Großbritannien

Achtsam wie der Rambam

Lehren Yoga in der Synagoge: Maxine Levy und Mika Hadar Borthwick (l.) Foto: Daniel Zilbersztajn

Im ersten Stock der Alyth-Synagoge im Londoner Stadtteil Golders Green gibt es eine Bibliothek mit Werken zu allem Jüdischen, darunter Geschichtsbücher, religiöse Kommentare und Gebetbücher. In der Mitte des Raums steht ein großer Konferenztisch, an dem bestimmt schon oft über die Interpretationen verschiedener Passagen des Tanach, der Hebräischen Bibel, debattiert wurde.

Sinn Von den Fenstern aus blickt man auf den großen Friedhof der Reformgemeinde. Helles Licht dringt in den Raum, während Stimmen aus dem Kindergarten nach oben schallen. All dies miteinander vereint, kann zum Nachdenken über den tieferen Sinn des Lebens anregen.

Gewiss kann dabei das dreiköpfige Rabbinerteam helfen – aber in dieser Gemeinde gibt es hierfür auch einen anderen Weg: JMM – »Jewish Mindfulness and Meditation« (Jüdische Achtsamkeit und Meditation). Das Konzept haben die beiden Yogalehrerinnen Maxine Levy (54) und Mika Hadar Borthwick (68) gemeinsam mit zwei weiteren Lehrern erstellt. In einer Zeit, da die Synagogen am Schabbat immer leerer werden, gewinnt JMM zunehmend an Popularität.

Die Synagogen werden am Schabbat immer leerer, doch die Yoga-Workshops sind beliebt.

»Kürzlich hatten wir Kurse in einem fast überfüllten Raum mit 50 bis 100 Personen«, erzählt Levy und berichtet von speziellen Seminaren an den Feiertagen. Aber auch sonst sind Levy und Borthwick zweimal im Monat in der Synagoge. Tatsächlich gewinnen Kurse dieser Art in vielen Gemeinden zunehmend an Popularität.

Meditation Doch was genau ist jüdische Achtsamkeit und Meditation? »Etwas, das schon immer Teil der jüdischen Tradition war«, antwortet Mika Hadar Borthwick mit einem verständnisvollen Lächeln. »Wir versuchen keineswegs, die jüdische Tradition zu unterbrechen«, fügt Levy hinzu. »Im Gegenteil, wir genießen das ausdrückliche Wohlwollen der Rabbiner der Gemeinde.«

Lebhaft erzählt Levy von ihrer Jugend, ihrer jüdischen Erziehung bis zur Batmizwa – und wie sie trotz allem kaum Spiritualität empfand. Sie studiert Kunst und arbeitet als Kuratorin. Doch dann, sie ist Mitte 30, erlebt sie den Schock ihres Lebens: »Ein Tumor im fortgeschrittenen Stadium – eigentlich ein Todesurteil«. Über Bekannte entdeckt sie für sich bei einem Besuch in Spanien die Meditation und lernt Shri Om Prakash Tiwari kennen, einen der weltweit bekanntesten Yogalehrer.

Der Krebs verschwindet, und Levy lässt sich zur Yogalehrerin ausbilden. »Yoga und Meditation beziehen sich auf eine tiefe und beobachtende innere Wahrnehmung, Konzentration und Präsenz sowie auf den menschlichen Körper und vor allem auf das Atmen«, erklärt sie. Dies seien Prinzipien, die nicht nur aus dem fernen Osten kämen, sondern auch auf Lehren des Judentums zurückgingen. Levy verweist auf den mittelalterlichen spanischen Kabbalisten Abraham Abulafia, der bereits vor 700 Jahren über Atemübungen zur Vorbereitung von Gebeten schrieb.

Mystik Auch Hadar Borthwick ist Künstlerin und Poetin. Sie trägt markante Ohrringe, rechts eine goldene Feder, links eine goldene Blume. »Asymmetrie ist die Mutter der Bewegung«, sagt sie und lächelt.

Rabbi Nachman und der Lubawitscher Rebbe schickten Studenten zum Lernen nach Indien.

Levy und sie trafen sich vor Jahren durch Zufall. Borthwick hatte Israel verlassen, um in London Kunst zu studieren. Sie erzählt, ihre Familie sei einst chassidisch gewesen, aber ihre Eltern hätten wegen der Schoa den Glauben verloren. Weil sie sich angezogen fühlte von der Vergangenheit und ihren Vorfahren, die sie nicht persönlich kannte, begann sie, chassidische Lehren und Mystik zu studieren. Nebenbei entdeckte sie auch den Buddhismus sowie die Philosophie des Yoga und wurde schließlich Yoga- und Meditationslehrerin. »Es war das Yoga, das bei mir die Suche nach dem Jüdischen verstärkte«, sagt sie.

Wie soll es das Jüdische betonen? »Weil Rabbi Nachman von Brazlaw – er ist meine größte Inspiration – auch ein Yogi war«, antwortet Hadar Borthwick. Und nicht nur er, auch der Lubawitscher Rebbe Menachem Schneerson habe Studenten nach Indien geschickt, damit sie dort Meditation lernen, sagt sie. Denn bei Meditation und Yoga gehe es um die Verbindung zwischen der spirituellen und der physischen Welt, »so wie im Magen David, wo jedes der beiden Dreiecke das eine und das andere darstellt«.

Ein anderer wichtiger Bestandteil der Kurse der beiden Frauen sei Kavana. »Das ist die Richtung, in die Herz und Geist gerichtet sind, um sich ein offenes Herz und Ne­schama (Geist) anzueignen – ganz nach Maimonides, dem Rambam«, sagt Levy.

atemübungen Und wie läuft so eine jüdische Meditationsstunde ab? Hadar Borthwick erklärt, dass sie sich mit den Teilnehmern nach bis zu 30-minütigen Atemübungen auf einfache und doch wesentliche Konzepte konzentriert: zum Beispiel auf den Satz »Modim anachnu lefaneicha« (Wir sind vor Dir dankbar) oder auf das Schma Jisrael. »Dabei geht es um die Frage: Welche Auswirkung hat das auf mich?«, erklärt Borthwick.

Nicht nur Levy und Borthwick fanden durch Meditation und Yoga einen tieferen Weg in das Jüdische, sondern auch andere. So stieß Borthwick bei Kursen, die sie in Spanien und Argentinien leitete, auf Menschen, die plötzlich in Tränen ausbrachen und sich als jüdisch outeten.

Dennoch gibt sich Levy bescheiden. Es müsse nicht Meditation oder Yoga sein, es gebe auch andere Wege zur Besinnung, die den Menschen mit dem Universalen verbinden. »Für manche ist es ein Morgengebet allein, für andere das gemeinsame Beten, für wiederum andere das Lachen von Kindern oder ein Spaziergang im Park.«

Liebe Die Kurse, die die beiden leiten, würden sowohl säkulare als auch streng religiöse Menschen anziehen. »Dabei sprechen wir eigentlich kaum über Gott«, sagt Levy. »Es ist wie mit der Liebe: Keiner kann sie sehen, aber alle wissen, wenn sie da ist.«

Nicht nur Levy und Borthwick fanden durch Meditation und Yoga einen tieferen Weg in das Jüdische.

Levy ist sich sicher, dass es keinen Widerspruch zwischen der Meditation des Hinduismus oder Buddhismus und dem Judentum gibt. »Ich habe einmal eine or­thodoxe Gruppe mit nach Indien genommen und machte mir Sorgen wegen der Gebete auf Sanskrit.

Doch einer der Lehrer erklärte allen, dass sich diese Gebete im Grunde nicht an fremde Götter richteten, sondern sie seien Ausdruck von Dankbarkeit und ein Nachdenken über das Sein.«

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