dass wir dabei eine gemeinsame Basis behalten.

Die ICZ ist eine Einheitsgemeinde mit sehr unterschiedlichen Strömungen. Wie wollen Sie diese Pole näher zusammenbringen?
Der erste Schritt ist Anerkennung: Wir haben unterschiedliche religiöse Prägungen, Lebensentwürfe und Meinungen. Wenn man das akzeptiert, kann man einen gemeinsamen Nenner finden. Und dieser Nenner ist klar: Wir sind eine jüdische Religionsgemeinschaft unter dem Dach des modern-orthodoxen Rabbinats. Der Schlüssel ist Dialog – echte Gesprächsräume, in denen unterschiedliche Meinungen Platz haben.

Gerade das Thema Israel sorgt immer wieder für Spannungen. Wo positionieren Sie sich?
Solidarität mit Israel ist für mich keine politische Haltung, sondern Teil unserer jüdischen Identität. Das Existenzrecht Israels ist nicht verhandelbar. Wo ich aber eine klare Grenze ziehe, ist bei tagespolitischen oder parteipolitischen Bewertungen. Es ist nicht die Aufgabe der jüdischen Gemeinde in der Diaspora, israelische Tagespolitik zu kommentieren. Dafür gibt es die persönliche Meinungsfreiheit jedes Einzelnen.

Das ist nicht immer einfach – gerade, wenn Medien klare Statements erwarten.
Das stimmt. Aber unsere Haltung ist klar: Wir sind solidarisch mit Israel. Punkt. Kein Land möchte von außen gesagt bekommen, wie es Politik zu machen hat. Als Gemeinde halten wir den Rahmen: Sicherheit, Zusammenhalt und eine starke jüdische Stimme nach außen – ohne parteipolitische Einordnung.

Sie betonen den Dialog. Haben Sie dafür konkrete Formate im Kopf?
Ja. Ein Beispiel ist der sogenannte LEGO-Dialog, den wir bereits durchgeführt haben. Viele wussten vorher nicht genau, was sie erwartet – und waren danach begeistert. Solche Formate werden wir weiterführen. Dialog bedeutet auch: agree to disagree. Nicht jede Differenz muss aufgelöst werden, aber sie muss ausgehalten werden können.

Am 1. Januar traten Sie Ihr Amt an. Welche Prioritäten setzen Sie zu Beginn?
Ganz klar: Finanzen, Sicherheit und Zusammenhalt. Finanziell haben wir den klaren Auftrag, das Budget mittelfristig zu senken. Das bedeutet sauberes Budgetieren und kluge Prioritätensetzung. Sparen tut weh – aber es ist notwendig.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die ICZ in den kommenden Jahren?
Eine der größten Herausforderungen ist die Bindung junger Erwachsener. Viele treten nach Studium und Berufseinstieg aus der Gemeinde, weil sie den Mehrwert nicht unmittelbar spüren. Unsere Aufgabe ist es, Angebote zu schaffen, die relevant, attraktiv und niederschwellig sind.

Was heißt das konkret?
Zum Beispiel Formate, die Gemeinschaft erlebbar machen. Ende Januar organisieren wir einen gemeinsamen Kochabend für junge Erwachsene – unkompliziert, gemeinschaftlich, mit viel Atmosphäre. Essen verbindet. Solche Projekte schaffen Zugehörigkeit.

Ein weiteres zentrales Thema ist Sicherheit. Nach den Anschlägen in Australien und Zürich: Was tun Sie konkret?
Sicherheit hat bei uns höchste Priorität. Wir arbeiten eng mit Bund und Kanton Zürich zusammen, die Gefahrenlage wird laufend neu beurteilt. Jeder Anlass wird im Vorfeld detailliert geprüft. Gleichzeitig braucht es auch das Bewusstsein jedes Einzelnen. Ein Restrisiko bleibt immer – aber ich vertraue unserer Sicherheitsstruktur voll und ganz. Ich bin sehr dankbar dafür, dass der Kanton für unser Sicherheitsbedürfnis sehr sensibilisiert ist und uns sehr unterstützt.

Wir feierten vor Kurzem Chanukka. Was bedeutet dieses Fest für Sie persönlich?
Chanukka steht für Licht in der Dunkelheit. Die Ereignisse der letzten Zeit erschüttern mich sehr – auch persönlich. Umso mehr glaube ich an die Kraft der Hoffnung. Vielleicht ist das naiv, aber ich glaube an das Gute und an die Stärke unserer Gemeinschaft.

Welche Hoffnung haben Sie für die jüdische Gemeinschaft in Zürich?Meine Hoffnung ist, dass wir ein sichtbares, selbstbewusstes und lebendiges Judentum leben. Dass wir uns nicht verstecken, nicht einschüchtern lassen. Judentum darf und muss sichtbar sein – auf öffentlichen Plätzen, bei Festen, im Alltag. Nur so bleiben wir stark.

Zum Schluss: Was möchten Sie bis zum Ende Ihrer Amtszeit erreicht haben?
Dass wir über eine langfristig solide wirtschaftliche Basis verfügen und die Zahl unserer Mitglieder erhöhen können – und dass sich jedes Mitglied gehört und zugehörig fühlt. Dass man weiß: Die Tür der Präsidentin ist offen. Nur wenn ich weiß, was die Menschen bewegt, kann ich richtig handeln. Die ICZ gehört zu mir – und ich gehöre zu ihr.

Das Interview mit der neuen ICZ-Präsidentin hat Nicole Dreyfus geführt.

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