Porträt

Challa vom Prinzen

»Challah Prince« heißt eigentlich Idan Chabasov, ist 40 Jahre alt und hat in dem Schabbatbrot auch zu sich selbst gefunden. Foto: Nimrod Sonders

Porträt

Challa vom Prinzen

Idan Chabasov wurde mit seinen kunstvolle Zopfkreationen auf Instagram berühmt. Sein simples Rezept: Mehl, Wasser, Hefe und Verbundenheit zur jüdischen Gemeinschaft. Seine ersten Challot hat er in Berlin gebacken

von Nicole Dreyfus  29.03.2026 10:00 Uhr

Es macht süchtig: Scrollt man durchs Profil des »Challah Prince«, kann man nicht mehr aufhören. Ein Post nach dem anderen zeigt Challa-Kreationen, bei denen Brot zu Kunst wurde. Ob Herzen, Davidsterne, Rosetten oder gar Chanukkiot, jedes Bild zeigt eine andere kunstvoll geflochtene, glänzende Challa, die den Appetit anregt und gleichzeitig doch zu schade zum Anschneiden oder -rupfen wäre.

Wer Woche für Woche seine Standard-Challa mit drei oder vier Strängen backt, könnte angesichts des technisch raffinierten Designs des »Challah Prince«, der im analogen Leben Idan Chabasov heißt, schnell Minderwertigkeitskomplexe entwickeln. »Bloß nicht!«, sagt der 40-Jährige und gibt zu: »Auch ich habe meine Challot jahrelang nur mit drei Strängen geflochten. Und davor gar nicht!«

Mutter hat nie Challot gebacken

Seine Mutter habe nie Challot für Schabbat gebacken. Er selbst habe erst in Berlin damit angefangen. Ausgerechnet in Berlin? »Bitte nicht falsch verstehen, in Deutschland gibt es wunderbares Brot! Aber Challot können sie dort einfach nicht«, sagt er und lacht. Dann wird er ernst, denn seine Zeit in der deutschen Hauptstadt sei eine Zäsur in seinem Leben gewesen. Fast acht Jahre hat er dort verbracht. »Ich musste damals weg aus Israel. Ich lebte in Tel Aviv und kam an den Punkt, wo mir alles viel zu laut und zu schrill wurde. Tel Aviv war für mich sogar der Ort, der mich vom jüdischen Leben entfernt hat.«

Schnell sei ihm klargeworden, dass Berlin »der Beginn einer Reise zu mir selbst war«. Dort hat Chabasov, der ein ausgebildeter Tänzer ist, sich vor allem der Meditation gewidmet, und die habe ihm dabei geholfen, einen neuen Zugang zu sich selbst und zu seinem Körper zu finden. Und ja, das Challa-Backen und die Meditation hätten sehr wohl etwas miteinander zu tun. Aber von Anfang an.

Seine erste Challa entstand unter Anleitung einer Freundin über WhatsApp.

Seine Entdeckungsreise habe ihn auch zu seiner religiösen Identität zurückgeführt, sagt Chabasov. »Mein Vater kam zwar aus sehr religiösem Hause, aber die Religion spielte in meinem Leben keine große Rolle. «Nach dem traditionellen Teil ging ich immer rasch zur Tagesordnung über.» Etwas, das ihm überhaupt erst in der Diaspora bewusst geworden sei. Die wirke «wie ein Spiegel».

Dann plötzlich begann er, Dinge zu vermissen, die er in Israel kaum zu schätzen gewusst hatte: den Schabbat, die Rituale und ihre Tiefe, vor allem aber die jüdische und die israelische Gemeinschaft. Und das alles habe sich für ihn in der Challa vereint. Höhepunkt sei das Gefühl der Leere am Freitagabend mit Supermarktbrot gewesen. Das habe schließlich dazu geführt, dass er seine erste Challa selbst backte – unter Anleitung einer Freundin über WhatsApp. Bis zur Geburt des Challa-Prinzen mit mehr als einer halben Million Followern habe es allerdings noch Jahre gedauert, so Chabasov. Und wie ging es weiter? «Das Flechten von Challot bereitete mir große Freude. Beim Bearbeiten des Teigs und während der Zugabe der Zutaten fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Die Challa ist die Seele des Schabbats, auf die ich bisher verzichtet hatte.»

Mit Hingabe Hefeteig flechten

Damals, da war er Mitte 30, habe er angefangen, den Hefeteig mit so viel Hingabe zu flechten, dass auch neue Bande zu Freunden und Nachbarn entstanden. Die fertigen Brote machten die Runde, und Chabasov fragte regelmäßig in Chatgruppen nach, ob jemand eine frische Challa haben möchte. «Plötzlich hatte die Challa etwas Sinnstiftendes, und das außerhalb ihrer rituellen Symbolik.» So entstand denn auch die Idee, die eigenen Kreationen mit einem größeren Publikum zu teilen anstatt nur im Freundeskreis.

2020 startete Chabasov seinen Instagram-Kanal, «anfangs nur zum Spaß, nicht für Reichweite oder um Geld damit zu verdienen». Innerhalb der ersten sechs Monate erreichte er mehr als 5000 Follower, nach einem Jahr waren es schon rund 20.000. Der virale Erfolg kam schließlich durch die besondere Kombination aus Bewegung und Ästhetik, die Chabasov von anderen «Kings» und «Queens» im virtuellen Kochbuch-Universum unterscheidet. Wenn er Teigzöpfe flicht, performt der Tänzer, dessen Hände auch beim Sprechen einer ganz eigenen Choreografie zu folgen scheinen. «Das Flechten ist für mich eine neue Form des Ausdrucks.»

«Plötzlich hatte die Challa etwas Sinnstiftendes außerhalb ihrer rituellen Symbolik.»

Idan Chabasov

In den Videos folgt denn auch jeder Handgriff, jede Drehung einem Rhythmus. Die Musikauswahl bringe ihm zusätzlich neue Freiheiten. Chabasov hat viel zu erzählen, doch in seinen Social-Media-Clips bleibt er stumm. «Da kommt der stotternde Junge von früher durch», sagt er. «In der Sprache der Bewegung fühle ich mich sicherer.»

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Heute kann er von seinen Auftritten leben. Als «Challah Prince» reist er um die Welt, wird für Kurse und Auftritte gebucht und ist jedes Jahr wochenlang in den USA und Europa unterwegs. Meistens sind es jüdische Gemeinden, die ihn buchen. «Manchmal sind es bis zu 25 Veranstaltungen pro Monat», sagt er.

«Das jüdische Volk steht für mich von nun an im Vordergrund»

Vor allem in den USA ist Chabasov als eine Mischung aus Künstler und Lehrer unterwegs, der die Menschen zusammenbringt und über das Backen jüdische Kultur vermittelt. Vor dem 7. Oktober 2023 waren seine Workshops offen für ein gemischtes Publikum und auch so ausgerichtet. «Doch dann kam diese Zäsur. Direkt nach dem 7. Oktober war ich wie erstarrt, unfähig zu handeln.» Aber nach und nach sei ihm durch diese Katastrophe klar geworden, dass «das jüdische Volk für mich von nun an im Vordergrund steht». Seine Veranstaltungen schaffen seitdem häufig emotional aufgeladene Räume, von denen er hoffe, dass sie helfen, Trauer, Schmerz und Freude zu verarbeiten.

Pläne für die Zukunft hat er viele, fährt er fort. Gerade arbeitet er an einem Kinderbuch. Und seinen Traum von einem eigenen kleinen Brotladen habe er auch noch nicht aufgegeben, sagt er. Wo der sein soll, wisse er allerdings noch nicht. Aber in einem Punkt ist er sich sicher: Challot schmecken in seiner Heimat Israel am besten. «So süß wie dort sind sie nirgends auf der Welt.»

Gesa Ederberg

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