Europäischer Jüdischer Kongress

Appell an Macron: »Nehmen Sie Moshe Kantor von der Sanktionsliste«

Steht seit April 2022 auf der EU-Sanktionsliste: Moshe Kantor Foto: imago stock&people

Der Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses setzt sich für seinen Vorgänger ein. Ariel Muzicant, der im Frühjahr 2022 Moshe Kantor im Vorsitz des Dachverbands folgte, will, dass Kantor von der Sanktionsliste der Europäischen Union genommen wird. Die Entscheidung, ihn dort aufzunehmen, trafen die EU-Regierungen im Zuge des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine.

Der Multimilliardär Kantor, der seit einigen Jahren die britische Staatsbürgerschaft besitzt und in London lebt, wurde nicht nur in Brüssel, sondern auch von der britischen Regierung als Vertrauter Wladimir Putins eingestuft. Die damalige Außenministerin Liz Truss behauptete gar, Kantor sei eine jener Personen, die Putin »zur Stützung seiner Kriegswirtschaft nutzt« und als Hauptaktionär des russischen Düngemittelunternehmens Acron für die Regierung in Moskau »von entscheidender strategischer Bedeutung«. In der Folge wurden Kantors private Vermögen in der EU und in Großbritannien eingefroren und ihm Reisebeschränkungen auferlegt.

Kantor hatte den EJC seit 2007 geführt und auch größtenteils finanziert. Nach der Sanktionierung trat er vom Vorsitz der Organisation zurück. Auch beim Jüdischen Weltkongress, dem internationalen Dachverband jüdischer Gemeinden, verlor der Geschäftsmann, der im September 70 Jahre alt wird, alle seine Ämter. Er hat sich seitdem nicht mehr öffentlich zu Wort gemeldet und musste auch seine philantropischen Aktivitäten stark einschränken.

Doch Kritiker vermuten, dass die Entscheidung, Kantor auf die EU-Sanktionsliste zu nehmen, mehr mit Rachegelüsten polnischer Politiker zu tun haben könnte als mit seinem tatsächlichen Einfluss auf die Politik des Kreml. Der Geschäftsmann lebt nämlich seit mehr als 30 Jahren im Ausland, hat selbst ukrainische Vorfahren und ist seit 15 Jahren in zweiter Ehe mit einer Ukrainerin verheiratet. Auch nehme er auf die Aktivitäten von Acron keinen Einfluss mehr, betonen Kantor nahestehende Personen.

In der Vergangenheit arbeitete er eng mit dem ehemaligen polnischen Staatspräsidenten Alexander Kwasniewski zusammen. Bei der aktuellen polnischen Regierung von der rechten PiS ist Kantor dagegen nicht gut gelitten. Als er 2020 in Jerusalem anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz-Birkenau das World Holocaust Forum organisierte, wollte dort auch Polens Präsident Andrzej Duda das Wort ergreifen. Als das Ansuchen abgelehnt wurde, sagte Duda seine Teilnahme an der Veranstaltung ab. Wladimir Putin hielt dagegen eine Rede. Vertraute Kantors vermuten, dass die polnische Regierung auch deswegen darauf gedrängt habe, Kantor als »Lakaien Putins« unter EU-Strafmaßnahmen stellen zu lassen. Das sei aber nicht gerechtfertigt, weil die Entscheidung, Duda nicht sprechen zu lassen, gar nicht von Kantor getroffen worden sei, betonen sie.

In einem offenen Brief an den französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron, den das Nachrichtenmagazin »Le Point« am Donnerstag auf seiner Webseite veröffentlichte, forderte Ariel Muzicant nun offen, seinen Amtsvorgänger von der EU-Sanktionsliste zu streichen. Er nannte die Brüsseler Entscheidung »nicht nur unverständlich, sondern auch völlig seltsam, ja absurd.« Es gebe für die Einstufung »keine Beweise, keine Erklärung«, so Muzicant.

PUTIN-NÄHE Kantor werde vorgeworfen, Putin nahe zu stehen und zu jener Gruppe von Oligarchen zu gehören, die den russischen Präsidenten umgäben und ihn in seinem Krieg gegen die Ukraine unterstützten. Aber, so Muzicant: »Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein! Dr. Kantor ist lediglich einer der Eigentümer eines russischen Unternehmens, das Düngemittel herstellt. Die Hälfte seiner Familie ist ukrainisch. Er hat Russland vor über dreißig Jahren verlassen und ist jetzt britischer Staatsbürger.«

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Er kenne Kantor gut, so der Österreicher Muzicant weiter, und lobte vor allem dessen Engagement für jüdisches Leben in Europa. »Als Gründer und Vorsitzender der World Holocaust Forum Foundation hat Moshe Kantor fünf internationale Foren organisiert, das letzte 2020 in Yad Vashem in Zusammenarbeit mit dem israelischen Staatspräsidenten Reuven Rivlin anlässlich des 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz. Mehr als fünfzig europäische und internationale Staats- und Regierungschefs kamen zu diesem Anlass zusammen, um sich zu verpflichten, die Erinnerung an den Holocaust zu bewahren und den Antisemitismus zu bekämpfen.«

An Macron gewandt fügte Muzicant hinzu: »Sie waren selbst dabei, Herr Präsident, und ich weiß, dass Sie persönlich sehr bewegt waren.« Die Sanktionierung von Kantor diene nicht der Sache des Friedens in Europa, sondern erweise den Juden in Europa »einen Bärendienst«, schrieb Muzicant.

AUSWIRKUNGEN Angesichts des Krieges in der Ukraine erforderten die Entscheidungen der Europäischen Union »Präzision, Effizienz und Gerechtigkeit«. Die Entscheidung, Kantor zu sanktionieren, sei angesichts dessen »unverständlich und trägt nicht zu den grundlegenden Zielen bei, die Europa angesichts dieses Krieges verfolgt.« Sie sei auch »zutiefst ungerecht, weil die Angriffe auf diesen jüdischen Anführer, der seit fast zwanzig Jahren Stimme und Unterstützer der jüdischen Gemeinden in Europa ist, direkte Auswirkungen auf die jüdischen Organisationen, Gemeinden und das Leben auf dem europäischen Kontinent haben.«

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Seinen offenen Brief an Macron endete Muzicant mit den Worten: »Den Namen von Dr. Moshe Kantor von der Liste der Sanktionierten zu streichen, das Missverständnis aufzuklären, das Unrecht zu korrigieren und dies sehr schnell zu tun, ist eine politische und moralische Forderung, die uns alle angeht.«

Ob sich der französische Präsident und die anderen EU-Regierungen von dem Aufruf beeindrucken lassen, bleibt abzuwarten. Vor Kurzem wurden zwar schon Sanktionen gegen einzelne Personen aufgehoben, Moshe Kantor war jedoch nicht dabei. Auch Klagen von Betroffenen vor dem EU-Gericht in Luxemburg waren bislang erfolglos. Die Klage Kantors ist dort noch anhängig. mth

Österreich

»Die schönste Synagoge der Welt«

Nach aufwendiger Renovierung wurde der Wiener Stadttempel feierlich wiedereröffnet

von Stefan Schocher  08.10.2026

7. Oktober

London: Maskierte Aktivisten protestieren gegen jüdischen Dachverband

Antiisraelische Aktivisten haben den Jahrestag des 7. Oktober 2023 zum Anlass genommen, das Board of Deputies of British Jews verbal anzugreifen. Es gab mehrere Festnahmen

 07.10.2026

Top 50

Die einflussreichsten Juden

Wie in jedem Jahr hat die »Jerusalem Post« ihr Ranking veröffentlicht – mit mehr Frauen und Gruppenplätzen

von Michael Thaidigsmann  07.10.2026

Meinung

Seht her, Berlin und New York: Es geht auch anders

Gerade am 7. Oktober wäre von linker Seite mehr Feingefühl zu erwarten. Zürich zeigt es diesmal vor.

von Nicole Dreyfus  07.10.2026

Fußball

Boykott gegen Israel – schließt sich das Schweizer Frauennationalteam den irischen Männern an?

Der Schweizerische Fußballverband reagierte offen, betonte jedoch, dass der Sport im Zentrum stehen solle

von Nicole Dreyfus  07.10.2026

Schweiz

Leerstellen im Mengele-Dossier

Nicht nur geschwärzte Namen sorgen im Mengele-Dossier des Nachrichtendienstes für Fragen. Auch wichtige Unterlagen fehlen – und niemand kann heute mehr genau erklären, warum.

von Nicole Dreyfus  06.10.2026

Großbritannien

»Die Grünen sind jetzt eine extremistische Partei«

Ein Parteitagsbeschluss der englischen Grünen, in dem der Zionismus als eine Spielart des Rassismus bezeichnet und zur Befreiung Palästinas aufgerufen wird, ist nicht nur in Großbritannien auf heftige Kritik gestoßen

 05.10.2026

Nachruf

Weimer würdigt gestorbene Holocaust-Überlebende Irene Butter

Eine weitere jüdische Zeitzeugin des Holocaust ist tot. Irene Butter starb im Alter von 95 Jahren in den USA. Lange hatte sie nichts von ihren Erlebnissen im KZ erzählt. Dann berichtete sie jahrzehntelang Schülern von ihrem Leben

von Christoph Arens  05.10.2026

Schweiz

Ein Importverbot von koscherem Fleisch gefährdet jüdisches Leben

Ein Kommentar von Jonathan Kreutner, Generalsekretär des jüdischen Dachverbands SIG

von Jonathan Kreutner  02.10.2026