USA

Auf das Leben und die Liebe!

Das Gegenteil vom Tod ist das Leben. Und wie entsteht Leben? Vorzugsweise beim Sex zweier Menschen, die sich lieben und die diese Liebe an ein neues Leben weitergeben wollen. Ruth K. Westheimer wollte alles über das Leben und die Liebe wissen und hat uns immer wieder gezeigt, wie alles mit allem zusammenhängt. Die Ikone der sexuellen Revolution in den USA ist am Freitag im Alter von 96 Jahren in ihrer New Yorker Wohnung gestorben. Es drängt sich der Wunsch auf, dass der Tod als Freund zu ihr gekommen ist, schließlich hat niemand den »kleinen Tod« so sehr gefeiert wie Dr. Ruth.

Aber wir müssen mit dem Tod als Feind anfangen, der Westheimer alles nahm, als sie gerade zehneinhalb Jahre alt war. Geboren in der Nähe von Würzburg, war sie das einzige Kind eines jüdischen Paares. »Ich hatte 13 Puppen, Rollerskates und Eltern, die mich liebten.« Die Familie lebte mit der Großmutter in Frankfurt, wo der Vater ein Kurzwarengeschäft betrieb, als die Nazis an die Macht kamen. In der Pogromnacht 1938 wurde er verschleppt, vor den Augen der weinenden Tochter. Mutter und Großmutter beschlossen, das Kind zu retten, indem sie es auf einen Kindertransport in die Schweiz schickten. Karola, wie Ruth Westheimer damals gerufen wurde, wehrte sich, doch am 5. Januar 1939 winkten Mutter und Großmutter ihr zum Abschied, als der Zug abfuhr. Es war das letzte Mal, dass sie einander sahen. Westheimers Familie wurde fast vollständig ausgelöscht.

Die 1,42 Meter kleine Frau stand fester im Leben als Rocky Balboa

In der Schweiz kam Karola in ein Kinderheim, das bald zum Waisenhaus wurde, wo sie sich um die Kleinsten kümmerte. »Wäre ich eines der Kinder gewesen, die nach Holland, Belgien oder Frankreich kamen, würde ich auch nicht mehr leben«, sagte Westheimer 2016 in der Interviewreihe »The Last Survivors« des »Hollywood Reporter«. Sie sagte auch, dass sie keine Holocaust-Überlebende sei, sondern Holocaust-Waise. Westheimer war immer klar und präzise mit Worten, egal ob es um sie selbst oder den Sex anderer Menschen ging. Die 1,42 Meter kleine Frau stand fester im Leben als Rocky Balboa, und ihr Lächeln war so charmant, dass sie später Kiss-Frontmann Gene Simmons genauso um den Finger wickelte wie Late-Night-Ikone David Letterman. Sie hatten keine Chance! Es sei eine Mizwa, das Beste aus seinem Leben zu machen, wenn man dem Massenmord der Nazis entkommen ist, so Westheimer.

Nach Kriegsende ging die damals 17-Jährige nach Palästina, machte ihren zweiten Vornamen zum ersten, lernte Kindergärtnerin und wurde als Soldatin der Hagana ausgebildet, einer israelischen Untergrundarmee im britischen Mandatsgebiet und Vorläuferin der IDF. Durch Zufall entdeckte man, dass das zierliche Mädchen eine begnadete Scharfschützin war. »Bis heute kann ich eine Sten-Maschinenpistole laden, mit verbundenen Augen.« 1990 schrieb sie in der »New York Times«, dass der Ausschluss von Frauen vom US-Militärdienst Sexismus sei.

»Wenn es nach mir ginge, würde ich alle Kriege abschaffen. Aber nachdem ich meine Familie durch die Nazis verloren habe, weiß ich, dass wir unsere Streitkräfte brauchen, um unsere Freiheiten zu schützen. Und es gibt keinen Grund, warum unsere Truppen nur aus einem Geschlecht bestehen müssen.«

In Israels Unabhängigkeitskrieg sei sie »nie in ein richtiges Gefecht gekommen«, wurde aber bei einem Bombenanschlag so schwer verletzt, dass sie fast beide Füße verlor. Da war sie 20. Als Ben Gurion, den sie gern getroffen hätte, »weil er auch klein war«, den Staat Israel ausrief, ging auch für Westheimer persönlich ein Traum in Erfüllung. Israel sei ihre Heimat, »natürlich bin ich Zionistin!«, betonte sie stets, auch im Interview mit dieser Zeitung.

Der Liebe wegen ging sie 1949 nach Paris, wo sie Psychologie studierte, und von dort aus weiter nach New York. Sie machte ihren Doktor und besuchte an der Cornell University Kurse bei Helen Singer Kaplan, eine Pionierin der Sextherapie. Westheimer blieb fünf Jahre als Hilfsprofessorin. Mit 32 lernte sie beim Skifahren in den Catskills Fred Westheimer kennen. »Ich war dreimal verheiratet, die letzte Ehe war die richtige.« Sie war angekommen.

»Dankbarkeit und eine positive Haltung zum Leben«

»Ich habe gelernt, Kontrolle über mein Leben zu übernehmen, soweit möglich, weil ich keine Kontrolle hatte, als ich in die Schweiz geschickt wurde«, sagte Westheimer in ihrem ersten TED-Talk, den sie mit 87 Jahren hielt. »Ich wusste, dass ich Dankbarkeit und eine positive Haltung zum Leben haben muss. Ich wusste nicht, dass ich Sextherapeutin werden würde. Aber ich beschwere mich nicht.«

Tatsächlich stellte Westheimers Expertentum ihr Leben auf den Kopf. 1980, nach einem Vortrag über sexuelle Aufklärung, fragte die NBC an, ob sie eine Radioshow geben wolle, jeden Sonntag nach Mitternacht, 15 Minuten, für 25 Dollar. Sexually Speaking schrieb Radiogeschichte. Unerhört explizit gab die Frau mit dem deutsch-israelisch-französisch-schweizerischen Akzent und einer »Stimme wie ein Mix aus Henry Kissinger und Minnie Mouse« (»The Wall Street Journal«) Anrufern Auskunft über alles, worüber niemand öffentlich sprach, vom vorzeitigen Samenerguss bis zu Fellatio-Tipps. Immer seriös, immer in ihrer klaren Terminologie, »Ich war gut vorbereitet, ich hatte alle Daten«, und immer mit Respekt und vor allem Liebe für die Menschen. 1983 hatte das New Yorker Programm mehr als eine Viertel Million Zuhörer, ging national, und Westheimer landete im Fernsehen. Good Sex! hieß die erste Sendung, daraus wurde die Dr. Ruth Show. Und auch in Israel saßen die Menschen gebannt vor dem Fernseher, und Teenager versteckten sich schamesrot vor ihren Eltern in den Sofakissen.

»Ich habe die Verpflichtung, aus dem Vollen zu leben und in der Welt etwas zu bewirken.«

Westheimer war nun ein Star, Dauergast in Talkshows, schrieb mehr als 40 Bücher, war Gastprofessorin an den Elite-Unis, trat in Filmen auf und in Ally McBeal, war auf Twitter unterwegs und hatte einen YouTube-Kanal. Wann immer es um Sex ging, kam ihr Name ins Spiel. Allerdings ging es Ruth Westheimer immer um so viel mehr. Egal, wen sie vor sich hatte, sie wollte, dass es den Menschen gut geht und dass sie nicht allein sind. Noch im November 2023 wurde Westheimer zu New Yorks erster »Einsamkeits-Botschafterin« ernannt. Sie machte sich für Aids-Kranke stark und für Alzheimer-Patienten, für Teenager, die das erste Mal noch vor sich haben (»Finde zuerst eine gute Beziehung«), und für Senioren, die ihre Libido verlegt haben (»Nicht am Abend Sex haben, sondern in der Frühe«).

Dr. Ruth war für alle da. Ihr wunderbares Lachen und der verschmitzte Blick werden fehlen in einer Welt, in der einem das Lachen zunehmend vergeht. »Ich habe die Verpflichtung, aus dem Vollen zu leben und in der Welt etwas zu bewirken«, sagte sie vor neun Jahren in der Today-Show. Joie de Vivre hieß ihr neues Buch, Lebensfreude. Und die ist sofort da, sobald man nur an Ruth K. Westheimer denkt. Ihr Andenken ist ein Segen!

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