Österreich

Der geneigte Antisemit

Leerer Sockel: Das Denkmal wird zurzeit gereinigt und statisch verstärkt. Foto: Tobias Kühn

Neben dem »Café Prückel« am Wiener Stubenring versperrt ein Bauzaun die Sicht über den schmalen Platz. Schaut man durch eine Öffnung in der Trennwand, sieht man einen leeren Sockel. Bis vor Kurzem erhob sich hier vor einer ausladenden Platane ein wuchtiges Denkmal, 100 Jahre lang stand es da. Wer in dem benachbarten Ringstraßencafé an einem der Fensterplätze seine Melange trank, blickte auf die monumentale Bronzestatue eines stehenden Mannes – eines Mannes, der die Stadt seit jeher spaltet: Karl Lueger.

In den vergangenen Jahren wurde das rund elf Meter hohe Denkmal mehrfach mit den Worten »Nazi« und »Schande« besprüht. Die Stadtverwaltung wollte die Schriftzüge entfernen lassen, doch es fanden sich Künstler zusammen, die gemeinsam mit Unterstützern aus der Zivilgesellschaft eine sogenannte Schandwache hielten, um die Graffitis an dem Denkmal zu bewahren. Rechtsextreme und Identitäre griffen die Mahnwache an – sie wollten das Monument verteidigen, das sie seit einigen Jahren als Versammlungs- und Identifikationsort begreifen. Für viele Juden der Stadt ein Affront.

Karl Lueger gilt als einer der umstrittensten Politiker Wiens

Karl Lueger gilt als einer der umstrittensten Politiker Wiens. Er war Mitbegründer der Christlichsozialen Partei (CSP) und von 1897 bis zu seinem Tod 1910 Bürgermeister der Stadt. In dieser Funktion schreibt man ihm große Verdienste zu. Lueger verstand es, sich als ein Mann zu inszenieren, der die kommunale Infrastruktur wie Elektrizität, Gas, öffentlichen Nahverkehr und Kanalisation ausbaute. Während seiner Amtszeit entstanden neue Schulen, Kindergärten und Parks, der soziale Wohnungsbau wurde vorangetrieben und die städtische Verwaltung umgestaltet.

Breite Zustimmung fand Lueger vor allem im Kleinbürgertum. Viele waren von der raschen Urbanisierung überfordert und fühlten sich durch steigende Mieten und die Konkurrenz jüdischer Unternehmer bedroht. Der Bürgermeister griff die Ängste auf, leitete sie in populistische, antijüdische Rhetorik um und machte sie zu einem zentralen Pfeiler seiner politischen Strategie.

»Hier in unserem österreichischen Vaterland ist die Lage so, dass die Juden einen Einfluss erlangt haben, der weit über ihre Zahl und Bedeutung hinausgeht«, hetzte er auf Parteiversammlungen. Die Presse sei in jüdischen Händen, ebenso »der weit größere Teil des Kapitals« sowie die »Hochfinanz«. »Die Juden«, rief er seinen Parteifreunden zu, übten »eine Art Terrorismus aus, der kaum schlimmer sein könnte«. Lueger kam zu dem Schluss: »In Österreich geht es vor allem darum, das christliche Volk von der Hegemonie des Judentums zu befreien.«

Einer der größten Bewunderer Luegers setzte den Hass in die Tat um: Adolf Hitler

Keine 50 Jahre später entfalteten die Worte ihre tödliche Wirkung. Einer der größten Bewunderer Luegers setzte den Hass in die Tat um: Adolf Hitler. 70.000 Wiener Juden wurden im Holocaust ermordet.

Man könnte meinen, dass nach dem, was im 20. Jahrhundert in Wien geschah, das Lueger-Denkmal am gleichnamigen Dr.-Karl-Lueger-Platz – ja, die Grünanlage im 1. Bezirk heißt bis heute so – längst entfernt worden und von den Fensterplätzen im Café Prückel nicht mehr zu sehen wäre. Doch nein, die Bronzestatue soll im Sommer zurückkehren. Sie werde umgestaltet und »künstlerisch kontex­tualisiert«, liest man auf der Website von »Kunst im öffentlichen Raum« (KöR), einer Institution der Stadt Wien. Man stelle sich »der Diskussion um den zeitgemäßen Umgang mit dem Denkmal«, heißt es.

Nachdem jahrelang gestritten worden war und die Fronten sich zunehmend verhärtet hatten, schrieb die Stadt 2022 einen internationalen Wettbewerb aus. 13 Künstler reichten Entwürfe ein, und eine Jury aus Kultur- und Kunstwissenschaftlern, Künstlern, Architekten, Kuratoren, Historikern sowie Vertretern der Stadt beriet darüber. Man entschied sich für den Entwurf des Wiener Künstlers Klemens Wihlidal mit dem Titel »Schieflage (Karl Lueger 3,5°)«. Die Jury lobte die Entscheidung und sprach von einem »starken Zeichen«, das »die öffentliche Debatte lebendig« zu halten vermöge.

Was der Entwurf genau vorsieht, liest man an der südöstlichen Seite des Bauzauns. Dort wird auf Plakaten erklärt, was geplant ist: Das Denkmal soll gereinigt, statisch verstärkt und um 3,5 Grad in Schieflage gebracht werden. Kostenpunkt: 770.000 Euro.

Es wirkt wie eine Ironie der Geschichte, dass eine Stadt, der seit jeher eine gewisse Neigung zum Antisemitismus nachgesagt wird, sich ausgerechnet einen geneigten Antisemiten mitten ins Stadtzentrum stellt.

»So a Bledsinn!«, sagt denn auch mit hörbarem Unmut ein älterer Wiener. Er hat kurz innegehalten, die Plakate überflogen und geht kopfschüttelnd weiter.

Schon vor 100 Jahren protestierte die jüdische Gemeinde gegen das Denkmal.

Differenzierter und mit leichtem Wohlwollen betrachtet es eine vorbeiradelnde Frau mittleren Alters. Sie lehnt ihr Rad an eine Bank, schaut durch die Öffnung im Bauzaun und macht ein Foto. Sie wohne in der Nähe, sagt sie, und komme häufiger vorbei. Sie sei Kunsthistorikerin und deshalb dagegen, die Statue zu entfernen. »Denkmäler reißt man nicht ab!« Allerdings frage sie sich, ob 3,5 Grad wirklich ausreichend seien, um den Betrachter zu irritieren, wie es der Entwurf vorsehe. Hätte man sie gefragt – sie hätte »Lueger vom Sockel genommen und danebengestellt«. Als Anwohnerin hat sie in den vergangenen Jahren miterlebt, wie das Denkmal immer wieder besprüht wurde. »Ich hatte kein Problem damit«, sagt sie und zuckt mit den Schultern, »da bleibt man halt stehen und fragt.« Allerdings habe sie Zweifel, ob das neue Projekt die hohen Kosten wert ist. »Das Denkmal wird doch sowieso bald wieder besprüht.«

Davon geht auch Debora Kravtschenko aus. »Es wird keine Stunde stehen und erneut besprüht werden«, ist sie sich sicher. Dass die Lueger-Statue in einigen Monaten an ihren alten Ort zurückkehren soll, dafür hat die Tochter einer Schoa-Überlebenden kein Verständnis. »Ausgerechnet am Ring! So exponiert, an einem so schönen Platz«, sagt sie kopfschüttelnd. Sie wäre dafür, dort lediglich eine Tafel aufzustellen, auf der man lesen könne, dass hier das Denkmal einst gestanden habe. Fragt man Kravtschenko, was aus ihrer Sicht damit geschehen sollte, sagt sie: »Ab ins Museum! Ich will ja gar nicht, dass es zertrümmert wird – aber hier hat es nichts zu suchen.«

Hört man sich weiter unter Wiens Juden um, trifft man auf ähnliche Ansichten. Aus der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) ist zu erfahren, dass dem, was der Gemeindepräsident Oskar Deutsch vor drei Jahren im österreichischen Fernsehen gesagt hat, nichts hinzuzufügen sei: »Das Denkmal eines Antisemiten gehört nicht an eine prominente Stelle, es gehört meiner Meinung nach weg.« Er trete außerdem dafür ein, sagte Deutsch, in einer Studie alle Denkmäler und Plätze in Wien zu erfassen, die nach Antisemiten und Nazis benannt sind.

Erfassen würde man dann auch den Dr.-Karl-Lueger-Platz. Die jüdische Gemeinde sowie Dutzende Intellektuelle und Künstler fordern seit Jahren, ihn endlich umzubenennen – am besten in »Platz gegen Antisemitismus«. Doch die Stadt stellt sich taub.

Auch der Künstler Klemens Wihlidal fordert die Umbenennung des Platzes

»Auch ich habe in meiner Einreichung die Umbenennung gefordert – wissend, dass dieser Punkt nicht Teil der Ausschreibung war«, erklärt der Künstler Klemens Wihlidal gegenüber der »Jüdischen Allgemeinen«. Die Fragen dieser Zeitung wollte er nicht im Gespräch, sondern lieber schriftlich beantworten.

Es gehe ihm bei seinem Entwurf darum, »die Ehrwürdigkeit (des Denkmals) zu brechen und mit dieser künstlerischen Geste zum notwendigen Diskurs in der Gesellschaft beizutragen«, schreibt er. Fragt man ihn, warum sich sein Entwurf über die Befindlichkeiten der Opfer von Karl Lueger hinwegsetze, beteuert er, es würde ihm »leidtun, wenn dies missverstanden werden würde«.

Dass Einwände jüdischerseits gegen den Umgang mit dem Denkmal von den Verantwortlichen offenbar kaum berücksichtigt werden, stößt auf Kritik. Die Dichterin und Publizistin Deborah Benjamin Kaufmann bezeichnet es als einen »Schlag ins Gesicht der jüdischen Bevölkerung der Stadt«. In einem Kommentar im »Standard« schreibt sie, die Stimmen von Schoa-Überlebenden und der Israelitischen Kultusgemeinde Wien würden »konsequent übergangen«.

Die Institutionen der Stadt betonen, jüdische Stimmen durchaus hören zu wollen – viel ist von Dialog, Austausch und Diskurs die Rede. Doch verfestigt sich der Eindruck, jüdische Meinungen mögen bitteschön nicht abweichen von dem, was man mit dem Denkmal vorhat.

So ist es Milli Li Rabinovici, Co-Präsi­dentin der Jüdischen österreichischen Hochschüler:innen (JöH), ergangen. Die Soziologiestudentin erinnert sich an eine Begegnung mit dem Künstler Klemens Wihlidal und Vertretern der städtischen Institution »Kunst im öffentlichen Raum«. »Sie äußerten sich enttäuscht darüber, dass wir ihre Idee nicht akzeptieren. Sie verstehen nicht, dass uns ihre Art der Kontextualisierung nicht genügt.« Es heiße zwar, man stelle sich der Diskussion um den zeitgemäßen Umgang mit dem Denkmal, doch: »Sie nehmen unsere Position einfach nicht wahr.« Es sei bei der Begegnung »nicht wirklich zu einem produktiven Austausch gekommen«, sagt Rabinovici bedauernd. »Diese Kontextualisierung gegen die Meinung der Wiener Jüdinnen und Juden vorzunehmen, ist inakzeptabel«, erklärt sie mit Nachdruck und betont: »Deshalb fordern wir, das Denkmal abzureißen.« Sie befürchtet, dass der Platz andernfalls wegen der Aufmärsche der Identitären zu einem Ort der Unsicherheit und der neonazistischen Hetze werde.

Die Stadt Wien indes beharrt darauf, das gereinigte Denkmal in den nächsten Monaten, leicht gekippt, an seinem alten Ort wieder aufzustellen – pünktlich zu seinem 100. Geburtstag. Nach einem Entwurf des Wiener Bildhauers Josef Müllner, den die Nationalsozialisten später in ihre »Gottbegnadeten-Liste« aufnahmen, wurde das Denkmal im September 1926 eingeweiht. Schon damals hatte die jüdische Gemeinde erfolglos dagegen protestiert.

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