Nachruf Thomas Blatt

Der Aufklärer

Thomas Toivi Blatt sel. A. Foto: Agnieszka Hreczuk

Er war Ehemann, Vater, Großvater. Er betrieb drei Läden, organisierte Kulturveranstaltungen, er war Soldat. Doch er war vor allem eines: Gefangener im Vernichtungslager Sobibor. Bis zum Ende seines Lebens. Mit 88 Jahren ist Thomas Blatt am 31. Oktober im kalifornischen Santa Barbara gestorben. Er war der vorletzte überlebende Aufständische aus dem berüchtigten Vernichtungslager.

Im Film Escape from Sobibor läuft der dunkelhaarige Toivi so lange, bis er erschöpft den Wald erreicht. Dort fühlt er sich sicher, weit entfernt von seinen Peinigern. Doch in Wirklichkeit gelang es ihm nie, Sobibor zu entkommen. Zu tief hatte es sich in ihn eingebrannt.

Biografie Thomas Blatt wurde im April 1927 als Tomasz (Jiddisch: Toivi) Blatt in der ostpolnischen Kleinstadt Izbica geboren. Sein Vater hatte unter Marschall Pilsudski in der polnischen Armee gekämpft und als Anerkennung dafür eine Lizenz zum Alkoholverkauf erhalten. Im Hause Blatt sprach man Polnisch. Auch nach Jahren im Ausland sprach Thomas Blatt es so akkurat, wie man es an Warschauer Schauspielschulen lernt. Wäre die Schoa nicht gewesen, hätte er sich wohl eher als Pole gefühlt, sagte er einmal. Doch der Holocaust machte ihn zum Juden – und zum Atheisten. »Damals, als ich noch an Gott glaubte«, begann mancher seiner Sätze.

Als ich ihn 2007 kennenlerne, ist er 80. Vor unserer ersten Begegnung mailen wir: Ich frage nach Sobibor, nach dem Aufstand. Er ist begeistert, dass sich eine junge Polin dafür interessiert. Er will erzählen, zeigen, erklären. Stundenlang. »Nenn mich Tomek, Tommy«, sagt er, als wir uns in Warschau begegnen. Er ist direkt, wie viele Amerikaner. Und er ist charmant, wie ein Kavalier der alten Schule. Er möge Frauen, wiederholt er, mit einem schelmischen Lächeln. Deshalb seien seine Ehen in die Brüche gegangen, scherzt er.

Nach dem Krieg, noch in Polen, arbeitete er eine Weile als Kulturanimateur in einem Ferienheim. Stolz zeigte er die Fotos von damals: ein junger, gut aussehender Mann, umgeben von Frauen. Nur manchmal, in jenen Momenten, wenn es melancholisch wurde, meinte er: »Meine Ehefrau sagte, ich sei immer noch dort, in Sobibor. Mein Leben dreht sich darum. Das konnte sie nicht verkraften.«

Selektion Sobibor wurde zu seinem Leben – seit er, 16-jährig, im April 1943, kurz nach der Ankunft im Vernichtungslager, einen Mitgefangenen fragte, wo er seine Eltern und seinen kleinen Bruder Henryk finde, die bei der Selektion auf die andere Seite geführt worden waren. Der Mitgefangene zeigte auf den Schornstein. Toivi hätte schreien wollen, weinen, brüllen. Doch er hatte nur leise Tränen in den Augen. »Ich wusste, wenn ich mich schwach zeige, bringen sie auch mich um«, erzählt er Jahre später. »Und dann würde niemand von meinen Eltern und meinem kleinen Bruder wissen.« Er musste überleben. Das nahm sich Toivi vor.

Sein Plan gelang. Ja, er nannte es »Plan«. Denn seit jenem Tag wollte er nicht mehr an Gott glauben. Am 14. Oktober 1943 nahm Toivi an einem Aufstand im Lager teil und flüchtete mit weiteren 300 Gefangenen in die Freiheit. Weniger als 100 von ihnen würden den Krieg überleben.

Nach seiner Flucht geht Toivi Blatt in die Armee, arbeitet in einem Pensionat, wandert 1957 nach Israel aus und siedelt später nach Kalifornien über. Dort wird er zu Thomas. Mehrmals reist er nach Polen: nach Warschau, wo er Freunde hat, nach Izbica, wo er sein Elternhaus besucht. Nach Sobibor. »Familienfriedhof« nennt er das Lagergelände.

Zeitzeuge Thomas Blatt unternimmt alles, damit weder seine Familie noch die anderen 200.000 Opfer von Sobibor vergessen werden: Er trifft sich mit Jugendlichen, gibt Interviews, schreibt Bücher – detailliert, bildhaft, emotionslos. Er ist ein Profi. Er beeindruckt mit seiner Energie. Doch nur seine Liebsten wissen, was sich dahinter verbirgt.

Einmal führt Blatt ein Interview mit Karl Frenzel, dem früheren Lagerkommandanten von Sobibor. Er glaubt, er könne vielleicht verstehen, wie ein Mensch zum Mörder wird. Er versteht es nicht. Im Jahr 2010 tritt Blatt vor dem Landgericht München als Nebenkläger im Prozess gegen John Demjanjuk auf, einen ukrainischen SS-Wachmann von Sobibor.

Thomas Blatt reist gern. Doch niemand kann mit ihm das Zimmer teilen. Er schreit in der Nacht, weint im Schlaf. Immer wieder ist er in Sobibor. Am Morgen erinnert er sich nicht daran. Im Laufe der Zeit sieht er, wenn er in den Spiegel schaut, das Gesicht seines Vaters. Und in Gesichtern seiner Enkel sieht er das Gesicht seines kleinen Bruders Henryk, Hersz. Er fragt sich, was aus ihm geworden wäre. So klug sei er gewesen, so begabt.

Bei den Dreharbeiten zu dem Film Escape from Sobibor, der auf seinen Erinnerungen basiert, arbeitet Thomas Blatt als Berater. In der Flucht-Szene rennen die Schauspieler und Statisten an ihm vorbei. Und er rennt hinterher. Automatisch. Später findet ihn eine der Hauptdarstellerinnen im Wald. Erschöpft und verwirrt liegt er auf dem Boden, im Gebüsch. Er war wieder auf der Flucht aus Sobibor.

Ich hoffe für dich, Tomek, dass du jetzt endlich Ruhe gefunden hast. Dass du nicht mehr fliehen musst.

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