In eigener Sache

Warum es uns besonders wichtig ist, mit einer Sonderausgabe an Kfir, Ariel und Shiri Bibas zu erinnern

Chefredakteur Philipp Peyman Engel Foto: Marco Limberg

In eigener Sache

Warum es uns besonders wichtig ist, mit einer Sonderausgabe an Kfir, Ariel und Shiri Bibas zu erinnern

Ein Editorial von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  09.06.2025 09:27 Uhr Aktualisiert

Mehr als 500 Tage lang hat ganz Israel für sie gebetet und um ihr Schicksal gebangt. Dann kam die Nachricht, die grausamer nicht hätte sein können: Baby Kfir, sein Bruder Ariel und ihre Mutter Shiri wurden während ihrer Geiselhaft in Gaza von der palästinensischen Terrororganisation Hamas brutal ermordet.

Foto: Jüdische Allgemeine

Israelische Forensiker bestätigten nach der Obduktion der Leichname, dass die beiden Jungs – zum Zeitpunkt ihrer Verschleppung waren sie zehn Monate und vier Jahre alt – nach ihrer Entführung am 7. Oktober 2023 »mit bloßen Händen« ermordet wurden.

In einem abgrundtief zynischen Schauspiel nach einem perfiden Drehbuch der Hamas wurden dem Staat Israel die Leichname von Kfir und Ariel in Särgen überstellt, die mit Propaganda-Material der Terroristen versehen waren. Im angeblichen Sarg ihrer Mutter befand sich nicht Shiri, sondern eine unbekannte tote Palästinenserin.

Schon kurz nach dem 7. Oktober 2023 ist die Familie zum Symbol für die Verbrechen der Hamas und ihrer Opfer geworden. Das Video von Shiri, die ihre beiden rothaarigen Kinder in den Armen hält und verzweifelt versucht, sie vor den Terroristen zu beschützen, während um sie herum Männer »Allahu Akbar« schreien, ging um die Welt.

Lesen Sie auch

Auch uns als »Jüdische Allgemeine« treiben die zahlreichen Schicksale der Hamas-Opfer in höchstem Maße um. Seit dem 7. Oktober ist diese Redaktion mit dem Abbilden einer Wirklichkeit beschäftigt, die oft jedes Vorstellungsvermögen übersteigt. Journalisten sprechen ungern über ihre Gefühle, allzu oft – vielleicht auch aus Selbstschutz – verstecken sie sie hinter professionellem Auftreten. Doch die Gefühle sind da. Bei der Nachricht von Baby Kfirs Tod mussten auch erfahrene Kollegen dieser Redaktion weinen. Trauer, Wut, Ohnmacht, Fassungslosigkeit: Es war für einen kurzen Moment alles zu viel. Und ehrlicherweise ist es das bis heute in manchen Momenten immer wieder.

Zugleich stellen wir fest, dass diese Trauer weitgehend auf die jüdische Gemeinschaft beschränkt ist. Am Brandenburger Tor versammelten sich gerade einmal 150 Menschen zu einer Gedenkkundgebung für die Familie Bibas. Am Tag der Beerdigung der Deutsch-Israelis äußerten sich Außenministerin Baer­bock und Kanzler Scholz zu vielen Themen, nicht aber zur Beisetzung der ermordeten Staatsbürger.

Während die deutsche Außenministerin in den vergangenen 12 Monaten keine Gelegenheit ausgelassen hat, daran zu arbeiten, Israel international weiter zu isolieren, fand die Grünen-Politikerin hier einmal mehr keine Sprache. Erst am nächsten Tag folgten – nach Mahnung aus dieser Redaktion - ein paar Worte. Kälter kann man seine angebliche Anteilnahme nicht ausdrücken.

Zugleich ist zu beobachten, dass auch nicht wenige Journalistenkollegen in anderen Redaktionen dem Schicksal der Familie Bibas mit einer merkwürdigen Indifferenz begegnen. Es ist bezeichnend und traurig: In der Online-Ausgabe der »Süddeutschen Zeitung« etwa fand sich am Abend des Begräbnisses dazu nicht ein einziger Text auf der Startseite. Stattdessen ein Stück unter dem Titel »Wer sind die freigelassenen Palästinenser?«. Stattdessen ein Stück zu Trumps Gaza-Video. Stattdessen ein Stück mit deftiger Kritik an Friedrich Merzʼ israelsolidarischen Aussagen.

Lesen Sie auch

Nicht viel anders sah es bei einem weiteren deutschen Leitmedium aus. Auf »Zeit Online« wurde die Beerdigung von Kfir, Ariel und Shiri Bibas – mit einer lieblosen dpa-Meldung – im letzten Drittel der Startseite platziert. Ganz oben auf der Seite dagegen fand sich ein hymnisches Porträt von dem israelfeindlichen Linken-Politiker Ferat Koçak, der in Berlin-Neukölln – einem Hotspot des linksorientierten und muslimischen Judenhasses – nicht trotz seiner irritierenden Äußerungen zu Nahost gewählt wurde, sondern gerade auch ihretwegen. Vor dem Text zur Beerdigung war sogar ein zweites Mal das Porträt von Koçak verbaut.

Zugleich kann man damit rechnen, dass diese Medien fast jeden Schritt der israelischen Regierung – mal mit guten, mal mit weniger guten Gründen – kritisieren und mit mehreren Texten bedenken.

Lesen Sie auch

Jeder macht Fehler. Darum geht es nicht. Aber diese Themenauswahl und diese Gewichtung sind keine Ausnahme. Sie sind die Regel. Wir fragen uns, warum das so ist. Wir fragen uns, warum Mitgefühl und Empathie verweigert werden.

Umso wichtiger ist es uns als Jüdische Allgemeine, an das Schicksal der Familie Bibas zu erinnern. Wir möchten dazu beitragen, dass sie niemals vergessen wird. In der jüdischen Geschichte galt schon immer: »Zachor!« – Gedenke! Möge die Erinnerung an Kfir, Ariel und Shiri Bibas ein Segen sein.

engel@juedische-allgemeine.de

Kommentar

Absage an Danger Dan und Igor Levit: Das ZDF hat absolut richtig gehandelt

Nicht alles, was nicht justiziabel ist, muss auch gesendet werden. Schon gar nicht unverhohlene Aufrufe zur linksextremen Gewalt und Verherrlichung der »Hammerbande«-Terroristen

von Philipp Peyman Engel  17.07.2026 Aktualisiert

Rechtsterrorismus

NSU-Unterstützerin Susann E. zu zwei Jahren Haft verurteilt

Im Prozess gegen Susann E. in Dresden ist das Urteil gesprochen. Weil sie der NSU-Terroristin Beate Zschäpe mit ihrem Ausweis und ihrer Krankenkassenkarte aushalf, wurde sie verurteilt. In Haft muss sich nicht.

 17.07.2026

Frankfurt am Main

»Widerstand ist Völkerrecht«-Demo darf stattfinden

Laut Staatsanwaltschaft liegt trotz des Demo-Mottos »Palästina darf sich wehren, auch mit Steinen und mit Gewehren« keine Volksverhetzung vor

 17.07.2026

Mainz

»Mutlos«: »Anstalt« reagiert auf Ausladung von Danger Dan

Die Macher der Satiresendung kritisieren die Entscheidung des ZDF deutlich. Auch der Musiker selbst meldet sich nochmal zu Wort - es geht auch um das Thema Gewalt

 17.07.2026

Berlin

SPD-Arbeitskreis fordert Ende deutscher Blockade gegen EU-Kurs zu Israel

»Es ist nicht glaubwürdig, wenn deutsche Waffen dazu dienen, die humanitäre Katastrophe zu verlängern«, sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete Ralf Stegner

 17.07.2026

Washington D.C.

Trump-Nachfolge: Juden wenden sich von Vance ab, setzen auf Rubio

Zu den Gründen für den Vertrauensverlust gehören Vorstöße Vances gegen israelische Regierungsvertreter. Rubio hingegen hat schon immer Unterstützung für Israel gezeigt

 17.07.2026

Reform

Die Rente ist sicher

Trotz Stimmungstief in Deutschland: Die Vorschläge der Alterssicherungskommission weisen in die richtige Richtung

von Ayala Goldmann  17.07.2026

TV

Danger Dan contra ZDF: Ein Songtext und seine Folgen

Die Satiresendung »Die Anstalt« beschäftigt sich mit Radikalisierung. Der Rapper Danger Dan, der sich seit Jahren gegen Rechtsextremismus engagiert, sollte auftreten. Doch das ZDF lädt ihn aus

 17.07.2026

Budva

Israelis in Montenegro attackiert: Opfer berichtet von gebrochenem Kiefer

Einer der betroffenen Touristen: »Sie beschimpften uns, traten uns und warfen Stühle nach uns.«

 17.07.2026