Ukraine

Aufbruch in ein neues Leben

Ankunft auf dem Flughafen in Tel Aviv: Neueinwanderer aus der Ukraine Foto: Flash 90

Ein Sonntagvormittag in der Lobby des Hotels »Tourist« in Kiew: Auffällig viele Familien mit kleinen Kindern haben sich in dem Betonklotz aus Zeiten der Sowjetunion eingefunden, um Details über ihre bevorstehende Alija, die Einwanderung nach Israel, zu erfahren. Immer mehr Juden verlassen die Ukraine. Im vergangenen Jahr waren es rund 7000, die dem Land für immer den Rücken gekehrt haben.

In Kiew fand nun ein Auswandererkongress mit mehr als 200 Teilnehmern statt. Die Frauen, Männer und Kinder ließen sich erklären, was sie in der neuen Heimat erwartet. Veranstaltet wurde die Tagung von der israelischen Nichtregierungsorganisation (NGO) International Fellowship of Christians and Jews (IFCJ).

Der amerikanische Rabbiner Yechiel Eckstein gründete die IFCJ 1983. Die Organisation setzt sich dafür ein, dass Juden vor allem aus Gegenden, in denen Krieg herrscht, nach Israel auswandern. In den Statuten des IFCJ liest man: Das Ziel der Organisation ist die Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Juden und Christen sowie die Unterstützung des Staates Israels.

Für sein Engagement wurde Eckstein vielfach geehrt: Das Magazin Newsweek zählte ihn 2010 zu den 50 einflussreichsten Rabbinern Amerikas. Im selben Jahr zeichnete ihn die Regierung in Jerusalem mit einem neu geschaffenen »Orden für besondere Beiträge zum Wohl des Volkes Israels« aus.

Fokus Zu dem Seminar im Hotel »Tourist« war auch der Israeli Ofer Dahan nach Kiew gekommen. Der NGO‐Manager organisiert seit vielen Jahren die Alija. Seit einiger Zeit rücken die Staaten der früheren Sowjetunion wieder stärker in den Fokus der IFCJ. Noch nie seit Anfang der 90er‐Jahre sei die Auswanderungsbereitschaft in Russland, der Ukraine und Weißrussland so groß gewesen wie derzeit, sagt Dahan. »Doch die heutigen Auswanderer haben es einfacher als diejenigen vor 20 oder 25 Jahren.« Zum einen gebe es Organisationen wie die IFCJ, zum anderen sei die Hilfsbereitschaft der Behörden größer als damals.

»Viele Menschen, die sich heute zur Auswanderung entschließen, tragen sich schon viele Jahre mit dem Gedanken und haben Angehörige, die bereits nach Israel gegangen sind«, sagt Marina Pischanker. Sie ist Dahans Mitarbeiterin in der Ukraine und betreut seit einem Jahr Auswanderer in Kiew.

»Wir fliegen dieser Tage 200 Menschen nach Israel aus, darunter sind 42 Kinder, die meisten von ihnen sind noch keine 15 Jahre alt«, sagt Dahan. Auch das ist ein Unterschied zur Emigrationswelle der 90er‐Jahre: Damals kehrten besonders viele alte Menschen Moskau, Kiew oder Minsk für immer den Rücken, heute sind es oftmals junge Familien. »Kein Auswanderer geht nach Israel, ohne einen festen Ansprechpartner für sich zu haben«, sagt Marina. Zudem erhalten sie für die erste Zeit Wohnraum und ein Willkommensgeld in Höhe von umgerechnet rund 900 Euro pro Person.

Entscheidung Die Eheleute Viktoria (45) und Wladimir (47), die seit vielen Jahren in Kiew leben, haben die Entscheidung, nach Israel zu gehen, deshalb gefällt, weil ihr Sohn seit vier Jahren dort ist. »Er hat uns davon überzeugt, nachzukommen. Dann ist unsere Familie endlich wieder zusammen«, sagt Viktoria. Ohne die Hilfe ihres Sohnes wäre sie aber nicht weggegangen. Ihr Mann Wladimir erzählt, er lasse seine alten Eltern nur ungern in der Ukraine zurück, aber er sei Arzt und wolle »endlich eine Arbeit finden, die anständig bezahlt wird«. Das sei nur im Ausland möglich.

Auch die 18‐jährige Alexandra und ihre Mutter Alesja (38) hoffen, dass der berufliche Erfolg ihnen ein besseres Leben bringt. Die beiden Frauen kommen aus Berdjansk, einer Großstadt in der Ost‐Ukraine, und wollen mit der gesamten Familie auswandern. Ehemann Alexej (42) arbeitet als Manager, und dann gibt es noch zwei kleinere Geschwister: Anna (10) und den dreijährigen Andrej.

»Der Krieg ist nicht weit, ich habe keine Möglichkeit zu studieren und damit auch kaum eine Zukunft«, sagt Alexandra. Eine ihrer Tanten lebt bereits in der Nähe von Tel Aviv, dort können sie erst einmal bleiben. »Ich wäre auch ohne meine Mutter ins Ausland gegangen«, betont Alexandra.

»Meine Tochter hat mir den letzten Ruck gegeben«, sagt Mutter Alesja, die eher wie Alexandras ältere Schwester aussieht. »Ich habe Angst, dass es in der Ukraine noch schlimmer wird – die wirtschaftliche Lage und auch der Krieg«, erläutert sie.

Doch eines will die Familie in der Ukraine vorerst behalten. »Wir haben ein Häuschen, das soll erst einmal nicht verkauft werden. Falls wir es in Israel nicht schaffen, kehren wir in die Ukraine zurück«, sagt Alesja. Sie will in Israel als Kosmetikerin arbeiten und hat bereits eine Stelle. »Ich hoffe, dass auch Alexej schnell Arbeit in seinem Beruf findet«, erklärt die 38‐Jährige. Alexandra wird zuerst ihren Wehrdienst leisten und danach studieren. »Wenn das alles klappt, bleibe ich in Israel oder gehe in die USA«, so die Pläne der 18‐Jährigen.

Integration Die IFCJ hilft den Familien, sich in Israel im Alltag zurechtzufinden. »Auch wenn die Auswanderer bereits Freunde und Familie dort haben, müssen sie sich in die neue Gesellschaft und am fremden Wohnort einleben«, sagt Ofer Dahan. Zudem sprechen die meisten, wenn sie ins Land kommen, noch nicht perfekt Hebräisch. Sprachkurse und Angebote für Kinder, Jugendliche, aber auch Erwachsene und Senioren ergänzen das Programm der IFCJ.

Für die 68‐jährige Elena war die Hilfe der IFCJ ein wichtiges Argument, die Auswanderung zu wagen. »Ich habe lange gezögert, obwohl die meisten meiner Freunde und Verwandten innerhalb der letzten 20 Jahre nach Israel gegangen sind«, erzählt die Ingenieurin. Ihr Sohn sei bereits 1996 ausgewandert und habe ihr immer gesagt, sie solle nachkommen.

Nun hat sich Elena dazu durchgerungen. »Ich habe hier in der Ukraine fast keinen mehr und werde ja auch nicht jünger«, sagt die zierliche Frau. Sie fühle sich in Kiew zu Hause, das sei eben ihre Heimatstadt. Doch in Israel wolle sie in ihren alten Beruf einsteigen und ihren Sohn in dessen Firma unterstützen. Sie habe dort zwar viele Verwandte und Bekannte, »doch komplett auf die Hilfe der anderen angewiesen zu sein, kommt für mich nicht infrage«, betont die resolute Frau. Hebräisch hat sie sich schon vor mehr als 20 Jahren beigebracht. »Damals, als mein Sohn auswanderte, hatte ich eigentlich vor, mitzugehen, doch meine Pläne habe ich über den Haufen geworfen. Dieses Mal aber ist es mir ernst.«

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