Venezuela

Aschkenase gegen Sefarde

Im Wahlkampf in Venezuela dreht sich alles um das politische Erbe von Hugo Chávez. Foto: dpa

Radonski gegen Maduro heißt es bei den Präsidentschaftswahlen am kommenden Sonntag, den 14. April, in Venezuela. Es sind zwei Politiker, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Henrique Capriles Radonski steht an der Spitze des bürgerlichen Oppositionsbündnisses »Tisch der Demokratischen Einheit« (Mesa de la Unidad Democrática – MUD). Nicolás Maduro Moros hingegen vertritt die Regierungspartei Vereinigte Sozialistische Partei Venezuelas (Partido Socialista Unido de Venezuela – PSUV) und das linke Bündnis »Großer Patriotischer Pol« (GPP).

Während Radonski gemeinsam mit einem Zusammenschluss von Sozial- und Christdemokraten für bürgerliche Freiheiten und gegen ein drohendes »sozialistisches Venezuela« kämpft, will Maduro den langjährigen venezolanischen Staatspräsidenten Hugo Chávez beerben, der am 5. März dieses Jahres einem Krebsleiden erlag. Dessen »Bolivarische Revolution« weiterzuführen, ist Maduros politisches Programm.

Mit Capriles Radonski tritt also einer der seit Jahren profiliertesten Gegner Hugo Chávez’ an, und mit Maduro Moros ist der von dem Verstorbenen noch auf dem Totenbett zu seinem Nachfolger Erkorene sein politischer Kontrahent.

judentum Gemeinsam sind diesen völlig unterschiedlichen Konkurrenten lediglich ihre jüdische Wurzeln. Die Großeltern von Capriles Radonski flohen Ende der 30er-Jahre aus Polen, seine Eltern traten später zum Katholizismus über, einem Glauben, den Radonski lebt: Der 40 Jahre alte Wirtschaftsanwalt ist bekennender Marienverehrer.

Die Vorfahren des 50-jährigen Maduro Moros hingegen sind sefardische Juden von der iberischen Halbinsel. Der potenzielle Chávez-Nachfolger schweigt sich über seinen Glauben aus.

Die jüdischen Wurzeln beider Kandidaten sind aber eher ein Nebenaspekt im Kampf um den Einzug in den Präsidentenpalast Miraflores im Zentrum der venezolanischen Hauptstadt Caracas. Bei der Wahl am kommenden Sonntag geht es vor allem darum, ob das Land weiterhin den Weg einer sozialistisch ausgerichteten »bolivarischen Republik« mit stark autokratischen Zügen gehen wird, wie ihn Chávez in seiner fast 13-jährigen Amtszeit eingeschlagen hat. Oder ob es ein »liberaler Staat« mit der entsprechenden Wirtschaftspolitik wird, wie es Radonski seinen Wählern versprochen hat.

Sowohl der Regierung als auch der Opposition nahestehende Meinungsforschungsinstitute bescheinigen Maduro einen Vorsprung in der Wählergunst von zehn bis 20 Prozent. Allerdings gibt es noch eine große Zahl von unentschiedenen Wählern, und der Wahlkampf ist stark polarisiert.

Fast 19 Millionen Stimmberechtigte gibt es im Land. Vor einem Jahr verlor der MUD-Kandidat Capriles die Wahl, Hugo Chávez erzielte damals 54 Prozent und konnte damit über neun Prozent mehr Stimmen auf sich vereinigen als sein bürgerlicher Konkurrent. Allerdings konnte Chávez wegen seiner Krebserkrankung das Präsidentenamt nicht antreten, Maduro führte als Interimspräsident derweil die Staatsgeschäfte.

auswanderung Antisemitische Beschimpfungen, denen Capriles Radonski sich während des letzten Wahlkampfs im Oktober des Vorjahres immer wieder aus dem Chávez-Lager ausgesetzt sah, fehlen diesmal weitgehend.

Trotzdem verfolgen jüdische Beobachter den Wahlkampf mit Besorgnis. Seit Chávez Staatspräsident wurde, hat sich die Situation der Juden im Land verschlechtert: Von den einst 20.000 Juden lebt inzwischen nur noch weniger als die Hälfte in Venezuela, der Rest ist in die USA oder in umliegende lateinamerikanische Länder ausgewandert oder hat sich in Israel angesiedelt.

Vereint in antiamerikanischer Rhetorik hat sich das Land unter dem Ex-Offizier Chávez eng mit dem Iran verbündet, die diplomatischen Beziehungen zu Israel sind abgebrochen. Viele mittelständische Mitglieder der jüdischen Gemeinde mussten auch aufgrund ihrer verschlechterten wirtschaftlichen Situation emigrieren.

Auch wenn Nicolás Maduro ein heftiger und vor allem auch polemischer Kritiker der Politik Israels ist, hat er sich nicht in die antisemitischen Beschimpfungen seines Ziehvaters in der Auseinandersetzung mit seinem politischen Gegner geflüchtet. Allerdings versucht er seine Kronprinzenrolle zu nutzen, indem er sich als »der politische Sohn von Chávez« bezeichnet. Der ehemalige Metrofahrer und Gewerkschaftsvertreter stand seit Jahren an der Seite des verstorbenen Staatspräsidenten und galt als dessen engster Vertrauter, war Präsident der Nationalversammlung und später über Jahre hinweg Außenminister seines Landes.

chávez-erbe Maduro versucht Wähler und Sympathisanten dadurch zu mobilisieren, dass er sich auf Chávez’ Erbe beruft. Seine Anhänger werden nicht müde, in spanischer Reimform ihre Treue zum verstorbenen »Comandante« zu skandieren: »Chávez, ich schwöre dir, meine Stimme gehört Maduro.« Gleichzeitig malt Maduro das Drohgemälde einer ausländischen Intervention an die Wand: Konterrevolutionäre Kreise planten mithilfe von amerikanischen Agenten, ihn zu ermorden, verkündete er wenige Tage vor seiner Abschlusskundgebung in der Hauptstadt Caracas.

Henrique Capriles Radonski, der in Caracas geboren wurde und gegenwärtig Gouverneur des Bundesstaates Miranda ist, will vor allem die Korruption im Land bekämpfen. Er werde den »Enchufaos« – eine Ableitung von Steckdose –, wie Regierungsfunktionäre, die sich in Staatsunternehmen und Ministerien bereichern, genannt werden, das Handwerk legen, drohte er. Es sei unerträglich, dass Staatsbedienstete ungeniert in die Kassen greifen könnten, während weite Teile der Bevölkerung noch immer in Armut lebten.

iran-connection Der oppositionelle Jurist, der zu den Gründern der Partei Primero Justicia (»Zuerst Gerechtigkeit«) gehört, hat es mit einem sozialreformerischen Programm geschafft, die Opposition in Venezuela zu einem gemeinsamen Bündnis in den Wahlkampf gegen den »Chavismo« zu einen. Er werde die sozialen Programme, die während der Amtszeit von Chávez eingeführt wurden, fortsetzen, hat er seinen Wählern versprochen, die enge Verbindung zu Kuba und dem Iran jedoch beenden.

»Wir sind Millionen, und am 14. gewinnen wir«, twitterte er am vergangenen Wochenende im Internet. Die wenigen zuverlässigen Wählerumfragen deuten allerdings darauf hin, dass der Chávez-Erbe Maduro am Ende bei der Stimmenauszählung die Nase vorne haben wird – und der Chavismus auch noch die nächsten sechs Jahre lang die Geschicke des Landes mit seinen knapp 29 Millionen Einwohnern bestimmen wird.

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