Davos

Ärger im Alpen-Schtetl

Eigentlich war es ein privater Brief. Doch als er im Juli den Weg in die Schweizer Medien fand, wurde klar, was für eine Brisanz in ihm steckt. Absender des Schreibens war Reto Branschi, der Direktor des Tourismusbüros von Davos, Adressat war der »Wahl-Davoser« Rafael Mosbacher.

Dieser ist eigentlich Mitglied einer orthodoxen jüdischen Gemeinde in Zürich. Doch weil er sich so häufig in dem bekannten Ferienort aufhält, gilt er als Ansprechpartner sowohl für die Davoser Tourismusvertreter als auch für jüdische Touristen, die in den Kanton Graubünden reisen.

Kritik In dem Schreiben kritisiert der Tourismus-Chef das Verhalten etlicher or­thodoxer jüdischer Besucher. Es kämen immer wieder Klagen, schildert er, die meist kinderreichen jüdischen Gäste würden Windeln in den Wäldern der Umgebung oder bei Ausflügen in den Bergen zurücklassen.

Außerdem habe man bei den Gästekarten, die eine kostenlose Benutzung der Bergbahnen ermöglichen, einen möglichen Missbrauch durch jüdische Touristen feststellen müssen. Sie meldeten überdurchschnittlich oft die Gästekarten als verloren, und so hätten sie ersetzt werden müssen.

Das, so Branschi, sorge allgemein für Unmut, vor allem bei anderen Besuchern. »Ein Teil dieser Gäste will nun Davos im Sommer künftig meiden.«

Rafael Mosbacher konnte die Klagen bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Deshalb legte er den Brief nicht einfach zu den Akten, sondern übersetzte ihn ins Hebräische und veröffentlichte ihn im Internet. Dies führte dazu, dass einige charedische Zeitungen in Israel das Thema sofort aufgriffen.

»Erfreulicherweise taten diese Zeitungen das differenziert«, sagt Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG). Die Blätter hätten versucht, »mit den Berichten die Leser, unter denen es viele Schweiz-Touristen gibt, ein bisschen zu erziehen«.

Dass in den Schweizer Bergen gewisse Regeln gelten, die in charedischen Kreisen in Israel nicht erste Priorität haben, sei eine Erkenntnis, die langsam reifen würde, so Kreutner. »Auch glauben viele fromme Gäste, die sich korrekt verhalten, wenn sich andere Charedim nicht so benehmen würden, sei dies ›Chillul Haschem‹, eine Beleidigung Gottes, und deshalb abzulehnen.« Es habe daher in der charedischen Leserschaft nach der Veröffentlichung des Briefes auch nur wenige Reaktionen gegeben, die den Schweizer Tourismusexperten Antisemitismus vorwerfen.

Der SIG hat sich in der jüngsten Davos-Debatte stark engagiert. »Dies geschah in dem Wissen darum, dass das Verhalten Einzelner immer gleich einen Schatten auf die ganze Gemeinschaft wirft«, sagt Kreutner. Er selbst fuhr sofort nach Davos, als er hörte, dass Schweizer Zeitungen getitelt hatten: »Orthodoxe Juden vertreiben andere Feriengäste«.

missverständnisse »Bei meinem Besuch wurde ich selbst Zeuge gewisser Missverständnisse«, sagt Kreutner. Vielen charedischen Kunden sei nicht bekannt, dass seit einiger Zeit in Schweizer Geschäften (wie in anderen europäischen Ländern auch) für Plastiktüten bezahlt werden muss. »Weist man sie aber darauf hin, sind sie selbstverständlich bereit, dafür zu zahlen wie alle anderen Kunden auch.« Es brauche eben Aufklärung.

Auf jeden Fall will der SIG aus den Davoser Diskussionen dieses Sommers lernen. So sollen bald zwei Broschüren, eine für jüdische Gäste und eine für nichtjüdische Gastgeber, Besonderheiten erklären und darauf hinweisen, worauf zu achten ist. Angedacht ist auch, dass in der Ferienzeit einige jüdische Schweizer vor Ort sind, die bei Bedarf beraten und erklären können.

Der Gemeindebund zieht dabei auch Lehren aus den Vorfällen, die sich vor einem Jahr in einem anderen Ferienort in den Schweizer Bergen zugetragen haben und weltweit für Schlagzeilen sorgten: Im vergangenen Sommer hatte die Verwalterin eines Appartementhauses in Arosa, in dem damals gerade viele Juden, darunter auch Orthodoxe, ihren Urlaub verbrachten, auf einem Schild speziell diese Gäste dazu aufgefordert, vor und nach dem Schwimmen zu duschen. Dies sorgte in jüdischen Gemeinden weltweit für einen Aufschrei und löste sogar diplomatische Vorstöße aus Israel in Bern aus.

Der SIG verteidigte damals schließlich die unglücklich agierende Frau in Arosa: Das Schild sei eine Ungeschicklichkeit gewesen, aber kein Antisemitismus, argumentierte man.

Damit sich ein solcher Fall nicht wiederholt, führte der SIG vor Beginn der diesjährigen Sommersaison mit seinem Dialogprojekt »Likrat Public« in Arosa ein Seminar für Mitarbeiter der Tourismusbranche durch.

seminar Das Likrat-Projekt kommt ursprünglich aus den Schulen: Jüdische Jugendliche erklären ihren Mitschülern das Judentum und wecken so Interesse und auch Verständnis. Nun wurde es erweitert und der neuen Zielgruppe angepasst. Dabei thematisierte man zum Beispiel Fragen wie etwa, warum jüdische Gäste am Schabbat gewisse Dinge nicht tun dürfen, oder was die Speisegesetze bedeuten.

Auf Anfrage zeigte man sich im Tourismusbüro in Arosa mit den Ergebnissen dieser Arbeit sehr zufrieden. Probleme, die in diesem Sommer aus anderen Schweizer Ferienorten (zum Beispiel im Kanton Wallis) gemeldet wurden, blieben in Arosa bisher aus. Und das, obwohl in diesem Sommer deutlich mehr charedische Gäste in die Schweizer Berge gereist sind.

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