Südafrika

Apartheid und Schoa

Tali Nates gefällt das Wort Museum nicht. Zumindest sei es die falsche Bezeichnung für das Holocaust- und Genozid-Zentrum in Johannesburg, das sie derzeit konzipiert. Museum, das klinge ein wenig zu ruhig. »Es soll eine Begegnungsstätte sein«, sagt die Direktorin, »ein Ort des Gedenkens, aber eben auch der Debatte und aktueller Ausstellungen zu Rassismus.«

Zwei Holocaust-Zentren gibt es bereits in Südafrika, eines in Durban, das andere in Kapstadt. Sie beschäftigen sich beide ausschließlich mit den Verbrechen in Europa zwischen 1933 und 1945. Das Zentrum in Johannesburg aber widmet sich auch anderen Völkermorden, besonders dem in Ruanda im Jahr 1994. »Es gab sehr emotionale Diskussionen«, sagt Nates, »einige meinten, wir sollen einen Ort schaffen, an dem zu Hundert Prozent über den Holocaust gesprochen wird. Aber das von Rassismus verursachte Leid hat nicht 1945 geendet. Wir wollen kein Zentrum einrichten, das Afrika ignoriert.«

Rassismus Und so wird es in den insgesamt rund 800 Quadratmeter großen Räumen mehrere Abteilungen geben. Die größte setzt sich mit dem Schicksal der Juden in Europa während der Schoa auseinander, eine weitere permanente Ausstellung mit dem Völkermord in Ruanda, während ein dritter Bereich für flexibel gewählte Themen bestimmt ist. Davon gebe es reichlich, so Nates: Sei es der Rassismus in Südafrika, den es bis heute gibt, die grausamen Verbrechen an den Herero in Namibia oder auch Zeichen einer frühen Bedrohung von Demokratie, wie etwa Angriffe auf die Pressefreiheit. »Wir wollen zeigen, was wir aus der Vergangenheit für die Gegenwart lernen können«, sagt Nates.

Der bekannte südafrikanische Architekt Lewis Levin konzipiert derzeit den Bau der beiden zweistöckigen Gebäude, die im Frühjahr 2012 eröffnet werden sollen. Eine klare Struktur aus Steinen, die aus der Region stammen, verbunden mit Beton und Stahl. Die Architektur soll nicht nur an Zerstörung erinnern, sondern auch an Bäume in einem Wald. Für Levin werde mit den Konzentrationslagern neben den Fragmenten von Stahl auch das Bild einzelner umliegender Bäume assoziiert.

Finanziert wird das Zentrum von Spenden und mit Hilfe der Stadt Johannesburg, die ein Grundstück zur Verfügung gestellt hat. »Wir profitieren aber besonders von den vielen Freiwilligen, die uns helfen«, sagt Nates, die mit lediglich sechs bis zehn Festangestellten rechnet.

Rund 75.000 Juden leben derzeit in Johannesburg, so viele wie in keiner anderen Stadt Afrikas. Knapp 50 Holocaust-Überlebende arbeiten an der Konzipierung mit und stellen Dokumente ihres Lebens für Ausstellungen zur Verfügung. »Wir bekommen jeden Tag Zusendungen, bewegende Briefe, Erinnerungen an Verstorbene«, sagt Nates. Erst vor ein paar Tagen hat ein Überlebender aus Ungarn ein Paket geschickt. Sein Vater starb in Buchenwald, die Mutter in Auschwitz, er selbst überlebte das KZ knapp. Oft habe sie Tränen in den Augen, wenn sie die Einsendungen sichte, sagt Nates. Ihr eigener Vater gehörte zu den etwa 1.200 Juden, die der deutsche Industrielle Oskar Schindler vor den Gaskammern rettete.

Das Verbrechen der Schoa sei historisch einmalig und nicht direkt mit anderen Formen des Rassismus wie etwa der Apartheid in Südafrika vergleichbar, betont Nates. »Aber Menschen wie Schindler zeigen uns, dass man auch in einem Regime des Unrechts die Wahl hatte – die Wahl, nein zu sagen.«

Derartige historische Beispiele von Widerstand gegen Rassismus nehmen im südafrikanischen Schulsystem mehr und mehr Raum ein. Im Jahr 2007 wurde der Lehrplan umgestellt. Im Geschichtsunterricht wird seitdem zunächst ausführlich über den Nationalsozialismus gesprochen und erst dann über die Entstehung der 1948 eingeführten Apartheid. Auch das trägt zur Bedeutung der Holocaust-Zentren bei. In den Schwesterinstitutionen in Durban und Kapstadt sind Besuche für Schulklassen mehr als ein Jahr im Voraus ausgebucht.

»Man kann Themen wie Apartheid und Genozid nicht vermischen, Genozid ist sehr spezifisch«, sagt Nates. Doch dürfe man nicht ignorieren, dass Südafrika ein rassistischer Staat war, so wie Nazi-Deutschland. »Es gibt gewisse Dinge, die man analysieren kann«, sagt Nates und weist darauf hin, dass in Südafrika mit dem Abstand von 17 Jahren die Bereitschaft steige, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Menschrenrechte Nates misst der Vermeidung zukünftiger Verbrechen gegen die Menschheit ein ähnlich großes Gewicht wie dem Gedenken des Holocausts bei. »Über allem steht die Frage: Was können wir über die Folgen von Einschränkungen der Menschenrechte lernen? Das Land muss von Geschichte lernen. Wir können die universellen Lehren dieser Katastrophe ziehen. Die Menschen müssen verstehen, dass Demokratie ein fragiles Gebilde ist.«

In Afrika sei das besonders wichtig. Ruanda sei nur ein paar Flugstunden von Südafrika entfernt. Aber kaum jemand sei je dort hingereist, um zu verstehen, wie knapp 50 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus binnen weniger Monate 800.000 Menschen ermordet werden konnten. Doch auch in dieser Frage soll das Zentrum kein Ort sein, der allein mit dem Tod assoziiert wird. »Vor Kurzem haben wir ein Fest für zwei Überlebende aus Ruanda organisiert«, sagt Nates: »Sie haben geheiratet.«

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