Warschau

Angezählt: das jüdische Museum POLIN

Historische Synagoge im Museum POLIN Foto: Marta Kusmierz

Die Zukunft des jüdischen Museums POLIN in Warschau ist derzeit ungewiss. Denn etliche Mäzene, die mit ihren Spenden das Museums-Programm finanzieren, schlossen vorsorglich ihre Geldbörsen. Seit Anfang Mai, als der bisherige Museumsdirektor Dariusz Stola den Wettbewerb um den Direktorenposten gegen eine ebenfalls sehr renommierte Mitbewerberin gewann, weigert sich Polens Kulturminister Piotr Glinski, den Gewinner des Wettbewerbs, also Stola, erneut zum POLIN-Direktor zu ernennen.

Institutionen Die Situation ist prekär. Denn die drei Institutionen – das Kulturministerium, die Stadt Warschau und der Verein des Jüdischen Historischen Instituts – müssen ihre Entscheidungen »im Konsens« treffen. So steht es in den Statuten der öffentlich-privaten Partnerschaft, die das Museum finanziert.

Glinski behauptete vor Kurzem in einem Fernsehinterview, dass er erst nach dem Votum der Auswahlkommission von Ereignissen erfahren habe, die Stola als POLIN-Direktor »ungeeignet« erscheinen ließen. So habe Stola angeblich den Wunsch nach einer Konferenz zum Thema »Lech Kaczynski und Israel« abgelehnt, was das Museum aber sofort dementierte.

Mitorganisator Stola habe sich mehrfach positiv über die Rolle Präsident Kaczynskis bei der Entstehung von POLIN geäußert, die Konferenz-Idee auch wohlwollend aufgenommen, den Initiatoren aber vorgeschlagen, sich einen akademischen Mitorganisator wie beispielsweise das Polnische Institut für Internationale Angelegenheiten an die Seite zu holen. Daraufhin sei der Kontakt abgebrochen. Obwohl POLIN mehrfach nachgefragt habe, ob die Lech-Kaczynski-Bewegung die Konferenz noch organisieren wolle, sei keine Antwort mehr gekommen.

Etliche Mäzene schlossen vorsorglich ihre Geldbörsen.

»Der Kulturminister hat das Recht, seine Entscheidung (über den POLIN-Direktor) zu gegebener Zeit zu fällen, und dieses Recht nimmt er jetzt wahr«, erklärte wiederum sein Stellvertreter Jaroslaw Sellin. »Im Museum geschieht nichts Schlimmes. Ausstellungen und Veranstaltungen finden statt. Die finanzielle Stabilität ist gesichert.« Enttäuscht ist hingegen Piotr Wislicki, der Vereinsvorsitzende des Jüdischen Historischen Instituts: »Wir hatten vereinbart, dass das Ergebnis der Auswahlkommission respektiert wird und derjenige zum Direktor ernannt wird, der den Wettbewerb gewinnt, egal, wer es werden sollte.«

Idee Die Idee zu POLIN sei vor 30 Jahren im Jüdischen Historischen Institut entstanden, 2005 sei mit der Stadt Warschau und dem Kulturministerium die erste öffentlich-private Partnerschaft unterschrieben worden: Dabei habe der Verein mit 165 Millionen Zloty (rund 40 Millionen Euro) 40 Prozent der Kosten getragen, Stadt und Ministerium hingegen je 30 Prozent. »Das war ein großer Erfolg«, so Wislicki. »600 Spender aus der ganzen Welt sind am Entstehen von POLIN beteiligt. Aus diesem Grund ist es falsch zu sagen, dass POLIN ein rein staatliches Museum ist.«

Langfristige Entscheidungen für neue Ausstellungen und Museumsprogramme können ohne den auf fünf Jahre gewählten Direktor nicht gefällt werden. Kann POLIN aber keine neuen Wechselausstellungen und kein neues Programm mehr anbieten, ist es als lebendiges Museum am Ende. Der Kern des Problems scheint genau in diesen Wechselausstellungen zu liegen.

Die meisten Besucher bekommen vom Streit um den Direktorenposten nichts mit.

Stola hatte 2018 zum 50. Jahrestag der antisemitischen Hetzkampagne der kommunistischen Partei Polens die Ausstellung Fremd zu Hause zeigen lassen. Schon der Titel stieß vielen PiS-Anhängern negativ auf, begreifen sie doch die polnischen Juden in erster Linie als »Gäste«, deren »Zuhause« in Israel sei, nicht aber in Polen. Zudem seien für die Exzesse gegen Juden und ihre Vertreibung im Jahr 1968 nicht Polen verantwortlich, sondern vaterlandslose Kommunisten.

»PiS«-Anhänger Als »Skandal« empfanden PiS-Anhänger die Gegenüberstellung antisemitischer Stereotype und Phrasen von 1968 und heute. Bezeichne man heute Juden als »räudig«, sei das zwar unschön, stehe aber in einem völlig anderen Kontext als 1968 und sei daher nicht antisemitisch. Dass Juden mit einem polnisch klingenden Namen ihre wahre Identität verschleiern wollten, sei ein Faktum und daher ebenfalls nicht antisemitisch.

Stola, ein Spezialist für die sogenannten Märzereignisse 1968, bot an, jedem Zweifler individuell die Kontinuitätslinien des polnischen Antisemitismus zu erklären. Damit brachte er erneut die PiS gegen sich auf, da ihrer Geschichtsdoktrin zufolge zwar Deutsche, Russen, Ukrainer und alle anderen Völker Antisemiten und Täter sein können, nicht aber die toleranten und gastfreundlichen Polen.

Die meisten Besucher bekommen vom Streit um den Direktorenposten nichts mit. Gerade ist die sehr gut besuchte Kinderausstellung Bei König Macius zu Ende gegangen. Angekündigt ist bereits die nächste Ausstellung Gdynia – Tel Aviv. Förmlich protestiert gegen die Nicht-Ernennung von Stola hat das American Jewish Committee, dessen Mitglieder zum Teil zu den Gründern und Mäzenen POLINs gehören. Sie bangen um die Zukunft »ihres« Museums.

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