Jubiläum

Dichter und Bürgerschreck: Allen Ginsberg vor 100 Jahren geboren

Allen Ginsburg (1926 - 1997) Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Am Anfang der Revolution stand der Aufschrei: Mit seinem Gedicht »Howl« (Geheul) traf der junge Allen Ginsberg in den 1950er Jahren den Nerv einer desillusionierten jungen Nachkriegsgeneration: »Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn, ausgemergelt hysterisch nackt«. Wegen angeblicher Obszönität wurde das Gedicht zwischenzeitlich verboten, der Verleger Lawrence Ferlinghetti angeklagt. Vor 100 Jahren, am 3. Juni 1926, wurde der Dichter, Rebell und Bürgerschreck Allen Ginsberg geboren. Er starb 1997.

Das »Geheul« sei eine »Bejahung individueller Erfahrung von Gott, Sex, Drogen, Absurdität«, schrieb Ginsberg über das Werk, das ihn berühmt machte. Der US-Autor ist einer der Pioniere der »Beat Generation« um Jack Kerouac und William S. Burroughs. In der Ära des Kalten Krieges thematisierten die jungen Literaten alles, was Anstoß erregte: Rebellion, Gewalt, Sex und Drogen. »Wir haben ganz sicher gewusst, was wir da taten«, erklärte Ginsberg. »Dass wir eine literarische Revolution in Amerika angestoßen haben«, durch das Schreiben von Gedichten, sei »einfach unausweichlich« gewesen.

Ehrungen in New York, Dortmund und Berlin

Zu seinem 100. Geburtstag lädt das von ihm mitgegründete »The Poetry Project« in New York zu einer großen Jubiläumsfeier mit Weggefährten und Künstlern ein. Im Ruhrgebiet will das Literaturhaus Dortmund an dem Tag Ginsbergs Stimme spürbar machen: Mit Texten, Ton, Musik und Film soll die Zeit der Protestbewegungen der späten 50er und frühen 60er Jahre lebendig werden, die die »Beat Literatur« hervorbrachte. In der Berliner Buchhandlung Knesebeck wird Ginsberg in einer Veranstaltung mit dem Dichter Durs Grünbein gewürdigt.

Ginsberg sei auch heute noch ein Beispiel dafür, »wie Literatur ein Weg sein kann, gesellschaftliche Konventionen infrage zu stellen, und wie eine Literatur aussehen kann, die ebenso frei und jenseits literarischer Konventionen angesiedelt ist«, sagte der Ginsberg-Übersetzer und -Herausgeber Michael Kellner in einem Interview. Durch seine offen gelebte Homosexualität und sein gesellschaftliches Engagement sei Ginsberg immer auch ein Verteidiger der Unterdrückten, der ins Abseits Gedrängten, der Angefeindeten gewesen.

Wegbereiter für Gegenkultur der Hippies

Die Anliegen der »Beat Generation« sind auch heute aktuell. Es sei um die Verbreitung eines ökologischen Bewusstseins gegangen sowie um Widerstand gegen eine »militärisch-industrielle Maschinerie«, erläuterte Ginsberg einmal. Weitere Anliegen seien Widerstand gegen staatliche Reglementierungen sowie die Suche nach Spiritualität gewesen. Damit ebneten die Dichter der »Beat Generation« den Weg für die Gegenkultur der Hippies.

Den Begriff »Beat Generation« wählten sie in Anlehnung an die »Lost Generation« nach dem Zweiten Weltkrieg. »Beat« stand gleichzeitig für geschlagen und geknechtet wie auch für den Begriff »beatitude«, was so viel wie »Glückseligkeit« bedeutet. »Beat« sollte aber auch den entfesselten Rhythmus einer neuen Art von Literatur beschreiben: lebendig, unvermittelt und improvisiert wie der Bebop-Jazz eines Charlie Parker.

»Warum sollen wir uns von ein paar Idioten einschüchtern lassen?«

Unter dem Schatten der Atombombe sei der ganze Planet bedroht gewesen, beschrieb Ginsberg die Stimmung jener Zeit. »Plötzlich erkannte man: Warum sollen wir uns von ein paar Idioten einschüchtern lassen?«

Ginsberg wurde 1926 in Paterson/New Jersey als Sohn einer Kommunistin und eines sozialistischen Lehrers geboren. Beide Eltern stammten von in die USA eingewanderten Juden ab. Auch wenn Ginsberg später Buddhist wurde, sind in seinen Texten viele Verweise auf jüdische Traditionen zu finden, etwa in der Totenklage »Kaddisch« für seine gestorbene Mutter.

Auf der Suche nach spiritueller Erleuchtung

In späteren Jahren zog es ihn auf der Suche nach spiritueller Erleuchtung zu mystischen Lehrern nach Israel und Indien, an den Himalaya und nach Kambodscha. Zurück in den USA unterrichtete er Hippies und Studenten in Meditation und Atemtechnik.

Der frühere Rebell und Bürgerschreck Ginsberg wurde mit zahlreichen akademischen Auszeichnungen und Lehraufträgen an mehreren Universitäten überhäuft. Die Stadt Boulder im US-Bundesstaat Colorado rief sogar einen »Allen Ginsberg-Tag« aus. Der Dichter beeinflusste auch die Pop- und Rockmusik, arbeitete mit Bob Dylan und Paul McCartney zusammen. Das Schreiben sei für ihn wie ein Gebet oder Yoga, »das etwas Göttliches heraufbeschwört«, sagte Ginsberg einmal.

Er starb im Alter von 70 Jahren an den Folgen einer Hepatitis.

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