Israel

Wunder der Freiheit

Foto: Getty Images/iStockphoto

»Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist«, wusste David Ben Gurion und rief vor 75 Jahren Israels Unabhängigkeit aus. Das Mirakel war nicht die Proklamation des jüdischen Staates am 14. Mai 1948. Die völkerrechtliche Grundlage war bereits im November 1947 durch die Vereinten Nationen geschaffen worden. Deren Vollversammlung beschloss die Teilung des ehemaligen Völkerbund-Mandatsgebiets Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat sowie Jerusalem.

In der Stunde des Abzugs der Briten erklärte die zionistische Führung des Landes Israels Souveränität. Die Juden tanzten vor Freude auf den Straßen. Sie bejubelten, dass nach 2000-jähriger Vertreibung aus ihrem verheißenen Land, der Zerstreuung in alle Welt, fortwährendem Judenhass, der im Völkermord mündete, die Hebräer wieder ihre alt-neue Heimat regierten. Das war historisch beispiellos.

schwächen Das folgende Wunder setzte danach ein – und hält bis heute an: das Standhalten Israels als singuläre Demokratie – mit allen Schwächen – gegen feindliche Diktaturen, autoritäre Staaten und Terrororganisationen. Durch Israels Existenz wurde zudem für alle Juden weltweit ein Asyl geschaffen.

Bereits Stunden nach der Ausrufung Israels fielen die Armeen der arabischen Staaten, von Großbritannien ausgerüstet und von englischen Offizieren angeleitet, in Zion ein. Im Land führten bereits bewaffnete arabische Verbände einen Untergrundkrieg gegen die jüdische Gemeinschaft. Das militärische Wunder wurde erzwungen. Das Heer der 650.000 Juden hielt den Streitkräften der arabischen Invasoren stand.

Das Wunder ist erklärbar, die Juden hatten keine Alternative. Sie kämpften um ihre Existenz, wollten nicht ins »Meer geworfen« werden, wie ihre Feinde ihnen verhießen. Nach einem halben Jahr hatte Israel den Krieg gewonnen. Dafür zahlte es einen hohen Preis und trägt bis heute an einer Hypothek: Jeder 50. israelische Mann wurde damals getötet. Auf palästinensischer Seite wurden mehr als 600.000 Menschen vertrieben – oder sie flohen.

kampf Mit Ausnahme Jordaniens war kein arabisches Land bereit, die palästinensischen »Brüder« zu integrieren. Stattdessen wurden deren junge Männer von arabischen Ausbildern zum Kampf gegen Israel geschult. So wurde die Saat für einen bis heute anhaltenden »Krieg ums Heilige Land« gelegt.

Die meisten arabischen Staaten haben sich im Laufe der Zeit mit Israel arrangiert. Die von den eigenen »Brüdern« niedergehaltenen Palästinenser bleiben außen vor. Als ihr Patron spielt sich seit der Islamistischen Revolution von 1979 Iran auf. Teheran bekämpft Israel bis zum letzten Palästinenser. Die Palästinenser selbst haben bislang keine Gelegenheit versäumt, eine Gelegenheit zum Frieden mit Israel zu verpassen.

Durch Israels Existenz wurde für alle Juden weltweit ein Asyl geschaffen.

Die anderen Wunder ereigneten sich in Israel sowie in seiner globalen Bewertung. Noch während des Unabhängigkeitskrieges wurden 1949 die ersten Wahlen zur Knesset abgehalten. Eindeutige Sieger waren die linken Parteien unter der Dominanz David Ben Gurions. Man baute Israel zum sozialistischen Staat auf. In den ersten Jahren nahm Zion mehr als 1,5 Millionen jüdische Einwanderer auf: europäische Überlebende des Völkermords und etwa 800.000 geflüchtete Juden aus den arabischen Ländern.

solidarität Deren Schicksal wird doppelt ignoriert. Vom Ausland, das seine Solidarität weitgehend auf die Palästinenser beschränkt – die Juden sollen gefälligst nicht länger Opfer, sondern auch Täter sein. Und in Israel selbst. Die israelische Linke war – und bleibt bis heute – arrogant genug, den »Orientalen, Sefarden, arabischen Juden« nahezulegen, sich gefälligst die europäische Denkweise und Kultur anzueignen. Das machten diese nicht mit.

Stattdessen wandten sich die »Orientalen« der politischen Rechten zu. 1977 entschieden sie die Wahlen zugunsten von Menachem Begins Likud. Der war keineswegs ein »Faschist«, wie Ben Gurion ihn beschimpft hatte. Begin war ein gewissenhafter Demokrat. Seine Regierung schloss Frieden mit Sadats Ägypten. So wurde das Tor zum Ausgleich mit den übrigen arabischen Staaten aufgestoßen.

Zudem befreite die Likud-Koalition das Land aus seiner sozialistischen Zwangsjacke. Das bescherte der israelischen Wirtschaft ungekannte Freiheit. Der linke Premier Yitzhak Rabin verband wirtschaftliche Reformen mit Friedenspolitik. Deshalb wurde er 1995 von einem religiösen Fanatiker ermordet.

aufschwung Den raschen Aufschwung vom Orangen-Exporteur zur führenden Hightech-Nation bewerkstelligten Israels innovative Forscher, Ingenieure, Unternehmer. Sie wurden dabei tatkräftig von Premier Benjamin Netanjahu unterstützt. Aber Bibi hält zu lange die Zügel in der Hand. Er wurde selbstgerecht, ist wegen Bestechlichkeit und Korruption angeklagt.

In der neuen Regierungskoalition bewirken Netanjahus nationalistisch-religiöse Koalitionspartner ein blaues Wunder. Sie sind dabei, die Unabhängigkeit der Justiz, vor allem aber die empfindliche Balance der israelischen Gesellschaft zwischen Säkularen und Religiösen, Juden und Arabern, Rechten und Liberalen nachhaltig zu beschädigen. Dagegen laufen seit Monaten die freien Israelis Sturm. Sie wollen das notwendige Wunder erzwingen: die israelische Demokratie zu stabilisieren und zu erneuern.

Der Autor ist Politologe, Historiker und Schriftsteller. Zuletzt erschien sein Buch »Rafi, Judenbub«.

Luftfahrt

Wer kontrolliert die Flüge nach Israel?

Nach dem vereitelten Anschlag auf einen Flydubai-Flug gerät das israelische Sicherheitssystem für ausländische Airlines unter Druck

von Sabine Brandes  08.10.2026

Hintergrund

Terror über den Wolken

Wie Pilot und Passagiere im Flug von Dubai nach Tel Aviv eine Katastrophe verhinderten

von Sabine Brandes  08.10.2026

Diplomatische Beziehungen

Britisches Konsulat in Jerusalem bleibt als Mission bestehen

Israel reagiert auf britische Sanktionen gegen israelische Siedlungspolitik, mehrere Diplomaten verlassen das Land. Gänzlich geschlossen wird das britische Konsulat in Ost-Jerusalem aber doch nicht

 08.10.2026

Meinung

Wenn Journalisten Terroristen sind – 170 Namen und eine unbequeme Wahrheit

Unser Autor reflektiert über die grundsätzliche Frage, was »Journalismus« in einem Gebiet bedeutet, das seit Jahren von einer totalitären Terrororganisation beherrscht wird

von Daniel Neumann  08.10.2026

7. Oktober

»Erinnern heißt auch, nach der Wahrheit zu suchen«

Bei der großen Gedenkveranstaltung im Hayarkon-Park standen die Opfer im Mittelpunkt – und die Forderung nach einer unabhängigen Untersuchungskommission

von Sabine Brandes  08.10.2026

Mentale Gesundheit

Die Einsamkeit wiegt am Schwersten

Fast eine Million Israelis suchten seit Kriegsbeginn Hilfe bei der psychischen Notfall-Hotline Eran

von Sabine Brandes  07.10.2026

Porträt

Nach der Musik das Essen

Der Norden war von Terror und Krieg besonders geschunden. Aber auch Absagen aus dem Ausland beendeten Shachar Bers Karriere als Drummer. Mit einer eigenen Aufstrich-Marke wagt er den Neuanfang

von Sabine Brandes  07.10.2026

Nachrichten

Massage, Kibbuz, Opposition

Kurzmeldungen aus Israel

von Sabine Brandes  07.10.2026

Kommentar

Wenn Chuzpe Leben rettet

Die bemerkenswerte Abwesenheit von Scham, Vorsicht und Selbstzweifel ist eine israelische Eigenart. Im Fall des Flydubai-Fluges half sie, eine Katastrophe zu verhindern

von Sabine Brandes  07.10.2026